Jeden ersten Mittwoch im Monat: Das Phänomen Sirenentest in Tschechien

In muslimischen Ländern ruft der Muezzin zum Gebet, in christlichen läuten Kirchenglocken. Im atheistischen Tschechien hingegen schallt einmal monatlich ein heulender Ton durch das Land. Denn an jedem ersten Mittwoch im Monat werden um Punkt 12 Uhr die Sirenen getestet. 140 Sekunden dauert das Signal. 140 Sekunden, in denen die Welt für einen Moment stehen zu bleiben scheint.

Es ist ein heißer Augusttag kurz nach 11 Uhr. Vier junge Männer in kurzen Hosen treffen sich am Bahnhof im Prager Stadtteil Hostivař, um eine spezielle Aufnahme zu machen. Denn es ist der erste Mittwoch im Monat, und das heißt, dass in ganz Tschechien gleich die Sirenen getestet werden.

Die vier jungen Männer, die sich hier versammelt haben, betreiben das Onlineportal Czech Siren Tech, auf dem sie Aufnahmen historischer oder anderweitig interessanter Sirenen veröffentlichen. Und heute haben sie sich ein ganz besonderes Exemplar ausgesucht: eine Elektror L141, die vermutlich aus dem Jahr 1942 oder 1943 stammt. Es handelt sich dabei um ein interessantes Stück Geschichte, wie Karel Pelichovský, Hobbysirenenhistoriker und eines der Mitglieder von Czech Siren Tech, zu berichten weiß:

Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

„Es ist zwar nicht das einzige Exemplar dieses Modells, das noch erhalten ist. Aber es ist das einzige in Prag, das noch funktioniert. Über ganz Tschechien verteilt gibt es noch mehrere dieser Elektror-Sirenen, aber hier in der Hauptstadt nur diese, und das macht sie zu etwas Besonderem.“

Die Mission für heute: Die historische Sirene in vollem Glanz aufnehmen, um das Video später auf YouTube veröffentlichen zu können. In ihren Rucksäcken haben die Jungs dafür Kameras, Mikrophone und Stative dabei.

Lukáš Badura ist einer der Gründer von Czech Siren Tech. Wenn er nicht gerade mit seinen Kumpels durch das Land fährt, um Sirenen aufzunehmen, studiert er Bevölkerungsschutz. Am Anfang einer jeden Aufnahme stehe vor Ort das Locationscouting, sagt Badura:

„Wir versuchen, die Aufnahmen immer so zu machen, dass die Umgebungsgeräusche möglichst gering sind. Natürlich ist der Verkehr häufig ein großes Problem. Gleichzeitig brauchen wir einen Platz, an dem wir gute Sicht haben, aber auch nicht im Weg herumstehen oder gar etwa auf der Straße.“

Landkarte mit 4000 Sirenen

Die Sirene, auf die es die Jungs heute abgesehen haben, ist von unten nur als bauchige Schutzhaube auf einem Pfahl zu erkennen. Dieser befindet sich auf dem Dach eines zweistöckigen Mehrfamilienhauses. Im Erdgeschoss des Hauses ist eine Kneipe, davor ein dazugehöriger Biergarten unter schattigen Kastanien.

Das Video, das die Gruppe heute aufnimmt, wird später eher mäßige Klicks erzielen. Einige ältere Aufnahmen auf dem YouTube-Kanal haben aber sechsstellige Abrufzahlen. Außerdem betreibt Czech Siren Tech noch eine interaktive Landkarte, auf der ein Großteil der Sirenen im Land eingetragen ist. Tomáš Hradecký trägt dafür die Daten zusammen:

Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

„Die Sirenen zu finden, dauert sehr lange. Mittlerweile sind es über 4000, aber das ist weniger als die Hälfte aller Sirenen im Land. Man kann entweder in Quellen der Gemeinden nach ihnen suchen. Prag hat etwa eine interaktive Landkarte, auf der die Anlagen zu sehen sind. Meistens muss man aber einfach nach draußen gehen und sich umschauen. Mitunter sehe ich auch eine interessante Sirene, wenn ich aus dem Zugfenster gucke. Die meiste Zeit verbringe ich aber im Internet vor den Luftaufnahmen auf mapy.cz. Ich zoome dabei an jene Gebäude heran, wo üblicherweise Sirenen zu erwarten sind, das sind Rathäuser, Schulen und Feuerwehrhäuser.“

Den Elektriker Jiří Knížek interessieren an den Sirenen vor allem die technischen Aspekte. So nennt er mittlerweile nicht nur eine stattliche Sammlung historischer Modelle sein Eigen, sondern er hat auch selbst eine elektronische Sirene gebaut. Der große Traum ist, dass sie künftig in Serie hergestellt wird.

