Kafka und Prag - Ausstellung aus dem Werk von Jarmila Mařanová

An die Opfer des Aufstands im Ghetto Warschau

„Zwei Prager Passanten haben sich getroffen: Franz Kafka und Jarmila Mařanová. Sie sind sich in Wirklichkeit nie begegnet, nur in ihren Werken sind sie sich näher gekommen.“ Mit diesen Worten hat Schriftsteller Ludvík Aškenazy vor 41 Jahren eine Ausstellung aus dem Werk der tschechischen Grafikerin und Malerin Jarmila Mařanová in Wien eröffnet. Bis heute gehören ihre Bilder zu den wichtigsten Kunstwerken, die durch Kafka inspiriert worden sind. In der Prager Robert-Guttmann-Galerie ist zurzeit eine Auswahl aus Mařanovás Werk zu sehen. Sie trägt den Titel „Kafka und Prag“.

Jarmila Mařanová gehört zu den ersten tschechischen Künstlern, die sich in ihrem Werk mit den Opfern der Shoah befassten. Als eine der wenigen tschechischen Künstler ist sie zudem immer wieder auf das literarische Werk von Franz Kafka eingegangen. Sie hat mehrere seiner Bücher illustriert. Vor zwei Jahren entschied sich die Künstlerin, 54 ihrer ältesten Grafiken zu Kafka dem Jüdischen Museum in Prag zu schenken. Diese Grafiken werden mit weiteren Werken Mařanovás aus den Sammlungen des Museums und anderen Institutionen in der Guttmann-Galerie gezeigt. Die Ausstellung ist den Mitarbeitern des Museums zufolge ein Dank an Jarmila Mařanová für ihr Geschenk. Das Jüdische Museum würdigt damit die Künstlerin, deren Lebenswerk mit dem Schicksal der Prager Juden sowie mit dem Museum eng verbunden ist.

Jarmila Mařanová stammt aus einer künstlerischen Familie. Ihr Vater Augustin Bartoš war ein namhafter tschechischer Pädagoge, ihre Mutter Bedřiška, geborene Weinberger, war Pianistin. Der internationale bekannte Komponist Jaromír Weinberger war Mařanovás Onkel. Noch während der Nazi-Okkupation studierte sie an der Kunstgewerbeschule in Prag. Ihre Eltern ließen sich noch vor dem Krieg scheiden. Mařanovás Mutter wurde als Jüdin nach Theresienstadt deportiert. Ein Großteil ihrer Verwandtschaft mütterlicherseits fiel dem Nazi-Terror zum Opfer.

Die erste selbständige künstlerische Arbeit von Jarmila Mařanová war eine Reihe von Studien und Gemälden, die sie dem Andenken ihrer Mutter widmete. In den fünfziger Jahren entstanden mehrere Werke, die durch das Schicksal ihrer Verwandten inspiriert waren, sagt der Kurator der Ausstellung Arno Pařík:

„Zuerst musste ihre Großmutter in den Transport, der Großvater war zu der Zeit schon tot. Dann die Mutter, dann ihre Cousine, die genauso alt war wie Jarmila und die mit ihr sehr gut befreundet war. Ein Cousin von Jarmila wurde auf der Straße von einem SS-Mann erschossen. Die Künstlerin hatte viele traumatische Erlebnisse. Diese Erlebnisse sind in ihr stecken geblieben, sie ist sie nie losgeworden.“

Jarmila Mařanovás Studien und Gemälde mit der Shoah-Thematik sind eher die poetische Metapher einer tiefen Trauer über den Verlust. Das Hauptergebnis dieser Studien ist ein großformatiges Gemälde mit dem Titel „Den Opfern des Aufstands im Warschauer Ghetto“ aus dem Jahr 1963: Gesichter der Kämpfer erscheinen wie Phantome in Flammen vor dem Hintergrund der Ghettomauer. Dem Kurator zufolge war es erstaunlich, dass sie sich eben dem Aufstand im Warschauer Ghetto widmete:

„Es ist meiner Meinung nach typisch für Jarmila Mařanová, Themen entdeckt zu haben, von denen niemand anderer Notiz nahm. Über den Aufstand wurde in der Tschechoslowakei damals nichts geschrieben, es war ein Tabu-Thema.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann sich das Interesse für Franz Kafkas Werk allmählich auch in der Tschechoslowakei zu verbreiten. Arno Pařík:

„Für Leute, die den Krieg in Prag überlebten, war die Atmosphäre hier wie aus Kafkas Roman ´Der Prozess´ und anderen Werken. Kafkas Werke waren damals zur Herausgabe vorbereitet, aber sind bis 1948 nicht erschienen.“

