Hohe Bildung in kleinen Wohnungen: Ausstellung zur „Untergrund-Universität“ in Brünn
Lernen, wie demokratisch diskutiert wird – das stand in den Hochschulen der kommunistischen Tschechoslowakei nicht auf dem Lehrplan. Dennoch gab es hierzulande in den 1980er Jahren Kurse zu Themen einer freiheitlichen Gesellschaft. Sie fanden in Privatwohnungen statt, und alle Beteiligten mussten strenge Regeln der Konspiration einhalten. Über diese „Untergrund-Universität“ (Podzemní univerzita) informiert derzeit eine Ausstellung in Brno / Brünn.
Keine Teilnahmebestätigungen, keine Prüfungen, kein Diplom. Und trotzdem gab sich das, was in den 1980er Jahren in Prag, Brünn und Bratislava stattfand, selbstbewusst die Bezeichnung „Universität“. Heimlich wurde in privaten Treffen über Freiheit, Demokratie und Kunst gelehrt. Eine Anwesenheitspflicht gab es nicht. Im Gegenteil: Die sogenannte „Untergrund-Universität“ (Podzemní univerzita) war attraktiv für alle, die mehr wissen wollten, als das Regime zuließ. Weiter beschreibt Petra Pichlová vom Mährischen Landesmuseum in Brünn im Interview mit Radio Prag International:
„Der Begriff ‚Untergrund-Universität‘ meint geheime Seminare in Privatwohnungen. Diese gab es in der Tschechoslowakei im Prinzip während der gesamten totalitären Zeit. Aber am meisten verbreiteten sie sich nach der Charta 77. Die ‚Untergrund-Universität‘ war eine alternative Bildungsform für jene, denen sonst keine höhere Bildung ermöglicht wurde. In Zeiten der Normalisierung wurde vielen der Zugang zu einer Hochschule verwehrt. Also suchten sie andere Wege, um sich zu bilden.“
Einer dieser Wege waren Kurse, die in Privatwohnungen abgehalten wurden. Als Lehrende waren dabei meist Wissenschaftler und ehemalige Hochschulprofessoren aktiv, die auch einen bestimmten Kreis ihrer Studenten hinzuzogen.
Diese Seminare gab es Ende der 1970er Jahre zunächst in Prag, ab 1981 dann auch in Brünn. Dort war die Wohnung des Dissidenten und früheren Studentenaktivisten Jiří Müller ein wichtiger Treffpunkt. Und auch Petr Oslzlý, der später zum Rektor der Janáček-Akademie für Musik und darstellende Künste werden sollte, spielte eine zentrale Rolle. Zu den Inhalten der Seminare sagt Pichlová:
„Es begann mit Vorträgen über Philosophie. Petr Oslzlý ist jedoch eine Persönlichkeit mit einer breiten künstlerischen Ausrichtung. Er ist Theaterdramaturg, Regisseur und Schauspieler mit einem großen Interesse an bildender Kunst und Musik. Darum wollte er die Wohnungsseminare als eine Art Faculty of Arts gestalten und auf das weite Feld der Kunst ausrichten. Zuerst hielten also Philosophen Vorträge, aber bald folgten bildende Künstler, Musiker oder auch Ökologen.“
Für die „Untergrund-Universität“ gab es tatkräftige Unterstützung aus dem Ausland. Der wichtigste Partner der hiesigen Dissidenten war die Jan Hus Educational Foundation (Jan-Hus-Bildungsstiftung), die 1980 extra zu diesem Zwecke in Oxford gegründet wurde. Akademiker aus Großbritannien und anderen westlichen Ländern reisten regelmäßig nach Prag, Brünn und Bratislava, um bei den Wohnungsseminaren zu unterrichten. Die Stiftung gab zudem Übersetzungen wichtiger Bücher zum Thema Demokratie heraus und schmuggelte sie ins Land.
