Interaktiv und spielerisch: Auf Entdeckungsreise im Stadtmuseum Protivín

Foto: Martina Schneibergová

Die südböhmische Stadt Protivín ist in Tschechien wegen einer der ältesten Bierbrauereien hierzulande bekannt, dort wird das Bier „Platan“ gebraut. Aber auch die Bewunderer moderner Kunst können mit Protivín etwas anfangen: Sie suchen dort nach den Spuren eines weltberühmten Sohnes der Stadt, des tschechischen Künstlers und Dichters Jiří Kolář. Eine kleine Ausstellung aus seinem Werk ist im Gebäude des früheren Barockspitals zu besichtigen, das „Kaplanka“ genannt wird. In der vergangenen Ausgabe des „Reiselands Tschechiens“ haben wir bereits Protivín besucht und Sie durch die historischen Räumlichkeiten von „Kaplanka“ geführt. Das Städtchen hat seit dem vergangenen Jahr aber noch einen Touristenmagnet: eine neue interaktive Dauerausstellung im Stadtmuseum.

Stadtmuseum (Foto: Martina Schneibergová)
Das Stadtmuseum von Protivín wurde 1932 eingerichtet. Untergebracht wurde es in der ersten Etage des früheren Schulgebäudes. Dort befindet sich das Museum auch bis heute. Seit August 2012 besteht in den historischen Räumlichkeiten eine neue Dauerausstellung. Sie gilt als eine der modernsten Museumsausstellungen in Tschechien. Im Wettbewerb um den renommierten Museumspreis „Gloria musaealis“ belegte sie in diesem Jahr den dritten Platz. Am Eingang zur Ausstellung findet man auf einer speziellen Landkarte eine Übersicht über die wichtigsten Gebäude in Protivín und der Umgebung. Věra Piklová lebt seit Jahren in dem kleinen Städtchen. Früher hat sie Geschichte unterrichtet, jetzt führt sie die Besucher durch das Museum.

Foto: Martina Schneibergová
„Zu sehen sind hier beispielsweise die Schule, die Sporthalle des Turnvereins Sokol und das Bahnhofsgebäude. Die Landkarte ist wie die ganze Ausstellung interaktiv gestaltet. Auf ihr sind bei mehreren der Sehenswürdigkeiten kleine Fensterchen eingebaut, die man öffnen kann. Sie verbergen einen Gegenstand oder ein Bild, das Beziehung zu dem jeweiligen Baudenkmal hat. Wenn man beispielsweise das Fensterchen der Brauerei öffnet, sieht man dort eine Tanzordnung. Denn früher wurden in dieser Brauerei, die im 16. Jahrhundert erbaut wurde, auch Bälle organisiert. Im Fensterchen zum Protivíner Bahnhof verbirgt sich wiederum das Modell einer Dampflokomotive aus dem Jahr 1912. Diese Lokomotive zog den Zug, mit dem die Sokol-Mitglieder 1912 zum Turnfest nach Prag fuhren.“



Magnetron (Foto: Martina Schneibergová)
Beim Reinschauen in weitere Fenster erfährt man einiges über die Sehenswürdigkeiten von Protivín sowie über namhafte Persönlichkeiten, die mit der Stadt verbunden sind. Im Fensterchen des Schulgebäudes befindet sich das Modell eines Geräts. Es ist ein Magnetron, an dessen Entwicklung sich Augustin Žáček beteiligt hat. Der später namhafte Physiker Žáček stammte aus dem unweit von Protivín gelegten Dobšice, ging aber in Protivín zur Schule.

Von der interaktiven Landkarte der Region von Protivín geht es weiter in den Raum, in dem anhand von archäologischen Funden die prähistorische und frühmittelalterliche Besiedlung der Region dokumentiert wird. Beschrieben wird die Arbeit von Archäologen, die sich an den Ausgrabungen in Protivín beteiligt haben.

