„Ich habe lange in Deutschland unterrichtet“ – Gitarrist Stanislav Barek

Stanislav Barek (Foto: Martina Schneibergová)

Er ist Gitarrist, Musikpädagoge, Komponist und vor allem auch Begründer des renommierten internationalen Gitarrenfestivals „Kytara napříč žánry“: Stanislav Barek. In dieser Woche feiert der vielseitige Musiker seinen 60. Geburtstag. Ein Gespräch mit dem Gitarristen.

Stanislav Barek (Foto: Martina Schneibergová)
Herr Barek, haben Sie das schon in ihrer Kindheit gewusst, dass Sie Gitarre spielen oder gar studieren möchten?

„Nein, das habe ich überhaupt nicht gewusst. Ich habe erstmals eine Gitarre gehört, als ich zehn Jahre alt war. Das war in einem tschechischen Fernsehfilm. Ich hörte eine Melodie auf der Gitarre, die mir sehr gut gefiel. Dann habe ich überlegt, ob ich nicht selbst anfangen soll, Gitarre zu spielen. Meine Eltern kauften mir letztlich eine Gitarre, als ich 14 Jahre alt war. Ein zehn Jahre älterer Nachbar war damals in unserem Dorf in einer Rockband, sie spielten Songs von den Beatles und den Rolling Stones. Ich bin immer heimlich zum Kulturhaus gegangen, wo sie aufgetreten sind. Ich war noch nicht alt genug, also durfte ich dort eigentlich nicht hingehen. Heimlich bin ich über die Toilette in das Kulturhaus gelangt und habe dem Konzert gelauscht. Dann hat mir der Chef, heute ein Freund von mir, ein paar Akkorde gezeigt, und ich habe angefangen, ein bisschen Gitarre zu spielen. Mit 15 Jahren zog ich nach Prag, um eine Maurerlehre zu machen. Im zweiten Ausbildungsjahr fing ich an, in der Musikschule das Gitarrenspiel zu lernen. Das war praktisch mein erster Schritt zum späteren Studium am Konservatorium.“

Stanislav Barek (Foto: YouTube)
Ist das nicht ein Widerspruch: Ein Gitarrist muss gelenkige Finger haben, und Sie sind aber Maurer?

„Ja, das ist klar, das passt nicht zusammen: Gitarre und Maurer. Das ist selbstverständlich sehr kompliziert. Ich hatte eine sehr gute Lehrerin in der Musiktheorie. Sie hat mir Professor Jirmal empfohlen. Als ich das erste Mal bei ihm war, habe ich ihm etwas auf der Gitarre vorgespielt. Und er sagte zu mir: ‚Standa, der eine ist Maurer, und der andere ist Gitarrist. Es ist gut, wenn du in der Zukunft Maurer bist.‘ Ich habe ihm aber gesagt: ‚Herr Professor, ich möchte aber kein Maurer sein. Ich möchte Gitarre spielen.‘ Er hat mich dann angeschaut und gemeint ‚Gut, dann musst du aber viel üben‘. Zweieinhalb Jahre habe ich bei ihm Gitarre zu spielen gelernt. Ich habe dann die Aufnahmeprüfungen zum Konservatorium bestanden. Und in Nordböhmen hab ich danach in den Musikschulen in Šluknov / Schluckenau und in Rumburk / Rumburg Gitarrenunterricht gegeben. Das war sozusagen der erste Schritt zur professionellen Gitarrenkarriere.“

Musikschule Weiden (Foto: Burkhard Grafenstein, Panoramio)
Sie waren also als Musiklehrer tätig und das, soviel ich weiß, auch teilweise in Deutschland…

„Ja, ich arbeite praktisch mein ganzes Leben als Gitarrenlehrer – schon 42 Jahre lang. Im Jahre 1973 habe ich angefangen. Später, nach der Wende, habe ich auch in Deutschland an der Volkshochschule und in der Musikschule Weiden unterrichtet. Dort war ich 18 Jahre lang. In verschiedenen Kulturinstitutionen in München, Gummersbach und Verl habe ich auch Workshops geleitet. Ich unterrichte praktisch bis heute. Heute sind es jedoch nur noch wenige Stunden in der Woche, meist spiele ich.“

Adib Ghali (Mitte). Foto: YouTube
Sie treten nicht nur als Solist auf. Sie haben in der Vergangenheit mit verschiedenen Musikern zusammengespielt, vor allem auch in der Band Njorek. Wie entstand diese Band?

