Güterbahnhof Žižkov: Kultur statt Abriss

Güterbahnhof Žižkov (Foto: Archiv Radio Prag)

Vor rund 80 Jahren war er der größte Güterbahnhof Europas: der Güterbahnhof im Prager Stadtteil Žižkov. Seit den 1930er Jahren diente er vor allem zum Umladen von Waren auf Lkw. Zudem konnten dort Waren gelagert werden. Heute wird der Bahnhof nicht mehr für seinen ursprünglichen Zweck genutzt. Doch das Areal ist aus architektonischer Sicht einzigartig – und das nicht nur in Tschechien. Einige Bürgerinitiativen haben sich deswegen in den letzten Jahren darum bemüht, den Bahnhof vor dem Abriss zu retten. Eine dieser Initiativen veranstaltete vorige Woche im Stadtteil Žižkov eine Diskussion über die weitere Nutzung des Güterbahnhofs. Zu den Teilnehmern der Debatte gehörten Kommunalpolitiker, Kunsthistoriker, Experten für Denkmalschutz und für Verkehr sowie Vertreter von Baufirmen.

Güterbahnhof Žižkov (Foto: Archiv Radio Prag)
„Tady není developerovo“ – auf Deutsch etwa „Hier ist kein Developerland“ – so heißt eine Bürgerinitiative im Stadtteil Žižkov, die Aufklärungsarbeit leisten und das dortige Kulturerbe retten will. Zu diesem Kulturerbe gehört auch der Güterbahnhof. Gemeinsam mit anderen Vereinen hat die Initiative nun einen bedeutenden Erfolg im Kampf gegen den Abriss des Bahnhofs verbucht. Michal Novotný arbeitet beim „Verein für das alte Prag“. Seit 2010 plädiert er für die Rettung des Bahnhofs:

„Das Resultat unserer gemeinsamen Bemühungen ist, dass der Güterbahnhof im März endgültig zum Kulturdenkmal erklärt worden ist. Aus dem Grund steht er nun unter Denkmalschutz. Ich halte es für sehr nützlich, dass inzwischen in Prag eine anregende Diskussion entfesselt wurde, in der grundlegende Fragen nach den Möglichkeiten der Nutzung des Bahnhofs gestellt werden.“

Matěj Stropnický und Naděžda Goryczková (Foto: Martina Schneibergová)
Nichts hat sich jedoch daran geändert, dass der Bahnhof und die Gebäude dort den Tschechischen Bahnen gehören. und diese wollen sie aber nicht nutzen. Auf die Neugestaltung der Gebäude müssen sich die Besitzer und die Denkmalschutzexperten einigen. An den Verhandlungen beteiligen sich auch die Vertreter des dritten Stadtbezirks. Der Vizebürgermeister von Prag 3, Matěj Stropnický von den Grünen:

„Wir wären froh, wenn die Gebäude vor allem zu kulturellen Zwecken sowie zu Bildungszwecken dienen würden. Ich habe verschiedene Institutionen angesprochen, die Interesse für diese Räumlichkeiten bekundeten. Dazu gehören unter anderem das Stadtmuseum, die Stadtbibliothek, das Kunstgewerbemuseum, das Nationale Filmarchiv oder das Jüdische Museum.“

Foto: Martina Schneibergová
Für Galerien oder Archive sind die Gebäude technisch gut ausgestattet: Es gibt dort geräumige Güterlifte mit hoher Tragbarkeit. Das Bahnhofsareal müsse jedoch nicht ausschließlich den Kulturzwecken dienen, meint die Leiterin des staatlichen Denkmalschutzamtes, Naděžda Goryczková:

„Das hiesige Areal ist so groß, das es imstande ist, verschiedene Funktionen zu erfüllen. Ich möchte an ein Beispiel einer geglückten Konversion eines Industriegeländes erinnern, und zwar an die Hüttenwerke in Duisburg – Meiderich. Dort gibt es neben Ausstellungen und Konzerten auch Raum für sportliche Aktivitäten. Zudem werden dort verschiedene Volksfeste wie z. B. Bierfeste veranstaltet. Das Areal lebt, und das Angebot von Veranstaltungen ist sehr bunt.“

Foto: Martina Schneibergová
Um die Pläne zur Konversion des Güterbahnhofs in die Tat umzusetzen, wollen sich die interessierten Prager Galerien, Museen und andere Institutionen nun zu einer Vereinigung zusammenschließen. Dann wollen sie gemeinsam über die konkrete Nutzung der einzelnen Abschnitte des Areals verhandeln. Dies wird wahrscheinlich noch ein paar Monate lang dauern, wie in der Diskussion vorige Woche erklang.

Eine der nächsten Veranstaltungen im Bahnhof steht aber schon jetzt fest: Am kommenden Donnerstag wird dort die Prager Kunstbiennale eröffnet.