„Die Idee entstand vor drei oder vier Jahren. Auf der Mittelschule hatte ich bereits Programmieren gelernt. Das kam mir gelegen, denn eine elektronische Sirene wird von einem Prozessor gesteuert, und für den braucht es natürlich eine Software. Mittlerweile entstehen die Entwürfe professionell am Computer. Das ist eine anstrengende Arbeit, denn man muss sehr viel bedenken – etwa, welches Bauteil mit welchem kommuniziert und wieviel Leistung die Verstärker haben dürfen, damit sie im Schaltschrank ausreichend abkühlen können.“

Der Sirenentest als Motiv in Kunst und Kultur

Die vier jungen Männer von Czech Siren Tech sind bei weitem nicht die einzigen, die sich in Tschechien für Sirenen begeistern. Mittlerweile hat sich eine stattliche Community von Fans gefunden. Sie trifft sich unter anderem in einer dezidierten Facebook-Gruppe. Dort tauscht man sich aus, wann und wo man den Sirenentest gehört hat und wie der Klang war. Die Schilderungen lesen sich mitunter spannender als so manche Buch- oder Tatort-Rezension.

„Vřeskovice heute super!“ (Míra)

Die gesellschaftliche Relevanz der Sirenenprobe zeigen auch die zahlreichen Verweise von Kulturschaffenden auf das Phänomen. „Zkouška sirén“, also „Sirenenprobe“, so heißen mittlerweile zwei Podcasts, mehrere Gedichtsammlungen und etliche Songs von Bands. Ein ganz besonderes Projekt, das auf den Sirenentest verweist, war zudem die Konzertreihe „Hudba k siréně“ (Musik zur Sirene). Diese wurde vom Orchestr Berg und dem Kultursender Vltava des Tschechischen Rundfunks von 2019 bis 2021 organisiert. Immer am ersten Mittwoch im Monat fanden um kurz vor zwölf an wechselnden Orten im Land kleine Konzerte statt. Bei diesen erklangen Werke zeitgenössischer tschechischer Komponisten, die direkt auf den Klang der Sirenen reagierten.

Werden die Sirenen noch ernst genommen?

„Brünn-Modřice war heute für die Tonne.“

Miroslav Lukeš ist Feuerwehrmann mit Leib und Seele. In seiner Funktion als Leiter des Referats für Prävention und zivile Notfallvorsorge der Generaldirektion der tschechischen Feuerwehr war er zuletzt auch für die Sirenentests zuständig. Was macht er am ersten Mittwoch im Monat um 12 Uhr? Dazu sagte er vergangenes Jahr im Interview für Radio Prag International:

„Am ersten Mittwoch im Monat um zwölf esse ich meistens zu Mittag. Aber natürlich führen wir als Feuerwehr da immer die Sirenenprobe durch – und die ist wirklich nicht zu überhören.“

Dass der Sirenentest in der tschechischen Gesellschaft ein großes Thema ist, freut Lukeš. Er sagt aber auch:

„Wir haben Umfragen gemacht und wissen, dass ein Großteil der Bevölkerung beim Ertönen der Sirene automatisch an den Probealarm denkt. Aber das muss sich ändern. Denn nicht immer handelt es sich um einen solchen Test. Stattdessen sollte man eigentlich aufmerksam sein und sich zur Lage informieren.“

Denn im Ernstfall werde mit den Sirenen auf lebensbedrohliche Situationen hingewiesen, sagt Lukeš:

„Am häufigsten wird die Sirene verwendet, wenn Giftstoffe austreten – etwa Ammoniak aus Eisstadien oder Chlor aus Wasseraufbereitungsanlagen. Es kann sich aber auch um Hochwasser handeln oder Großbrände.“

Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Während manch einer den Klang der Warnanlagen nicht für voll nimmt, würde es mitunter auch Anfragen von Menschen geben, die aufgrund der Sirenen in Panik verfielen, sagt Lukeš. Den Sirenentest deshalb aber etwa durch das Abspielen von Musik zu ersetzen, stehe nicht zur Debatte und sei rechtlich und vielerorts auch technisch nicht möglich, sagt der Fachmann. Um die Probe vom Ernstfall zu unterscheiden, sollte man laut Lukeš genau auf das Signal achten. Denn der Probealarm schwillt immer nur einmal an und hält die Tonhöhe dann für die Dauer von 140 Sekunden. Zudem erfolgt vor und nach dem Probealarm eine Durchsage.