Foto: Martina Schneibergová
„Alles, was in der großen Vitrine zu sehen ist, stammt aus der älteren Eisenzeit – also der Hallstattzeit, das heißt um 700 vor Christi Geburt. Die 52 Behälter wurden beim Bau einer Umgehungsstraße geborgen, und zwar aus zwei Gräbern der Hallstattzeit. Im Grab des Mannes wurden ein Schwert, Fragmente von Reitgurten und 24 Behälter gefunden. Im Frauengrab waren 28 Behälter, eine Halskette, eine Spange und ein Armband aus Bronze. Der Fund war so wertvoll, dass sich sogar die Museen aus Prag meldeten. Der damalige hiesige Museumsverwalter setzte sich aber dafür ein, dass die Ausgrabungsgegenstände hier bleiben. Und das ist meiner Meinung nach auch richtig.“

Foto: Martina Schneibergová
Auf einer archäologischen Landkarte kann der Besucher mit Hilfe einer Taste die wichtigen Fundorte beleuchten. Zu jeder der Zeitepochen, die dort gekennzeichnet sind, ertönt die Erklärung eines Archäologen. Die Museumsmitarbeiter haben bei der Gestaltung der Ausstellung auch an die jüngsten Besucher gedacht. Věra Piklová:

„Um das Interesse der Kinder für die Ausstellung zu wecken, befinden sich an neun Ausstellungsobjekten Stempel. Die Kinder bekommen am Eingang ein kleines Heft, das sie mit den Stempeln füllen können. An der Vitrine mit den archäologischen Funden befindet sich beispielsweise ein Stempel mit dem Bild der hier ausgestellten bronzenen Spange.“

1899 wurde Protivín zur Stadt erhoben (Foto: Martina Schneibergová)
Die Geschichte von Protivín und vor allem der wirtschaftliche Aufschwung der Region im 18. und 19. Jahrhundert sind die Themen in einem weiteren Museumssaal. Die erste urkundliche Erwähnung von Protivín stammt aus dem 13. Jahrhundert. Der Ort gehörte eine Zeit lang der böhmischen Krone, danach wechselte er mehrmals den Besitzer. Seit 1711 befand sich Protivín im Besitz des Hauses Schwarzenberg.

„Die Familie Schwarzenberg hat bedeutend zum wirtschaftlichen Aufschwung der hiesigen Region beigetragen. Protivín war ein Vorzeigeort mit 15 Gutshöfen. 1876 wurde hier ein neues Brauereigebäude errichtet. Zudem gab es hier eine Molkerei, eine Zuckerfabrik und im nahe gelegenen Dvorce eine Schnapsbrennerei. 1868 wurde die Bahnstrecke zwischen Protivín und Pilsen erbaut. 1875 kam die Strecke nach Zdice hinzu. Der Ort war ab da ein Eisenbahnknotenpunkt. 1899 wurde Protivín zur Stadt erhoben, zuvor war es nur ein Marktflecken. Die Urkunde, mit der Kaiser Franz Josef Protivín zur Stadt erhoben hat, ist ausgestellt. 1902 bekam die Stadt ein Wappen, in dem auch das Wappen der Schwarzenbergs enthalten ist.“

Foto: Martina Schneibergová
Die Geschichte Protivíns hat auch berühmte Menschen zu bieten. Von insgesamt 18 Persönlichkeiten bestehen Marionetten für ein kleines Puppentheater im Museum. Die Marionetten wurden von der Bildhauerin Jana Bačová-Kroftová geschaffen, sie hängen neben dem Theater – und man kann sie selbst auf die Bühne führen. Dargestellt sind beispielsweise der Künstler und Dichter Jiří Kolář, die einst berühmte Operndiva Marta Krásová sowie der Physiker und Erfinder Augustin Žáček.

Zu den wertvollsten Exponaten der neuen Dauerausstellung gehören Zunftfahnen und Fahnen verschiedener Vereine aus Protivín. Věra Piklová nimmt eine der Fahnen aus ihrem Plexiglasrahmen:

Fahnen (Foto: Martina Schneibergová)
„Die Fahnen gab es hier im Museum schon früher. Aber sie standen nur zusammengerollt in einer Ecke. Für die neue Dauerausstellung wurden sie restauriert. Denn es handelt sich um gemalte oder gestickte Fahnen. Es gab hier in der Umgebung früher viele Vereine – beispielsweise Leser- oder Theatervereine.“

Die Dauerausstellung dokumentiert in den weiteren Sälen die Alltagsgeschichte der Region Protivín. Die neugierigen Besucher können nicht nur viele der Exponate anfassen, sondern auch in die historischen Schränke reinschauen.

Foto: Martina Schneibergová
Neben der neuen interaktiven Dauerausstellung über die Geschichte der Region ist im Museum in Protivín noch eine Exposition über exotische Natur zu sehen. Das Museum befindet sich auf dem Masaryk-Platz Nr. 19 und ist von Mai bis Oktober täglich außer montags von 9 bis 12 und von 13 bis 16 Uhr geöffnet.

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