Jan Zelezny

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Ahoi und herzlich willkommen zum Sportreport von Radio Prag, dem ersten im neuen Jahr 2002. Am Mikrofon begrüßt Sie Lothar Martin.

Die letzten Tage des abgelaufenen Jahres 2001 brachten auch der Tschechischen Republik einen Wintereinbruch, wie man ihn schon lange Zeit nicht mehr erlebt hat. Quasi symbolisch haben nun auch die Wintersportler den Stab in die Hand genommen. Doch von den tschechischen Skiläufern, Rodlern und Bobfahrern gibt es mit Ausnahme der Skilangläuferin Katerina Neumannová nicht viel zu berichten. Und auf dem Eis glänzen nach wie vor einzig die Weltspitze verkörpernden Eishockeycracks. Auf diese, eben genannten tschechischen Spitzensportler werden wir Sicherheit in einem Monat zurückkommen, wenn im amerikanischen Salt Lake City die Olympischen Winterspiele ausgetragen werden. Deshalb wollen wir die heutige Sendung noch einmal zum Anlass nehmen, um auf das letztjährige Sportjahr zurückzublicken. Konkreter gesagt: Wir wollen Ihnen heute den tschechischen Sportler des Jahres 2001, den Speerwurf-Haudegen Jan Zelezný, einmal im Gespräch von einer etwas anderen, weniger vom Sport geprägten Seite vorstellen. Dabei werden Sie heraushören, dass sich hinter dem einzigartigen Athleten auch ein ganz bescheidener und wunderbarer Mensch verbirgt. Doch hören Sie es gleich selbst.

Schon oft haben wir in unseren Sendungen über den dreifachen Olympiasieger und dreifachen Weltmeister im Speerwerfen der Männer, Jan Zelezný, berichtet. Mit seiner Leistungskonstanz über ein ganzes Jahrzehnt hinweg gehört der sympathische Athlet aus Mladá Boleslav schon heute zu den ganz Großen seiner Zunft. Nicht wenige bezeichnen den Weltrekordinhaber auch bereits als den besten Speerwerfer aller Zeiten, den es je auf der Welt gab. Doch mit solcher Art von Komplimenten und Lobeshymnen kann der 35-jährige ganz gut umgehen - dank seiner sprichwörtlichen Bescheidenheit. Im Gespräch für den Tschechischen Rundfunk äußerte Zelezný dazu, dass ihm diese Bescheidenheit von seiner Mutter anerzogen worden sei: "Ich denke, dass ich davon sehr viel von meiner Mutter mit auf den Weg bekommen habe. Sie hat mich gelehrt, wie man sich verhalten und wie man leben soll. Aber ich möchte nicht über mich befinden, ob und inwieweit ich bescheiden bin, darüber sollten andere urteilen."

Ein solches Urteil fällt jedoch klar zugunsten des Ausnahmeathleten aus. Denn trotz aller Ehrungen, die ihm schon zuhauf zuteil geworden sind, so ist Zelezný doch noch immer derselbe geblieben, der er zu Beginn seiner einzigartigen Sportlerkarriere war. Zu den Ehrungen gehören zum Beispiel die siebenfache Wahl zum besten tschechischen Leichtathleten des Jahres und der vierfache Triumph in der Umfrage zum besten tschechischen Sportler des Jahres. Sein Umfragesieg im vergangenen Jahr hob ihn diesbezüglich auf eine Stufe mit der populären Turnerin Vera Cáslavská, während er in der Leichtathletik bereits als Nachfolger des einstigen Langlaufidols Emil Zátopek angesehen wird. Im der Skoda-Stadt Mladá Boleslav angeschlossenen Trabantenstädtchen Kosmonosy wurde Zelezný zudem zum ersten Ehrenbürger des Ortes ernannt. Eine Auszeichnung, die - so Zelezný erneut bescheiden - seiner Meinung nach ganz andere Bürger verdient hätten.

