Halb Straßenbahn, halb Zug: Mittelböhmischer Kreis will „vlakotramvaj“ einführen

TramTrain in Karlsruhe, Deutschland

Pläne für die Einführung eines Verkehrsmittels, das Zug und Straßenbahn zugleich ist, gab es in Tschechien schon einige. Nun hat der Mittelböhmische Kreis die Debatte erneut in Bewegung gebracht. Bevor die Regiotrams aber tatsächlich den Betrieb aufnehmen könnten, bedarf es noch einer Gesetzesänderung.

Tomáš Javořík | Foto: ČVUT

„Das Fahrzeug sieht eher aus wie eine Straßenbahn. An der Stadtgrenze fährt es aber auf das klassische Eisenbahnnetz“, so beschreibt Tomáš Javořík von der Verkehrsfakultät der Technischen Universität ČVUT das Konzept der Regionalstadtbahn. Im Deutschen kursieren viele Begriffe für diese Verknüpfung von Eisenbahn und Straßenbahn, auch die englische Bezeichnung „Tram-Train“ findet Verwendung. Im Tschechischen spricht man hingegen von der „vlakotramvaj“, einem Kofferwort aus „vlak“ (Zug) und „tramvaj“ (Straßenbahn).

Die Wagen eines solchen Schienenfahrzeugs sind meist schmal, damit der Betrieb in engen Altstadtgassen möglich ist. Zugleich müssen die Fahrzeuge die strengen Sicherheitsanforderungen an gängige Züge erfüllen. Der eindeutige Vorteil ist laut Javořík der größere Komfort für die Passagiere:

„Der Reisende kommt im Stadtzentrum zu einer Straßenbahnhaltestelle und fährt von dort ohne Umstieg an sein Reiseziel.“

Die Regionalstadtbahn in ihrer heutigen Form wurde erstmals in den 1990er Jahren in Karlsruhe eingesetzt, bis heute gilt die Stadt mit ihrem Modell als Vorreiterin. Aber auch in Saarbücken, Chemnitz und weiteren Städten in Deutschland und Europa gibt es ähnliche Konzepte.

Regionale Eisenbahnlinie zwischen Prag und Mittelböhmen | Foto: Tomáš Adamec,  Archiv des Tschechischen Rundfunks

In Tschechien plante man in den Nuller Jahren etwa eine „Regiotram Nisa“. Sie sollte Liberec mit Jablonec nad Nisou und weiteren Städten an der Neiße verbinden und perspektivisch bis nach Polen und Deutschland reichen. Auch in den Gegenden von Most, südlich von Olomouc / Olmütz und im Böhmerwald gab es in der Vergangenheit Pläne für eine Regiotram. Keines der Vorhaben wurde jedoch umgesetzt. Im Mittelböhmischen Kreis ist die Debatte um die „vlakotramvaj“ in den letzten Jahren aber noch nicht abgeebbt.

„Bei uns gibt es viele Orte mittlerer Größe, bei denen die Eisenbahnstrecke bis zu anderthalb Kilometer vom Zentrum entfernt liegt. Die Regiotram soll nicht nur auf den Eisenbahnstrecken unterwegs sein, sondern auch als Straßenbahn in den einzelnen Städten fungieren“, sagt Zdeněk Šponar, der den mittelböhmischen Verkehrsverbund IDSK leitet. Ginge es nach ihm, könnten die Regiotrams künftig etwa Čelákovice und Neratovice verbinden. Denkbar seien aber auch die Strecken von Prag nach Dobříš oder Hostivice.

Direktor des Integrierten Verkehrs der Mittelböhmischen Region Zdeněk Šponar | Foto: IDSK

Allerdings erlaubt die tschechische Gesetzgebung derzeit gar keine Verknüpfung von Straßenbahn- und Eisenbahnverkehr. Das Verkehrsministerium hatte 2012 vor, dies zu ändern, rückte von den Plänen schlussendlich aber wieder ab. Nun will Mittelböhmen handeln…

„Der Mittelböhmische Kreis wird durch eine Gesetzesinitiative durchsetzen, dass Regionalstraßenbahnen auch in Tschechien betrieben werden dürfen“, sagt Šponar.

In Prag betrachtet man das Vorhaben allerdings mit Skepsis. So geht Verkehrsminister Martin Kupka (Wahlbündnis Spolu) nicht davon aus, dass sich die Zweisystembahnen in Tschechien auszahlen würden. Dem Tschechischen Rundfunk sagte er:

Martin Kupka | Foto: Regierungsamt der Tschechischen Republik

„Aus den Analysen, die uns vorliegen, geht hervor, dass die Regiotrams nicht der ideale Weg für Tschechien wären. Es wird eher die Trennung von Straßenbahnstrecken und klassischer Eisenbahn vorgeschlagen.“

Die Tschechischen Bahnen (ČD) hatten zwar vor zwei Jahren angekündigt, eine Regiotram aus dem Ausland in Tschechien testen zu wollen. Wie der Beförderer nun aber bekanntgab, verhandele man immer noch über die Leihgabe.

Während der Traum von der „vlakotramvaj“ in Tschechien also noch weit entfernt scheint, will man in Mittelböhmen nichts dem Zufall überlassen. So waren Mitte August Vertreter des dortigen Verkehrsverbundes zu Gast in Karlsruhe. Mit den deutschen Kollegen wurde ein Memorandum über den Erfahrungsaustausch unterschrieben. Die Experten aus Karlsruhe sollen die Planungen für Mittelböhmen also beratend begleiten, etwa hinsichtlich des rechtlichen Rahmens, nationaler und europäischer Normen sowie des wirtschaftlichen Betriebs einer Regiotram. Die Vereinbarung gilt vorerst bis Ende 2026.

Autoren: Ferdinand Hauser , Jakub Vik | Quelle: Český rozhlas
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