Gründung eines ausländischen Fußballclubs vor 90 Jahren

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Zum Abschluss unserer heutigen Feiertagssendung haben wir noch ein kleines Schmankerl aus der Welt des Sports für Sie parat. Nicht zuletzt hören Sie jeden zweiten Freitag an dieser Stelle unseren Sportreport, doch diesmal soll auch er etwas feierlich ausfallen. Und wo feiert man mitten in Prag in großen Gruppen mithin am besten? Richtig, in der touristischen Biergaststätte "U Fleku", wo man in der direkt angegliederten Privatbrauerei einen unverwechselbaren schwarzen Gerstensaft herstellt. Dieses Bier wird schon seit dem Mittelalter hier gebraut. Daher ist es nur allzu selbstverständlich, dass sich um das Wirtshaus viele Anekdoten ranken und sich in ihm auch historische Ereignisse abgespielt haben. Wie die Deutsche und Tschechen. Geschichte - Kultur - PolitikGründung eines ausländischen Fußballclubs vor 90 Jahren. An dieses Jubiläum erinnert eine jüngst in der Schenke enthüllte Gedenktafel, und auch wir wollen uns auf die Spur des 90-jährigen Fußballvereins begeben. Um welchen Verein es sich dabei handelt, das verrät Ihnen gleich der Autor des nachfolgenden Beitrags, Lothar Martin.

Ja, der Fußball wurde schon zur Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Tschechien und ganz besonders in Prag groß geschrieben. Die heutigen Traditionsclubs Sparta und Slavia Prag existierten bereits und gaben ein glänzendes Vorbild zur Nachahmung ab. So auch für vier junge kroatische Studenten, die am 13. Februar 1911 im Bierlokal "U Fleku" den vor allem in Dalmatien sehr beliebten kroatischen Spitzenverein Hajduk Split gegründeten. Doch warum sollte ich Ihnen das alles erzählen? Überlassen wir das doch lieber dem Sportjournalisten und Kroatien-Spezialisten Miroslav Strelecek, mit dem ich mich über dieses etwas ungewöhnliche Jubiläum unterhielt. Und dabei interessierte mich zunächst am meisten, warum es zur Gründung von Hajduk Split gerade hier in Prag gekommen war. Mirek wusste natürlich Bescheid:

"Das kam daher, weil in jenem Jahr 1911 sowohl Tschechen als auch Kroaten in einem gemeinsamen Staat, nämlich der Ungarisch-Österreichischen Monarchie lebten. Die persönlichen Bande zwischen Tschechen und Kroaten waren sehr eng und tief, viele Kroaten lebten seinerzeit in Prag, insbesondere Studenten. Auch ihnen schmeckte das tschechische Bier, zudem hatte man in Prag viele Möglichkeiten sich zu vergnügen und seine Freizeit zu verbringen. Und so bekamen sie hier auch ihre ersten Fußballspiele zu sehen, denn es existierten bereits die Vereine Sparta und Slavia Prag. Das waren damals berühmte Clubs und gerade dieser Fakt inspirierte die kroatischen Studenten Fabian Kaliterna, Lucijan Stella, Ivan Sakic und Vjekoslav Ivanisevic beim Bierumtrunk im ´U Fleku´, daheim in Kroatien auch einen Fußballclub ins Leben zu rufen. Daher gründeten sie hier den Verein Hajduk Split und brachten aus Prag auch sogleich den ersten Fußball mit in ihre Heimat."

Der Prager Traditionsclub Slavia Prag, der seinerzeit in der Lage war, außer den britischen Vereinen jede Mannschaft in Europa zu schlagen, blieb auch für Hajduk zunächst das Maß aller Dinge. Darum war es nahezu logisch, dass die Kroaten ihre ersten internationalen Vergleiche gerade gegen die Rot-Weißen von der Moldau bestritten. Darauf angesprochen, bestätigt mir Mirek Strelecek:

"Jawohl, das war im Jahr 1913, in dem Slavia der überhaupt erste ausländische Gegner von Hajduk, d.h. der erste Kontrahent außerhalb des damaligen kroatischen Territoriums war. In jenem Jahr wurden zwei Partien in Split ausgetragen, die mit zwei Kantersiegen für Slavia endeten: 9:0 und 13:1. Die Höhe der Ergebnisse war keine Sensation, denn Hajduk stand erst am Anfang und Slavia Prag war bereits ein renommierter Club."

