Das alte Prag im Herzen – der Schriftsteller und Journalist Johannes Urzidil
Er gehörte als wohl jüngstes Mitglied zum Prager Kreis um Franz Kafka, Max Brod und Franz Werfel: der Schriftsteller und Journalist Johannes Urzidil. In unserem Audiobeitrag erfahren Sie mehr zu seinem Leben und Werk. Dabei kommt vor allem der Historiker Stefan Samerski von der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste zu Wort. Zu hören ist aber auch Urzidil selbst in seinem wunderbaren Prager Deutsch, und zwar in einer Aufnahme aus dem Archiv des Tschechischen Rundfunks von 1936. Ergänzt wird dies durch Zitate des Autors teils aus autobiografischen Texten. Den gesamten Beitrag können Sie im Stream auf dieser Website anhören.
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Über Johannes Urzidil gibt es immer noch keine Biographie. Dabei ist er äußerst interessant, nicht nur wegen seiner engen Freundschaft zu Kafka, sondern auch wegen seiner unterschiedlichen Schaffensphasen und dem Exil in den USA. 1939 floh er aus Prag und Böhmen. Über Großbritannien ging es für ihn und seine Frau dann 1941 in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo er die zweite Hälfte seines Lebens verbrachte.
Samerski von der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste hat vor ein paar Wochen eine kleine Broschüre über Johannes Urzidil herausgebracht. Zudem hielt Samerski eine literarische Lesung in der Repräsentanz des Freistaates Bayern in Prag. Für das Interview gegenüber Radio Prag International wählte der Historiker den Ort des früheren Café Arco, das heute eine Kantine des tschechischen Innenministeriums ist. Im Café Arco hatte sich der Prager Kreis ab 1907 getroffen.
Literatur für die Vertriebenengeneration
Samerski betont, dass Johannes Urzidil nach ersten Lyrikversuchen im Prager Kreis zunächst vor allem journalistisch tätig gewesen sei. Erst in den 1930er Jahren erschienen erste literarische Werke, es waren jedoch Monographien. 1932 war es „Goethe in Böhmen“ und 1936 dann „Wenceslaus Hollar. Der Kupferstecher des Barock“.
„Auch als er 1939 Prag verlassen hatte, war Urzidil keine Berühmtheit. Das kam erst, als Ende der 1950er und in den 1960er Jahren die großen bundesdeutschen Verlage an ihn herangetreten sind und ihn gebeten haben, doch Prosa zu schreiben und etwas über das alte Prag zu veröffentlichen. Das hat er gerne gemacht und konnte damit die Vertriebenengeneration beliefern. Sie haben ihn verschlungen.“
1956 publizierte Johannes Urzidil seinen Erzählband „Die verlorene Geliebte“. Vor allem aber das Buch „Prager Tryptichon“ von 1960 begründete seinen Ruhm als „großen Troubadour jenes für immer versunkenen Prag“, wie Max Brod ihn nannte.
Zufluchtsichernde Sprache
Urzidil und seine Frau Gertrude lebten ab 1941 in New York. Dennoch lehnte es Urzidil ab, auf Englisch zu schreiben. Stefan Samerski:
„Sein Medium war eben die deutsche Sprache, das muss man deutlich sagen. Gerade in den 1920er und 1930er Jahren – darüber hinaus sowieso – hat er fast ausschließlich auf Deutsch veröffentlicht. Das waren also nicht nur journalistische Beiträge, sondern Gedichte ohnehin, aber auch seine Prosa.“
Und die Sprache bezeichnete der Exulant auch als „Zufluchtsicherndes“. Dabei beherrschte Urzidil ebenso hervorragend Tschechisch, das belegt etwa eine Aufnahme aus den 1960er Jahren in der Wohnung des Journalisten Ferdinand Peroutka. Ohnehin hatte er ab 1914 außer Germanistik und Kunstgeschichte auch Slawistik studiert.
Als Johannes Urzidil am 2. November 1970 in Rom starb, war er gerade wieder auf einer Lesereise, in dem Fall auf Einladung des österreichischen Kulturinstituts in der Stadt am Tiber. Diese Lesereisen ab den 1960er Jahren hatten ihm laut Samerski auch das erste Mal wirklich gute Einkünfte für seine literarische Tätigkeit eingebracht. Und sie machten ihn auch außerhalb Deutschlands bekannt.
Den gesamten Beitrag hören Sie in der Audioversion.
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