„In manchen Kreisen wird diese Information sogar in mehreren Sprachen durchgegeben. So etwa in den Grenzgebieten, wo die Durchsage auch deutsch und russisch ist. Der Standard ist aber überall Tschechisch und Englisch.“

„Prag 1 heute eine herrliche Symphonie. Leider nur so kurz. Ich schlage eine Petition zur Verlängerung der Dauer vor.“ (Tomáš)

Um keine Panik zu verbreiten, wurde der Probealarm mehrfach aber auch schon ausgelassen. Etwa als 2010 US-Präsident Barack Obama und Russlands Staatsoberhaupt Dmitri Medwedew Prag besuchten. Und auch als während der Corona-Pandemie der Notstand galt, schwiegen die Sirenen. Zu dem gleichen Schritt entschied man sich ebenfalls in den ersten drei Monaten des russischen Angriffskrieges in der Ukraine. Dazu Lukeš:

„Zum einen hatten wir damals in relativ kurzer Zeit Hunderttausende Flüchtlinge aus der Ukraine im Land. Diese hatten in ihrer Heimat wegen der Fliegerangriffe der Russen jede Nacht aufs Neue Luftalarm erlebt. Wir wollten sie deshalb nicht verängstigen. Ein weiterer Grund war, dass viele Einwohner Tschechiens damals Befürchtungen hatten, dass sich der Krieg ausbreiten könnte.“

Das vorerst letzte Mal wurde der Sirenentest übrigens am 1. Januar 2025 abgesagt – aber nicht, um Panik zu vermeiden, sondern um den Einwohnern Tschechiens nach der Silvesternacht den nötigen Neujahrsfrieden zu gönnen.

Die Zukunft der Bevölkerungswarnung

Mit dem monatlichen Sirenentest steht Tschechien an der Spitze im europäischen Vergleich. Nur in Österreich wird häufiger getestet, dort erfolgt der Probealarm in allen Bundesländern außer Wien jeden Samstag. Allerdings hält der Warnton dort nur schlappe 15 Sekunden an.

Der monatliche Probealarm in Tschechien rührt nicht – wie man denken könnte – aus der Zeit des Kalten Krieges her. Erst 2002 wurde hierzulande ein Gesetz verabschiedet, das ihn vorschreibt. Darin ist auch festgelegt, dass in jeder Gemeinde mit über 500 Einwohnern eine Sirene vorhanden sein muss. Aber wer kontrolliert eigentlich, ob die Lärmanlagen auch wirklich ertönen?

„Botanická 68a, Brünn. Beginn 20 Sekunden zu früh und die Ansage am Ende war wie immer nicht zu verstehen. Hoffentlich klappt das nächsten Monat besser.“ (Marek)

„Die Kontrolle liegt vor allem bei den Einwohnern. In den kleineren Gemeinden ist auch der Chef der jeweiligen Feuerwehr oder der Bürgermeister gefragt. Wenn eine Sirene nicht ertönt, melden sie sich beim Einsatzzentrum. Wir planen allerdings einen Ausbau des Systems mit Sirenen, die selbst eine Rückmeldung geben, wenn es zu einem Fehler kommt. Aber das ist noch Zukunftsmusik.“

Allerdings werde an einer derartigen Erneuerung der Warnsysteme fortlaufend gearbeitet, sagt Miroslav Lukeš.

„Es gibt heute rund 10.000 Sirenen im Land. 2000 von ihnen dienen auch als lokale Informationssysteme beziehungsweise als Gemeinderadio. Hinzu kommen 2700 elektronische Sirenen, die bereits eine Rückmeldung über Fehler geben können. 4700 Sirenen sind aber mechanisch und haben noch einen Rotor. Und diese Geräte sind schlichtweg veraltet. Sie sollen schrittweise ausgetauscht werden.“

Lukáš Badura,  Karel Pelichovský,  Jiří Knížek und Tomáš Hradecký | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Die neuen Systeme haben dabei nicht nur den Vorteil, dass sie die Fehlerdiagnose aus der Ferne ermöglichen. Im Ernstfall kann der Einsatzleiter mittels der Anlagen auch direkt durch sein Funkgerät zu den Bürgern sprechen. Lukeš betont außerdem, dass die Sirene bereits jetzt nicht das einzige Mittel der Bevölkerungswarnung ist.