„Mit 18 Jahren hatte ich meine ersten Auftritte, ich spielte dann in zwei Rockbands. Nach der politischen Wende habe ich aber mehr Unterricht gegeben, auch in Deutschland. Zu dieser Zeit spielte ich im Duo zusammen mit einem meiner Freunde, Adib Ghali, und zwar über zwanzig Jahre lang. Im Jahr 2003 habe ich dann zusammen mit Michal Müller, der Zither spielt, und dem Cellisten Jaroslav ‚Olin‘ Nejezchleba die Gruppe Njorek gegründet. Wir trafen uns damals und ich sagte, dass wir etwas zusammen ausprobieren sollten. Olin ist aus Mähren und singt mährische Lieder. Bei der ersten Probe haben wir dann zwei oder drei Lieder probiert. Das hat uns gut gefallen, und so entstand die Band. Unser ganzes Repertoire besteht aus mährischen Liedern.“

Njorek (Foto: YouTube)
Schreiben Sie selbst auch Musik?

„Ja, ich schreibe. Auch bei Njorek haben wir ein Lied von mir. Die letzten vier Jahre spiele ich zudem als Solist eigene Konzerte. Ungefähr 40 Prozent des Repertoires sind meine Solostücke. Ich mache das schon ungefähr drei oder vier Jahre lang.“

Sie beschäftigen sich nicht nur mit dem Gitarrenspiel und dem Unterricht dieses Instruments, sondern Sie engagieren sich auch in ihrem Wohnort in Chýně bei Prag. Sie waren dort im Gemeinderat?

Chýně (Foto: Miaow Miaow, Wikimedia Public Domain)
„Ja, ich bin immer noch Mitglied des Gemeinderats in dem Dorf und sitze schon seit zehn Jahren im Rathaus. Das ist mein Hobby – obwohl ich nicht weiß, ob man das so sagen kann. Als ich in das Dorf kam, in dem ich heute wohne, gab es dort viele sehr große Projekte, die den Leuten nur Probleme gebracht hätten. Es sollten in der Nähe des Dorfes große Lagerhallen gebaut werden auf einer ungefähr elf Hektar großen Fläche. Also haben wir uns mit etwa zehn Leuten engagiert und eine Partei gegründet. Seit dieser Zeit sitze ich praktisch im Rathaus. Es ist gut, wenn man Einfluss hat, denn nicht immer ist alles, was im Dorf geplant wird, zugunsten der Bewohner. Selbstverständlich kostet das viel Zeit, aber ich engagiere mich gern in der Politik. Ich denke, Künstler müssen auch engagiert sein.“

Vor 18 Jahren haben Sie ein internationales Musikfestival gegründet: Kytara napříč žánry – Gitarre quer durch die Genres – Guitar across style. Ursprünglich war es ein kleineres Festival. Inzwischen ist es wirklich schon zu einer großen Veranstaltung geworden. Sie haben dabei einen großen Verdienst, da Sie namhafte Gitarristen nach Prag gebracht haben. Es kommen auch ausländische Gitarrenliebhaber in die tschechische Hauptstadt, um dieses Festival zu besuchen. Wie ist diese Entwicklung möglich?