Im zurückliegenden Jahr war Jan Zelezný in einer überragenden Form. Nebst dem Gewinn des Weltmeistertitels in Edmonton gewann er zehn der elf Wettkämpfe, zu denen er angetreten war. Da blieb nicht viel Zeit für seine Familie. Deshalb nutzte Zelezný auch die wettkampffreie Zeit am Jahresende um so ausgiebiger im Kreise seiner Lieben - seiner Frau Marta und den Kindern Jan und Katarina. Zeit, die Zelezný auch zum Nachdenken nutzte. Eine gewichtige Rolle spielten dabei auch die tragischen Ereignisse des 11. September, die Terror-Anschläge auf New York und Washington. Darüber hat der Sportsmann Zelezný diese Meinung: "Ich denke, darüber hat sich fast jeder Bürger dieses Planeten seine Gedanken gemacht, denn diese Anschläge haben nicht nur sehr viele Opfer gefordert, sondern auch eine Mehrzahl der Menschen in der Welt sehr betroffen gemacht. Es hat sich gezeigt, dass die terroristische Gefahr ziemlich groß ist. Deshalb macht man sich auch Gedanken darüber, warum das so ist und wie solch eine Gefahr entstehen konnte. Ich denke, hier zeigt sich wieder einmal, dass es immer zwei Seiten einer Münze gibt. Da ist zum einen der Teil unserer Welt, der in einem verhältnismäßigen Wohlstand lebt. Hier überlegt man sich zum Beispiel, ob man zum Morgen nun Schinken oder etwas anderes zum Essen einkauft. Und da ist der andere Teil unserer Welt, wo nicht wenige nur jeden zweiten Tag etwas zu essen haben oder wo manche nur mit ganzen 60 Kronen im Monat auskommen müssen. Wenn man daher in irgendeiner Weise das Risiko eines aufkeimenden Terrorismus verringern will, dann muss meiner Meinung nach etwas für diese andere Seite der Medaille in unserer Welt getan werden. Wir sollten daher froh darüber sein, dass die sogenannte Dritte Welt als solche noch nicht so aggressiv reagiert, wie es diese Terroristen getan haben."

Da Jan Zelezný seine Karriere augenscheinlich noch einige Jahre fortsetzen will, weil ihm sein Sport so großen Spaß macht, hat er jüngst auch seine Funktion als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) quittiert. Zelezný, ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, will halt keinem Gremium angehören, bei dem er nur durch Abwesenheit glänzt, solange er sich noch voll und ganz seinen sportlichen Zielen widmet. Bevor er diese Funktion jedoch zur Verfügung stellte, weilte er als IOC-Mitglied auch einige Male persönlich in den Ländern der Dritten Welt. Deshalb ist es sicher nicht uninteressant von ihm zu erfahren, wie er sich den eine effektive Hilfe für diese Bewohner unserer Erde vorstellen würde.

"Ich denke, es sollte nicht vordergründig eine finanzielle Hilfe sein, denn das Geld versickert meistens irgendwo, ohne dass viele Menschen auch nur einen Heller davon gesehen haben. Ich denke, es sollte vor allem bei der Bildung und Erziehung geholfen werden. Denn wer eine gute Ausbildung erhält, hat auch die Chance, etwas über die andere Seite zu erfahren. Dann kann er etwas über die Menschen in den anderen Teilen der Erde nachlesen oder er erfährt über sie in seinen Gesprächen. Auf jeden Fall kann er sich danach eine eigene Meinung über sie bilden. Das Wichtigste aber ist, dass er sich davon eine Motivation für sich selbst ableiten kann. Ich glaube, für viele Menschen in der Welt besteht diese Motivation derzeit nur darin, täglich eine Schüssel Reis zu erlangen - und so nehmen diese Menschen auch ihre Umwelt ganz anders wahr als wir. Sie wollen in erster Linie überleben. Ich habe da zum Beispiel Meinungen gehört, dass diese Menschen das Leben gar nicht achten würden. Mit diesen Meinungen bin ich absolut nicht einverstanden! Im Gegenteil: Mit Ausnahme der Terroristen achten diese Menschen das Leben sehr wohl. Ja, ich denke, indem sie einen täglichen Kampf ums Überleben führen und fast Unmögliches aushalten, achten sie es sogar mehr als wir, die wir aus vielen Dingen Probleme machen. Probleme, die man lösen kann, während sich die Probleme dieser Menschen nicht ohne fremde Hilfe lösen lassen."

Jan Zelezný - ein Sportler, der seinen Sport über alles mag, der aber auch weiß, dass dieser nicht der Nabel der Welt ist. Ein Sportler, der auch über den Tellerrand hinaus schaut und sich mit den brennenden Fragen der Zeit befasst. Deshalb bin ich mir sicher, dass dies noch nicht die letzten Worte waren, die wir von ihm gehört haben und die wir Ihnen auch zu Gehör bringen werden. Für heute jedoch nicht mehr, denn unsere Sendezeit ist leider schon wieder abgelaufen. Vom Mikrofon verabschiedet sich - Ihr Lothar Martin.