„Große Verantwortung“ – Österreichischer Architekt gestaltet Grabstein für Kundera in Brünn
Die Stadt Brno / Brünn hatte dieses Jahr die Gestaltung eines Grabsteins ausgeschrieben – und zwar für niemand Geringeren als den Schriftsteller Milan Kundera und seine Frau Věra. Den Auftrag erhalten hat der österreichische Architekt Johannes Paar. Gegenüber Radio Prag International schildert er, was an dem Auftrag so besonders ist und wie der Grabstein aussehen soll.
Vorvergangenes Jahr starb der tschechisch-französische Schriftsteller Milan Kundera in Paris. Sein Wunsch war es, in seiner Heimatstadt Brünn beigesetzt zu werden. Da wenig später auch seine Frau Věra verstarb, soll ein Gemeinschaftsgrab entstehen, in dem die beiden Urnen beigesetzt werden. Mit einer internationalen Ausschreibung hat der Brünner Magistrat nach der Gestaltung des Grabsteins gesucht. Den Zuschlag hat der Österreicher Johannes Paar erhalten, der ein Architekturbüro in Wien betreibt. Er schildert, dass er Anfang des Jahres die Ausschreibung auf der Website der österreichischen Architektenkammer entdeckt habe:
„Dort war auch der Wettbewerb für den Grabstein ausgelobt, was ungewöhnlich und sehr selten ist, da in der Regel viel größere Projekte aufgeführt werden. Für mich war das aber sehr interessant und eine kleine Herausforderung, daran teilzunehmen.“
Der Entwurf von Johannes Paar überzeugte die Jury, er machte das Rennen unter insgesamt 38 Mitbewerbern. Der Architekt beschreibt selbst, was er für die letzte Ruhestätte des Ehepaars Kundera vorhat:
„Der Grabstein von Milan und Věra Kundera macht etwas, was ein Grabstein eigentlich nicht machen soll oder nicht machen kann. Er erweckt zumindest den Anschein, dass er zu schweben beginnt. Grundsätzlich ist der Stein so groß wie das Grab selbst, also eine Grabplatte. Er ist sehr schlicht gehalten, bis auf diesen Moment der Irritation – weil es nämlich so aussieht, als hätte sich die Grabplatte vom Boden gelöst und würde circa 15 bis 20 Zentimeter über der Erde schweben. Es gibt also einen Spalt, und so entsteht dieser unmögliche und auch etwas absurde Moment.“
Bei der Wahl des Materials hat sich der Architekt für etwas Schlichtes entschieden...
„Es gab keine Vorgabe bezüglich des Materials. Ich möchte aber gerne einen Teil der Aufgabenstellung, der für mich sehr wesentlich war, vorlesen: ‚Aus dem Wettbewerb soll ein Vorschlag für die Realisierung des Grabsteins hervorgehen, der künstlerisch anspruchsvoll ist und dem Wunsch des Ehepaars Kundera nach Einfachheit in der Gestaltung Rechnung trägt. Kunderas schriftstellerischer Stil ist analytisch, nicht symbolisch, nicht expressiv, sondern reduziert, aber nicht vereinfachend, sondern immer auf eine intellektuelle Pointe abzielend und nicht ornamental.‘ Mein Entwurf ist daher auch in der Form reduziert, und das Material ist einfach. Es handelt sich um Beton. Natürlich hat Beton in seiner Art, wie er hergestellt wird, immer auch einen Bezug zum Ort. Weil das Gestein, aus dem er besteht, in der Regel lokal ist. Prinzipiell geht es darum, ein sehr simples, einfaches Material zu wählen, das durch eine Bearbeitung der Oberfläche aber eine Eleganz bekommt. Dadurch dass es geschliffen wird und ein heller, weißer Zement verwendet wird, erhält es eine schöne Anmutung.“
Wie in der Ausschreibung gefordert, hat sich Johannes Paar seinen Worten nach von Kunderas Werk inspirieren lassen. Motive aus mehreren Büchern des Autors würden dort hineinspielen.
„Es sind Widersprüche, die sich in einem Punkt herauskristallisieren. Wie etwa der zwischen leicht und schwer, möglich und unmöglich oder ernst und unernst – also selbst in ernsten Situationen nicht auf Humor und Ironie verzichtend“, so Paar.
Wie gut aber kennt der Architekt den Verfasser von Romanen wie „Der Scherz“, „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ oder „Die Langsamkeit“? Johannes Paar gesteht, er habe bisher nur zwei oder drei Bücher von Milan Kundera gelesen:
„Ich bin jetzt aber dabei, noch viel tiefer einzutauchen. In den folgenden Monaten kommt es zu einer tieferen Auseinandersetzung, weil es nicht nur um die Idee für den Grabstein ging, die Teil des Wettbewerbs war, sondern dieser Stein nun auch realisiert werden soll. Im Juli 2026 soll er dann tatsächlich auf dem Ehrenfriedhof in Brünn stehen.“
Die beiden Urnen des Ehepaars Kundera sind derzeit noch in der Mährischen Landesbibliothek in Brünn gelagert. Sie sollen auf dem sogenannten Ehrenring des Brünner Zentralfriedhofs beigesetzt werden – in der Gesellschaft etwa des Komponisten Leoš Janáček oder des Dichters Ivan Blatný. Es handelt sich um den letzten freien Platz auf dem Ehrenring.
„Natürlich sehe ich das auch als symbolische Rückkehr, auf dem Friedhof in der Heimat begraben zu werden. Insofern ist es eine große Verantwortung, die ich trage, um diesen Ort zu gestalten“, gesteht Architekt Johannes Paar.
Der Grabstein soll am 10. Juli kommenden Jahres installiert werden – es ist der Vorabend von Kunderas drittem Todestag.