Nach dem kommunistischen Putsch von 1948 wurde das Interesse für den Individualisten Kafka für Jahre unterdrückt. Erst in den 60er Jahren durfte man über den Schriftsteller wieder sprechen. In Prag schien damals alles an Kafka zu erinnern, die unwirkliche Atmosphäre der verkommenen Stadt sowie die Absurdität des Alltagslebens in einem nicht funktionierenden bürokratischen System. Damals begann Mařanová an einem Kafka-Zyklus zu arbeiten. Wie sie später sagte, stand ihr diese Prosa aus zwei Gründen sehr nahe: Erstens sah Kafka einem ihrer Cousins ähnlich, andererseits weckte die Kafka-Lektüre in ihr Erinnerungen an die Jüdische Stadt vor dem Krieg, wo sie mit Oma und Mutter spazieren ging. Die Grafiken sind zum Teil Illustrationen bestimmter Szenen aus Kafkas Romanen und Erzählungen. Manchmal aber geht es eher um eine grafische Paraphrase der Gefühle und Vorstellungen, welche die Werke hervorrufen.

„Neben der traumartigen Atmosphäre gibt es auf diesen Bildern auch Details, die den Betrachter verwirren und verunsichern, die aber im Ausgangs-Text von Kafka enthalten sind. Nicht jeder Kafka-Leser nimmt diese Einzelheiten wahr. Darum ist es manchmal nicht einfach, die entsprechenden Worte im Buch zu finden. Für die Künstlerin war dieses Motiv bedeutend. Genauso wie für Kafka. Und darum wurden diese Einzelheiten zum Thema der Grafiken.“

„Kafkas Seelezustand genauso wie seine Heimatstadt stehen mir nahe“, sagte einst die Malerin. Sie schuf Bilder aus dem alten Prag, über dem oft unwirkliche Gestalten wie im Traum schweben. Dies verleiht den Bildern hier und da einen surrealistischen Charakter.

In ihrer Enttäuschung über die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 fand Mařanová ein Thema für einen neuen Grafik-Zyklus im biblischen Buch Hiob. Anfang der 70er Jahre, während der so genannten „Normalisierungszeit“ schuf sie Lithografien, die durch Comenius inspiriert wurden:

„Die Hauptpersonen aus Kafkas Romanen, Josef K. und Karl Roßmann, ähneln dem Pilger, der in einem Comenius´ Werk auftaucht, dem Buch ´Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzen´. Einen Pilger, den ewigen Juden Ahasver, gibt es auch in der jüdischen Mythologie. Das Motiv stammt eigentlich aus einer alten judenfeindlichen Legende. Mit der Zeit ist der Ahasver jedoch Bestandteil der jüdischen Volkskunst geworden.“

1976 folgte Mařanová ihren Kindern, die bereits zuvor nach Amerika emigriert waren. Bis 2005 lebte sie in New York. Im Wolkenkratzerlabyrinth dieser Stadt befasste sie sich abermals mit Kafka:

„Sie kam auf den Roman ´Amerika´ zurück. Die Geschichte des einsam-verlorenen Karl Roßmann hat sie in Grafiken verarbeitet. Danach illustrierte sie die bibliofile Kafka-Ausgabe der Franklin Library in Philadelphia. Diese Illustrationen hatten einen großen Erfolg. Jarmila Mařanová wurde dafür mit vier Preisen von namhaften amerikanischen Grafiker- und Künstlergesellschaften ausgezeichnet.“

Zurzeit lebt Jarmila Mařanová, die inzwischen 45 Ausstellungen in der ganzen Welt hatte, in der Stadt Sandpoint in Idaho. Die Ausstellung in der Robert-Guttmann-Galerie in Prag ist bis zum 4. Januar zu sehen.

Jarmila Mařanová stammte aus einer künstlerisch vielseitig begabten Familie. Erwähnt wurde auch ihr Onkel, der Komponist Jaromír Weinberger, der durch eine Oper international bekannt wurde. Die nach einem Stück von Josef Kajetán Tyl geschriebene Oper wurde übrigens in 17 Sprachen übersetzt. Falls Sie den Namen dieses Werks von Jaromír Weinberger kennen, schreiben Sie uns. Denn das ist die heutige Quizfrage. Als Gewinn winkt Ihnen ein Buch über Prag. Ihre Zuschriften richten Sie bitte an Radio Prag, Vinohradska 12, PLZ 120 99 Prag 2.

Die richtige Antwort auf die Frage aus der Sendung im November lautet: Das Nationaltheater Prag wurde mit Smetanas Oper „Libussa“ eröffnet. Ein Buch geht diesmal an Volker Willschrey aus Dillingen.