Haindlová: Tschechischer Fußball muss Transparenz und Glaubwürdigkeit wiederherstellen

Markéta Haindlová (Foto: Kristýna Maková)

Der tschechische Fußball zeigt sich gegenwärtig nicht gerade von seiner besten Seite. Seit dem Bestechungsskandal in der Saison 2003/04 wird er das Image nicht los, in vielerlei Hinsicht korrupt zu sein. Und auch das einstige Aushängeschild, die Nationalmannschaft, ist in der Krise. Erst jüngst verpasste sie die Qualifikation zur WM in Brasilien. Gegen diese Entwicklung kämpfte zuletzt eine Gruppe von jungen und gut ausgebildeten Sportfunktionären an, darunter die 29-jährige Markéta Haindlová. Von 2010 bis 2013 war Haindlová Vorsitzende der Berufungs- und Revisionskommission beim tschechischen Fußballverband (FAČR). Seit diesem Jahr leitet sie die Geschicke der Spielergewerkschaften im tschechischen Fußball und Eishockey.

Markéta Haindlová (Foto: Kristýna Maková)
Markéta Haindlová wurde 1984 in Prag geboren, hat Ihre Kindheit aber vorwiegend im Ausland verbracht. Ihr Vater war als Mathematikprofessor in ein europäisches Projekt eingebunden, was dazu führte, dass die Familie ein Jahr in England, danach in Frankreich und schließlich für längere Zeit in den Niederlanden wohnte. Die dort gewonnenen Eindrücke und gesammelten Erfahrungen haben die Sportjuristin bis heute geprägt.

Frau Haindlová, in jungen Jahren sind Sie also schon viel herumgekommen, studiert aber haben Sie zu Hause in Prag, und zwar Jura. Dann aber schlugen Sie die Spezialisierung Sportrecht ein. Wie ist es dazu gekommen, was hat Sie daran gereizt?

„Ich wollte mich von Anfang an auf etwas spezialisieren, das auf dem tschechischen Jura-Grundstudium aufbaut. Ich habe dann ein Stipendium von der FIFA, also dem Weltfußballverband in Zürich erhalten. Das Stipendium galt der Fachrichtung Sportrecht. Aus diesem Grund bin ich damals in die Schweiz gezogen. Meiner Meinung nach ist das Sportrecht eine junge Disziplin, die sich noch im Wachstum befindet. Das Attraktive an diesem Studiengang war, dass ich auch die Möglichkeit hatte, aktiv an der Ausarbeitung der Rechte und Gesetze im Sportrecht mitzuwirken.“

Nach Ihrem Studium in Zürich und einiger Praxis als Juristin in Brüssel und Zürich haben Sie dann auch sofort ein ziemlich einmaliges Angebot für Ihren beruflichen Einstieg bekommen – sie konnten als Juristin beim tschechischen Fußballverband arbeiten. Wie ist es dazu gekommen, und was waren die Hauptgründe für Sie, dieses Angebot anzunehmen?

„Der Hauptgrund war sicherlich meine vorausgegangene Bewerbung auf eine freie Stelle beim tschechischen Fußballverband. Damals war es aber noch nicht sicher, dass ich die Position auch wirklich zugesprochen bekomme. Dann hat sich der frisch gekürte Verbandschef Ivan Hašek an mich gewandt und mir die Stelle zugesichert. Für mich war es verlockend und eine große Chance, das in der Schweiz Erlernte hier in Tschechien anzuwenden. Ich konnte die im Sportrecht gelehrte Theorie also gleich in der Praxis umsetzen. Zudem war Hašek für mich eine große Hoffnung, denn er wollte neue Gesichter in den nationalen Verband bringen und einige Punkte verändern.“

Ivan Hašek (Foto: Tomáš Adamec, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Ivan Hašek, der damalige Präsident des tschechischen Fußballverbandes hat Sie quasi in sein Kompetenzteam geholt. Aber schon nach zwei Jahren, im Sommer 2011, ist Ivan Hašek als Verbandschef überraschend zurückgetreten? Fühlten Sie sich damals von ihm im Stich gelassen? Oder hatten Sie volles Verständnis für dessen Rücktritt?

