Jan Sedláček – zwischen Geschichte und Volkszählung (Teil 2)
In der letzten Folge von „Heute am Mikrophon“ war Jan Sedláček zu Gast. Er ist im PR-Bereich tätig und war an der umstrittenen Kampagne der protestierenden Ärzte beteiligt. Zurzeit begleitet der junge Medienexperte eine weitere Kampagne, und zwar für die Volkszählung 2011. Christian Rühmkorf befragte Jan Sedláček im zweiten Teil des Gesprächs nicht nur zu diesem größten statistischen Ereignis der letzten zehn Jahre, sondern auch zu seinem Interesse an Geschichte.
„Das ist mit der Region verbunden, aus der ich komme (Liberec / Reichenberg, Anm. d. Red.). Ich muss sagen, für mich ist das die Zeit der Ersten Republik und davor, also Ende des 19. Jahrhunderts bis 1938.“
Also Schlagwort „Nationalitätenkonflikte in der damaligen k und k Monarchie.„Ja genau. Und wie Sie gesagt haben – ich habe mich entschieden noch einmal zu studieren. Ich hatte im Dezember 2010 meinen Master erfolgreich abgeschlossen, aber ich wollte, bevor ich Vollzeit arbeite, noch etwas studieren, was ich immer schon mochte, aber niemals systematisch studiert habe. Und das ist Geschichte.“
Würden Sie die deutsch-tschechischen Beziehungen, die ja gerade geschichtlich als belastet gelten, immer noch als schwierig bewerten?
„Für mich ist das wirklich schon Vergangenheit – also ich meine, in meinem persönlichen Leben. Als ich in Weimar studiert und deutsche Kommilitonen getroffen und gesprochen habe, da haben wir das nicht mehr als Problem gesehen. Aber ab und zu - als ich zum Beispiel mit einer Freundin in Weimar über Geschichte gesprochen habe, da habe ich gesehen, dass es für die Deutschen noch immer ein peinliches Thema ist.“Was meinen sie mit „peinliches Thema“?
„Ein Thema, über das sie nicht so gern sprechen. Ich habe zum Beispiel mit meinen Kommilitonen darüber gesprochen, woher ich komme, dass es Liberec ist. Wir haben darüber gesprochen, dass es die Tschechoslowakei war, aber ein Gebiet, wo Deutsche gelebt haben. Sudetenland und 1938 und so weiter. Ich will damit sagen, dass es auch für die jungen Leute in Deutschland, die heute 15 Jahre alt sind, ein Thema ist, über das es nicht so angenehm ist zu sprechen.“
Die Nazi-Zeit oder die Vertreibung?„Ich denke beiden, denn es hängt zusammen. Ohne Nazi-Zeit keine Vertreibung. Aber ansonsten: Bei den heutigen Beziehungen gibt es meiner Ansicht nach keine Barrieren mehr. Nur wenn man über Geschichte spricht, aber im Leben habe ich keine Probleme gesehen.“
Und wie beurteilen Sie die Entwicklung in Tschechien? Gerade in den letzten Monaten - Jahren vielleicht mittlerweile – werden immer wieder mal Massengräber mit Deutschen gefunden. Von denen wusste man vielleicht auch schon vorher. Aber sie werden jetzt geöffnet, es gibt sogar kriminalpolizeiliche Untersuchungen. Es scheint hier doch langsam ein Prozess ins Rollen zu kommen, der für die Tschechen doch relativ schmerzlich ist. Wo sehen Sie Tschechien in dieser Entwicklung, der Entdeckung und Aufarbeitung der eigenen Geschichte.
„Vielleicht kann man sich nur schwer vorstellen, wie die Situation damals war. Die Menschen hatten sechs, sieben Jahre Krieg hinter sich. Sie waren frustriert und haben dann auch Dinge getan, als die deutsche Bevölkerung vertrieben wurde, die natürlich nicht schön waren. Aber das ist auch Teil unserer Geschichte und natürlich…“Glauben Sie, dass es für Tschechien wichtig ist, sich damit zu befassen?