„Im Jahr 1998 habe ich angefangen. Ich hatte das Gefühlt, dass es überall nur die klassische Gitarre gibt. Die Festivals und Wettbewerbe waren nur für klassische Gitarre bestimmt. Deswegen bin ich auf die Idee gekommen, auch andere Gitarristen einzuladen. Als ich in Deutschland Gitarrenunterricht gegeben habe, hörte ich Peter Finger, einen sehr guten deutschen Gitarrenspieler, spielen. Auf diese Weise hat hierzulande niemand gespielt. Ich habe mir gesagt, ich organisiere das Festival und lade ihn ein. Zum ersten Festival sind dann klassische Gitarristen gekommen und auch Peter Finger. Das war sehr schön. Das erste Telefongespräch mit ihm war auch sehr angenehm. Ich habe ihn angerufen und gesagt, ‚Herr Finger, ich möchte Sie zu einem Festival nach Prag einladen, aber ich habe keine Ahnung, welches Honorar Sie verlangen. Sie sind der erste ausländische Musiker, der bei dem Festival ein Konzert in Prag geben soll.‘ Und er hat gesagt: ‚Wieviel Kronen oder deutsche Mark haben Sie?‘ Ich habe geantwortet: ‚Ich habe ungefähr 1000 deutsche Mark.‘ Er meinte, das sei ungefähr sein Honorar. Ich habe aber dann aber gesagt, dass ich ihn dann nicht einladen könne, denn das war das Budget für das ganze Festival. Er hat dann gefragt: ‚Können Sie mir 300 Mark fürs Benzin bezahlen?‘ Ich bejahte und er sagte zu. Als er dann nach Prag kam, sagte er mir, dass er niemanden in Osteuropa kenne, der solche Festivals organisiere und wenn ich wolle, dann könne er mir helfen. Er hat mir dann viele internationale Kontakte vermittelt. Gemeinsam mit Peter Finger habe ich das Festival auf die Beine gestellt.“

Paco de Lucía (Foto: Cornel Putan, CC BY 2.0)
Welche Persönlichkeit von den Gitarristen, die Sie nach Prag eingeladen haben, schätzen Sie am meisten? Und was war am schwierigsten für Sie, um die renommierten Musiker zum Festival nach Tschechien zu bringen?

„Am schwersten war wahrscheinlich, Paco de Lucía nach Prag zu bekommen. Sein Honorar war sehr hoch. Als ich hörte, wieviel er verlangt, habe ich gesagt: ‚Das kann ich mir nicht leisten. Das ist viel zu teuer.‘ Das war schon der zehnte Jahrgang. Ich habe dann aber überlegt, ob ich nicht doch noch einen Sponsor auftreiben kann. Den habe ich dann gefunden. Wir haben das dann gemeinsam mit dem Manager von Paco de Lucía organisiert. Es war ein großes Risiko. Letztlich sind fast 2000 Besucher gekommen, und es war ein sehr schönes Konzert.“

Tommy Emmanuel (Foto: Janet Spinas Dancer, CC BY 2.0)
Wissen Sie schon jetzt, wer zum nächsten Festival kommt?

„Ich möchte im März nächsten Jahres ein großes Konzert im Rudolfinum organisieren. Das ist praktisch das letzte Konzert dieses Festivals. Dazu möchte ich Tommy Emmanuel einladen, denn er feiert dieses Jahr auch seinen 60. Geburtstag. Wir werden ein gemeinsames Konzert geben. Ich möchte auch noch Freunde einladen, wie Njorek oder Norbi Kovacs sowie Dylan Fowler, der wird nächstes Jahr auch 60 und ist ein guter Freund von mir.“

Das Konzert im März kommenden Jahres wird sozusagen ein Konzert der Jubilare sein?

„Ja, das kann man so sagen. Tommy und ich sind in diesem Jahr 60. Er ist immer begeistert, wenn er nach Prag kommt. Er gibt Konzerte in der ganzen Welt, kommt aber immer gern hierher und fühlt sich hier wie zu Hause. Ich hatte ihm gesagt, dass wir das Konzert in diesem Jahr machen, weil ich auch 60 Jahre alt bin. Er hatte aber keinen Termin frei, also machen wir es Anfang nächsten Jahres, am 13. März im Rudolfinum.“