„Wir versenden auch SMS-Nachrichten. Außerdem können wir Apps wie die Anwendung Záchranka nutzen. Und wir machen Gebrauch von unserem Recht, im Tschechischen Rundfunk oder im Tschechischen Fernsehen aufzutreten. Derzeit planen wir zudem die Einführung des Systems Cell Broadcast. In Deutschland gibt es das schon seit geraumer Zeit.“

Beim Cell Broadcast werden Nachrichten in Textform an alle Telefone übermittelt, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Funkzelle eingewählt sind. Den Menschen kann so nicht nur mitgeteilt werden, dass eine Gefahr droht, sondern auch, wie sie sich konkret verhalten sollen.

Wird die Elektror L141 losheulen?

Zurück nach Prag-Hostivař zur Elektror L141 auf dem zweistöckigen Haus. Über 80 Jahre hat sie nun auf dem Buckel. Wird sie auch bald der Modernisierung zum Opfer fallen? Und wenn die Sirenen künftig aus der Ferne geprüft werden: Wird es dann noch einen Sirenentest geben?

Lukáš Badura findet, dass auch an einer elektronischen Sirene Fehler auftreten können und man den akustischen Test deshalb beibehalten sollte. Mittlerweile ist es kurz nach halb zwölf. Er und seine Kollegen haben das Locationscouting abgeschlossen und zwei Positionen ausgewählt, an denen sie nun ihre Stative aufbauen. Beobachtet werden sie dabei von den Gästen der Kneipe. Neugierig werden die Hälse nach den vier Jungs ausgestreckt.

Während seine Freunde die Kameras mit den langen Teleobjektiven und die Mikrophone auspacken, schildert Hobbyhistoriker Pelichovský, wann auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens überhaupt die ersten Sirenen angebracht wurden:

„Das war um das Jahr 1935 herum. Damals trat ein neues Gesetz über den zivilen Luftschutz in Kraft. Die tschechoslowakischen Sirenen waren aber nicht mit den deutschen kompatibel. Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten wurden hier deshalb ab 1939 überall deutsche Sirenen installiert.“

„Heute haben uns die Sirenen beim Mittagessen in der Firma in Pilsen-Orlík erwischt. Dieser wunderschöne Klang hat uns derart paralysiert, dass wir die Konsumation unterlassen und uns ihm hingegeben haben. Nach dem langen Nachhall war das Essen zwar kalt. Aber das wohlige Gefühl im Herzen hat das wieder wettgemacht.“ (Pavel)

So wie die Elektror L141, auf die jetzt alle Augen gerichtet sind. Badura hat ein Funkgerät mit einer langen Antenne in der Hand. Senden kann er damit nicht, aber er kann mit dem Scanner eine Funkfrequenz abhören, die von der Feuerwehr genutzt wird, um den 10.000 Sirenen im Land das Signal zum Losheulen zu geben. Der Zeiger der Armbanduhr nähert sich der vollen Stunde. Doch nichts passiert. Der Funkscanner bleibt still. Ebenso wie die Sirene auf dem Dach. Ist heute wieder so ein Tag, an dem die Jungs von Czech Siren Tech auf ein historisches Exemplar stoßen, das nicht mehr funktioniert? Oder hat jemand verschlafen, den Knopf zu drücken? Der Sirenentest wird jeden Monat von der Feuerwehr in einem der 14 tschechischen Kreise ausgelöst. Vielleicht hat irgendjemand irgendwo seinen Kaffee auf dem Herd stehen lassen? Oder sind wir hier etwa in Olomouc / Olmütz gelandet? Dort findet der Sirenentest nämlich immer um zehn Minuten versetzt statt, damit das Geläut der Astronomischen Uhr auf dem Marktplatz nicht beeinträchtigt wird.

Schließlich heult die Elektror in Prag-Hostivař dann doch noch los – mit ein paar Sekunden Verspätung. Die Jungs haben nicht zu viel versprochen, der Klang ist überwältigend. Die Druckwelle ist deutlich am ganzen Körper zu spüren. Als das Geheule fertig ist, zeigt sich Badura begeistert:

„Die Sirene wurde ausgelöst. Wir hatten vorher einige Bedenken, aber am Ende wurden unseren Erwartungen übertroffen. Sie war sogar lauter als einige ihrer elektronischen Kollegen hier in der Nähe. Wir haben damit gerechnet, dass die Sirene einen schnellen Anlauf hat, und das war auch der Fall. Die Tonfrequenz war höher, als wir es gewöhnt sind. Bei der DS977, die der Standard in Tschechien ist, liegt die Frequenz bei 384 Hertz. Hier dürften es jedoch um die 400 Hertz gewesen sein. Wir sind auf jeden Fall zufrieden. Die Elektror L141 ist wunderschön ertönt. Ich bin glücklich.“

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