Zeichnungen statt Notizen
Engster Vertrauter von Jiří Müller war der britische Philosoph Roger Scruton. Dies und vieles mehr erfährt man in der aktuellen Ausstellung des Mährischen Landesmuseums, die Petra Pichlová mitkuratiert hat. Die Schau heißt „Paprsky svobody“ (Strahlen der Freiheit) und hat den Untertitel „Britische Hilfe für Brünner Dissidenten in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts“. Präsentiert würden dabei nicht nur trockene Texte, betont Pichlová:
„Wir haben auch Fotos gesammelt, was jedoch ziemlich schwierig war. Denn zu den Geheimhaltungsregeln der Kurse gehörte, dass nicht fotografiert und nichts aufgenommen werden durfte. Es existieren also keine Dokumente. Aber wir haben auch einige Gegenstände. Die Unterstützung von Seiten der Briten bestand nämlich nicht nur darin, Wissenschaftler für die Vorträge herzuschicken, sondern sogar auch ausländische Technik. Darum stellen wir einen Computer, einen Drucker sowie eine Videokamera und zugehörige Kassetten aus, die damals hergebracht wurden.“
Bei der Zusammenstellung der Exponate hat das Museum eng mit der Jan-Hus-Stiftung zusammengearbeitet, die ihren Sitz inzwischen übrigens in Brünn hat. Und einen wesentlichen Beitrag für die Ausstellung würden außerdem die Zeitzeugen leisten, so die Kuratorin:
„Einige Zeitzeugen leben noch. Ihre Berichte sind für uns sehr wichtig, denn es gibt nicht viele Dokumente. Eine Vorstellung davon, wie diese Seminare abliefen, bekommen wir aber auch aus den sogenannten Reports. Dies sind Reiseberichte, die die britischen Lektoren nach der Rückkehr aus der Tschechoslowakei verfassten. Auf ihrer Grundlage können wir rekonstruieren, wie das in der ČSSR ablief. Andere Berichte haben wir nicht.“
Die Organisatoren, Verbindungsleute und auch die Studierenden hätten alle Informationen zu den Seminaren – also Namen, Adressen oder Termine – schlicht im Kopf behalten müssen, um die Geheimhaltung zu gewährleisten, fügt Pichlová hinzu. Und die wenigen Dokumente aus der Zeit erfordern manchmal sogar einige Detektivarbeit, um den Zusammenhang mit der „Untergrund-Universität“ in Brünn herzustellen...
„Manche Vortragenden versuchten, ihre Notizen auf eigene Art zu verschlüsseln. Die Künstlerin Helen Ganly zum Beispiel zeichnete Bildchen in ihren Kalender. Für sie selbst hatten diese eine bestimmte Bedeutung, aber für die Grenzsoldaten waren es einfach Zeichnungen. Ganly entzifferte diese dann wieder nach ihrer Rückkehr nach Großbritannien.“
Einen solchen Grad an Konspiration habe hingegen die „Untergrund-Universität“ in Prag nicht entwickelt, räumt die Historikerin ein:
„In Prag waren die Wohnungskurse tatsächlich gefährlich. Einige Briten wurden dabei auch festgenommen. Bill Newton-Smith zum Beispiel verschleppte man im Winter weit aus Prag hinaus, und im Schnee musste er dann allein zurückfinden. Genau das wollte man in Brünn vermeiden. Obwohl die Untergrund-Seminare also von der gleichen Organisation veranstaltet wurden, unterschieden sie sich in diesen beiden Städten doch deutlich. In Brünn waren sie sicher und wurden bis 1989 nicht von der Staatssicherheit entdeckt.“
Dies war den strengen Geheimhaltungsregeln zu verdanken, die dort von allen Beteiligten eingehalten wurden. So habe Jiří Müller für das Brünner Netzwerk zwei Gruppen von Unterstützern gebildet, schildert Pichlová weiter:
„Jiří Müller teilte zwei Funktionen zu. Es gab reine Lektoren, die für ihre Vorträge in die Wohnung des Ehepaar Oslzlý kamen. Sie konzentrierten sich nur auf ihre Vorlesungen, mussten sich keine Angaben merken und nichts organisieren. Und dann gab es die Funktion der Kuriere, die vor allem jungen Studenten von Roger Scruton zukam. Sie blieben der Wohnung von Oslzlý absolut fern und kamen nur zu den Müllers nach Hause. Mit diesem Ehepaar regelten die Kuriere dann alle praktischen Angelegenheiten, wie die Lieferung der Technik, das Auswendiglernen der Namen und Adressen oder auch die finanziellen Hilfen.“
Einer dieser Kuriere war Wolfgang Stock. Seine Eltern waren aus der DDR nach Großbritannien geflohen, und er studierte daraufhin in Oxford. Zu Gast bei der Ausstellungseröffnung in Brünn im Oktober dieses Jahres berichtete Stock gegenüber der Presseagentur ČTK, dass er seine erste konspirative Reise in die ČSSR noch als Abenteuer betrachtet habe. Der Mut der hiesigen Dissidenten und Intellektuellen, die ihre Berufe nicht ausführen und nur einfache Arbeiten verrichten durften, habe jedoch einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Dadurch habe er zu jedem Preis weiter helfen wollen, betont Stock. Und so schmuggelte er etwa chiffrierte Disketten mit Samisdat-Texten über die Grenze.