„Als Hašek als Verbandschef zurückgetreten ist, waren diejenigen, die ihn vorbehaltlos unterstützt hatten und wegen ihm überhaupt erst zur Führungsetage des Verbandes gestoßen waren, größtenteils geschockt. Sie fühlten sich in gewissem Sinne verraten. Viele waren sehr enttäuscht über seinen Weggang, und dieser Abgang hat die Situation im Verband dann auch nachhaltig verändert. Ich konnte seine Gründe lange nicht verstehen, bis ich selbst für das Amt des Vorsitzenden des tschechischen Fußballverbandes kandidiert habe. Mittlerweile kann ich Hašeks Entscheidung wenigstens teilweise nachvollziehen. Man sagt ja allgemein, man kann vieles erst verstehen, wenn man es selbst durchmacht. Nach zwei Jahren weiterer Arbeit im Verband verstand ich schon ein wenig mehr die Gründe, die ihn zum Rücktritt bewegt haben.“

Miroslav Pelta (Foto: Radim Beznoska, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Nach Hašek wurde Miroslav Pelta zum neuen Chef gewählt, und auch viele ältere Funktionäre rutschten wieder ein Stück nach oben. Es heißt, seitdem tritt der tschechische Fußball wieder auf der Stelle, denn in der Führungsetage des Verbandes regierten wieder Vetternwirtschaft und Begünstigungen, ja sogar von Korruption ist die Rede? Was sind Ihrer Meinung nach die Missstände im Verband?

„Das ist eine Frage, über die man sich stundenlang unterhalten könnte, aber ich versuche, sie wenigstens ansatzweise zu beantworten. Eines der Hauptprobleme im tschechischen Fußball der Gegenwart ist der Bürokratismus, der im Vorstand wie auch in den höheren Positionen herrscht. Dort fehlt es an einem Grundmaß an Diplomatie. Ich habe schon mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass der tschechische Fußball von den Steuerzahlern mitgetragen wird, das heißt jeder von uns zahlt für diesen Sport. Doch diese Tatsache wird kaum beachtet. Wenn wir auf die großen Fußballnationen, auf deren Vereine und auch auf andere Vereine schauen, dann findet man zudem eine Verbindung zur Politik. Der Fußball wird also auch politisch gebraucht. Man darf dabei nicht vergessen, dass der Fußball die meisten Mitglieder unter allen Sportarten hat. Deswegen finde ich, dass in der Führungsetage des Verbandes wie auch in den Vorständen der Vereine Leute sein sollten, die ihre Tätigkeit transparent ausüben und nicht von alten Mustern oder gar negativen Einflüssen wie Korruption bestimmt werden. Denn meiner Meinung nach haben Führungskräfte neben der sportlichen Fachkompetenz auch eine politische Verantwortung. Der Verband muss wirtschaftlich professionell und wie eine normale Firma geführt werden, denn schließlich wird im Fußball jede Menge Geld umgesetzt. Momentan hat der tschechische Fußball in der Öffentlichkeit ein ziemlich negatives Bild, das besonders durch frühere Manipulationen oder Wettskandale entstanden ist. Dem müssen wir entgegenwirken und den Glauben an einen sauberen Fußball wiederherstellen. Immer wenn ich zum Beispiel Vorträge an der juristischen Fakultät halte, betone ich, wie wichtig eine klare Regelung beim Doping einschließlich der Kontrollen ist. Ein Verlust an Glaubwürdigkeit bedeutet auch immer einen Verlust an dem kommerziellen Wert des Produktes. Viele Firmen investieren so auch kein Geld mehr in den Verband, da sie mit dessen schlechten Image nicht in Verbindung gebracht werden wollen. Ein weiteres Problem ist sicher, dass die gegenwärtige Generation der Profifußballer qualitativ nicht gerade die beste ist. Die Ära von Spielern wie Karel Poborský oder Vladimír Šmicer ist leider vorüber. Umso mehr müssen wir den Nachwuchs fördern und unterstützen durch Leute, die auch geschätzt werden. Dazu müssen das finanzielle Engagement von Firmen gewonnen als auch die Fans überzeugt werden, wieder verstärkt in die Stadien zu gehen oder Fußball zumindest im Fernsehen zu verfolgen. Um es noch einmal auf den Punkt zu bringen: Transparenz und Glaubwürdigkeit im tschechischen Fußball müssen wiederhergestellt werden.“

Foto: Kristýna Maková
War Ihr Versuch, bei der letzten Wahl des Verbandspräsidenten im Juni dieses Jahres als Gegenkandidatin von Pelta anzutreten nicht deshalb von vornherein zum Scheitern verurteilt? Oder war es den Versuch wert – wenn ja, warum?