„Ich meine, ja. Man darf das nicht nur schwarzweiß sehen. Man muss die Geschichte so sehen, wie sie war. Das ist genau das, was ich sagen will.“
Verlassen wir das schwierige Terrain der Geschichte und kommen noch mal zurück in die Gegenwart. Sie arbeiten immer noch – neben Ihrem Geschichtsstudium – bei einer PR-Agentur und befassen sich immer noch mit einer Kampagne zu einem sehr sensiblen und auch sehr großen Thema, nämlich dem größten statistischen Ereignis der letzten zehn Jahre in Tschechien, der Volkszählung 2011. Welche Aufgabe erledigen Sie bei dieser Kampagne?
„Ich bin der Mitarbeiter des Pressesprechers Ondřej Kubala. Es geht jetzt alles unglaublich schnell, jetzt ist die heiße Phase der Volkszählung. Wir arbeiten mit den Medien zusammen, wir organisieren Pressekonferenzen. Zum Beispiel auch auf einer Tour durch alle großen Städte, Kreisstädten in der Tschechischen Republik, wo wir unsere Kampagne vorstellen und praktische Informationen bieten, die mit der Volkszählung zusammenhängen. Und ich bleibe während dieser Zeit im Prager Büro und kommuniziere jeden Tag mit Journalisten und den Medien. Das ist dort meine Arbeit.“
Das ist sicherlich eine etwas leichtere Kampagne als die der Ärzte „Děkujeme, odcházíme“ (Danke, wir gehen), oder wie sehen Sie das?„Natürlich gab es bei der Ärzte-Kampagne viel mehr Emotionen, das ist wahr. Aber die Volkszählung ist auch nicht ohne. Man könnte sagen: ´Nun ja, Volkszählung, das ist nichts Schlechtes´ - aber es gibt wirklich viele Leute, die den Sinn der Volkszählung nicht kapieren und die das sabotieren wollen. Und solche Leute sollte man auch überzeugen oder wenigstens probieren zu überzeugen. Eine Volkszählung ist kompliziert, denn das hat etwas mit persönlichen Daten zu tun und mit der Privatsphäre der Menschen. Und da ist die Kommunikation besonders wichtig. Wir müssen den Leuten wirklich erklären, warum es nützlich ist und dass es keine Idee des Statistikamtes, einfach nur so eine Volkszählung durchzuführen.“
Verstehen Sie die Ängste der Menschen?„Ich verstehe das ganz sicher, denn es ist wirklich kompliziert. Zum Beispiel haben gerade die älteren Menschen Angst, denn es gab früher Fälle von Missbrauch bei der Volkszählung vor zehn Jahren. Es gab zum Beispiel ein Problem mit falschen Volkszählungsmitarbeitern. Die Leute haben Angst, aber das ist nicht nötig, denn es ist wirklich einfach. Unsere Kampagne ist auch frühzeitig gestartet, und wir möchten den Menschen zeigen, dass es nichts Schwieriges ist, dass es in zehn Minuten fertig ist. Also: keine Angst – die Daten werden dann anonymisiert.“
Wenn ich Sie so sprechen höre über diese Kampagne zur Volkszählung, dann frage ich mich: Inwieweit ist es wichtig für Sie, sich mit dem Ziel des Auftraggebers – in diesem Falle das Statistikamt – zu identifizieren?„Das ist für mich wichtig. Denn wenn man nicht an die Idee glaubt oder nicht das Positive der Idee sieht, dann kann man den Menschen auch nicht das Positive vermitteln.“
Also es gibt auch Themen, die Sie dann vielleicht ablehnen würden?
„Kann ich mir vorstellen, sicher. Das ist die Schwierigkeit bei der PR-Arbeit. Aber ich muss sagen, mit dem Statistikamt habe ich kein Problem, ich meine, es ist nützlich, die Aktion alle zehn Jahre durchzuführen. Aber wenn es vielleicht die Zigaretten- oder Tabakindustrie wäre, dann wäre das vielleicht ein Problem.“Herr Sedláček, ganz kurz ein Wort dazu: Was kommt für Sie beruflich nach der Volkszählung?
„Schwer zu sagen. Ich will ganz sicher studieren, und vielleicht möchte ich noch ein paar Erfahrungen im Ausland sammeln. Vielleicht nicht mehr in Deutschland, vielleicht irgendwo anders.“
Dafür viel Glück - Jan Sedláček, herzlichen Dank für das Gespräch.