Teilnehmer war auch späterer Premier
Viele Studierende der „Untergrund-Universität“ sind bis heute unbekannt. Denn sie hätten schon zu jener Zeit nur anonym an den Kursen teilgenommen, begründet Petra Pichlová. Das Team des Mährischen Landesmuseums bemühe sich zwar, die Zeitzeugen zu identifizieren, aber das sei nicht einfach, so die Historikerin.
Unter den wenigen bekannten Absolventen sind Menschen, die nach der Wende hohe Positionen in Tschechien einnahmen und sich am Aufbau von freien akademischen Strukturen beteiligten. Das ist zum Beispiel der ehemalige Senator und einstige Rektor der Brünner Masaryk-Universität, Jiří Zlatuška. Und auch sein Nachfolger, der gerade scheidende Premier Petr Fiala (Bürgerdemokraten), hat die „Untergrund-Universität“ besucht. Darum ist er auch einer der Schirmherren der aktuellen Ausstellung. Pichlová berichtet:
„Petr Fiala gehörte zu den regelmäßigen Zuhörern, und nach der Samtenen Revolution von 1989 blieb er in Kontakt mit Roger Scruton. Der Brite half sehr beim Aufbau des Politologielehrstuhls in Brünn. Daran ist also zu erkennen, dass die Wohnzimmer-Seminare Früchte trugen. Sie waren wirklich nutzbringend und gaben den Zuhörenden sehr viel mit.“
Die Ausrichtung der Kurse verlangte den Organisatoren aber auch viel ab. Dieses persönliche Risiko werde in der Ausstellung in Brünn durch einen Trabanten symbolisiert, sagt die Kuratorin. Das Auto erzähle die Geschichte von der Ausweisung Roger Scrutons aus der ČSSR im Jahr 1985:
„Im Juni des Jahres wurde er in einem Brünner Park von der Staatssicherheit festgenommen. Sie identifizierten Scruton als britischen Staatsbürger und schickten ihn deshalb zum Verhör. Jiří Müller überzeugte die Beamten aber, dass Scruton noch seine Dokumente und persönlichen Sachen aus Müllers Wohnung holen müsse, um zum Verhör zu erscheinen. Müller hatte eben einen Trabant, und damit begann eine rasante Fahrt durch Brünn. Denn er wollte natürlich so schnell wie möglich und noch vor der Staatssicherheit zu Hause sein, weil klar war, dass die ganzen Materialien dort der Polizei nicht gefallen würden.“
Gemeinsam mit seiner Ehefrau Bronislava gelang es Jiří Müller, die konspirativen Materialien noch vor Ankunft der Polizei zu vernichten. Und er durfte seinen britischen Freund sogar zum Verhör begleiten…
„In dem gleichen Trabant durften Jiří und Bronislava Müller mit Roger Scruton zur Staatsgrenze nach Mikulov fahren. Dort wurde Scruton verhört, und danach musste er zu Fuß über die Grenze nach Österreich gehen und dann in sein Heimatland zurückkehren. Erst nach der Samtenen Revolution konnte Scruton wieder regelmäßig in die Tschechoslowakei kommen, und am liebsten reiste er nach Brünn.“
Scruton bekam später nicht nur die Ehrendoktorwürde der Masaryk-Universität verliehen, sondern 1998 auch die tschechische Verdienstmedaille ersten Ranges durch den damaligen Staatspräsidenten Václav Havel. Und nach seinem Tod 2020 wurde der Brite zudem zum Ehrenbürger der Stadt Brünn ernannt.
Die Ausstellung „Paprsky svobody“ im Bischofshof des Mährischen Landesmuseums in Brünn läuft noch bis 19. April 2026. Geöffnet ist sie immer mittwochs bis freitags von 9 bis 17 Uhr, samstags von 10 bis 17 Uhr und sonntags von 13 bis 17 Uhr.