„Ich bereue eigentlich nie etwas getan oder versucht zu haben, ich ziehe aber meine Lehren daraus. Ich wusste natürlich über das Kräfteverhältnis und die Situation im tschechischen Fußballverband bescheid, dennoch mussten einige Dinge laut und in der Öffentlichkeit gesagt werden. Ich empfand es einfach als meine Bürgerpflicht, mich nicht kampflos zu ergeben, sondern zumindest zu versuchen, im Sinne meiner bisherigen Arbeit weiterzumachen. Zudem haben mich mehrere Spieler wie auch Vereinsfunktionäre dazu angespornt, für dieses Amt anzutreten, das war für mich eine große Motivation. Und zu dieser Zeit gab es schlicht keinen anderen Kandidaten, der sich der aktuellen Führung hätte entgegenstellen können. Meiner Meinung nach aber ist in jeder Gesellschaft und auf allen Ebenen eine Opposition immer ein gesundes und vielleicht sogar ein unverzichtbares Mittel. Mit meiner Kandidatur hoffte ich, vielleicht doch noch etwas im Verband bewegen zu können.“

Karel Poborský (Foto: Archiv Erbia GC)
In den gegenwärtigen Strukturen des Fußballverbandes sind Sie also nicht willkommen, für die jetzige Führung galten Sie als unerwünschte Person. Sie haben jedoch schnell ein neues Betätigungsfeld gefunden. Im Juli wurden Sie zur Vorsitzenden der Spielergewerkschaft bei den Fußballern (ČAFH) gewählt, und bei den Eishockeyspielern üben Sie die Funktion der stellvertretenden Gewerkschaftschefin (ČAIHP) aus. Was bedeuten diese Funktionen für Sie? Und weshalb sind diese Vereinigungen für Sie sehr wichtig?

„Ich habe die Spielergewerkschaft der Fußballer zusammen mit Karel Poborský gegründet. Also war diese Funktion nicht vollkommen neu für mich, ich bin lediglich um eine Position nach oben geklettert. Und an der Gewerkschaft der Eishockeyspieler haben wir ebenso schon längere Zeit gearbeitet. Diese Organisationen haben in Tschechien bislang gefehlt, wir waren eines der letzten Länder in Europa, das solche Gewerkschaften in diesen Sportarten noch nicht hatte. Die Gründungen der Spielergewerkschaften waren folglich ein logischer Schritt. So wie es in der Politik eine Opposition gibt, so ist es auch im Sport wichtig, dass es neben den Vertretungen, die die Clubs und der Verband haben, auch eine Vertretung gibt, die die Interessen der Spieler wahrnimmt. Da ich Sportrecht studiert habe, befasse ich mich in den Gewerkschaften vornehmlich auch mit den rechtlichen Aspekten. Meiner Meinung nach sind die Spielervertretungen im Fußball und im Eishockey ungemein wichtig.“

Ajax-Anhänger (Foto: Onderwijsgek, Free Domain)
Frau Haindlová, wie auch zu hören war, sind Sie sehr sportbegeistert und vor allem sehr fußballinteressiert. Haben Sie eigentlich einen Lieblingsverein, dem Sie die Daumen drücken?

„Ich sehe mir gern technisch guten und läuferisch starken Fußball an und drücke auch den Mannschaften, die ihn interpretieren, die Daumen. Also wenn ich Spiele von hohem Niveau sehe, dann wünsche ich mir auch, dass die bessere Mannschaft gewinnt. Da ich aber eine Zeitlang in den Niederlanden aufgewachsen und seitdem mit diesem Land eng verbunden bin, ist mein Lieblingsverein Ajax Amsterdam.“

Autor: Lothar Martin
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