Doch die Spieler von der dalmatinischen Adriaküste lernten schnell. Im bald entstehenden Jugoslawien erkämpften sie sich bald viele Sympathien und fuhren auch so manchen Titel ein. Mirek Strelecek weiß es ganz genau: "Betrachten wir zunächst die jugoslawische Liga, so hat Hajduk von deren Anfängen in den zwanziger Jahren bis zum Jahr 1991, als es zum Zusammenbruch Jugoslawiens kam, insgesamt je neun Meistertitel und Pokalsiege errungen. Seit Einführung der eigenständigen kroatischen Liga gewann Hajduk zudem viermal die Meisterschaft - zuletzt in diesem Jahr - und dreimal den Landespokal."

Aber Split hat inzwischen auch internationale Erfolge zu verzeichnen. Bei einem der bisher größten räumten sie auch einen tschechischen Kontrahenten aus dem Weg, was Mirek Strelecek wie folgt bestätigte: "Jawohl, das war im Jahr 1984 im Viertelfinale des UEFA-Pokals, wo Hajduk und Sparta Prag aufeinander trafen. Hajduk schaltete Sparta damals mit den Ergebnissen 0:1 in Prag und 2:0 nach Verlängerung in Split aus. Im Halbfinale scheiterten die Kroaten dann etwas unglücklich am späteren Cupgewinner Tottenham Hotspur. Zuvor war Hajduk bereits 1973 im Cup der Pokalsieger bis ins Semifinale gelangt, wo man mit Leeds United wiederum gegen einen englischen Club den Kürzeren zog."

Solche Erfolge konnten natürlich nur durch Teams errungen werden, die erstklassige Einzelspieler in ihren Reihen hatten. Bei der Auflistung der namhaftesten von ihnen, gerät Mirek Strelecek fast ins Schwärmen: "Was die deutschsprachigen Länder anbelangt, so war es vor allem Branko Oblak, der zu nennen ist, weil er es in den 70-er Jahren schaffte, beim besten deutschen Verein und aktuellen Champions-League-Gewinner Bayern München einen Vertrag zu erhalten. Ende der 70-er Jahre erwies sich Ivan Buljan als eine große Stütze des Hamburger SV und zu Beginn der 90-er Jahre war es Slaven Bilic, der in Deutschland auf sich aufmerksam machte, indem er nicht nur beim Karlsruher SC spielte, sondern auch eine zeitlang der Kapitän der Badener war. Aber wenn ich über die größten Legenden von Hajduk Split sprechen soll, die sich in Europa durchgesetzt haben, dann waren dies zweifelsohne in den 80-er Jahren die Gebrüder Zlatko und Zoran Vujovic."

Miroslav Strelecek wusste natürlich noch jede Menge weiterer Namen zu nennen, aber für deren Aufzählung würde unsere Sendezeit vermutlich nicht ausreichen. Ich wollte daher wissen, ob nicht umgekehrt auch tschechische Spieler einmal das Trikot von Hajduk Split übergestreift haben. "Einige Tschechen haben in der Tat für Hajduk Split gespielt. Vor dem zweiten Weltkrieg war es der frühere tschechoslowakische Nationalspieler Jiri Sobotka, der für Split kickte, Ende der 80-er/Anfang der 90-er Jahre dann Jiri Jeslinek und Mitte der 90-er Jahre Karol Prazanica. Bei den beiden Letzteren handelte es sich um ehemalige Akteure von Slavia Prag."

Womit sich der Kreis wieder schließt und wir bei dem Prager Verein angelangt sind, der die vier jungen Kroaten 1911 inspirierte, im berühmten Lokal "U Fleku" ihren heute auch über die Ländergrenzen hinaus populären Heimatclub zu gründen. Daher ist auch Mirek Strelecek überzeugt davon, dass die guten Kontakte zwischen beiden Teams auch über das 90-jährige Jubiläum der Spliter hinaus eine Fortsetzung erfahren werden. "Gerade als sich die Feierlichkeiten zum 90-jährigen Jubiläum der Gründung von Hajduk Split näherten, haben beide Clubs wieder den engeren Kontakt miteinander aufgenommen. Letzten Endes wurde der Kontakt sogar auf Botschaftsebene hergestellt, denn kein Geringerer als der kroatische Botschafter in Prag war bei der aus Anlass des Jubiläums vorgenommenen Enthüllung der Gedenktafel im Gasthaus "U Fleku" zugegen. Slavia Prag wurde zu einem freundschaftlichen Vergleich nach Split eingeladen, es wird zudem ein Rückspiel in Prag geben und ich denke, dass die sehr engen Bande zwischen beiden Clubs noch weitere Jahrzehnte andauern werden."