Kampf der Dunkelziffer: NGO proFem legt Studie zu sexualisierter Gewalt an Frauen in Tschechien vor

Jede fünfte Frau in Tschechien ist schon einmal oder wiederholt Opfer einer Vergewaltigung geworden. Ein Großteil von ihnen trägt langfristige gesundheitliche Folgen davon, und nur wenige wenden sich an die Polizei. Dies zeigt eine neue Studie zu sexualisierter Gewalt an Frauen in Tschechien.

Jitka Poláková | Foto: Zuzana Jarolímková,  iROZHLAS.cz

Das Problem besteht nicht nur in Tschechien: Es gibt wenige gesicherte Daten zu sexualisierter Gewalt. Nicht alle Vergewaltigungen kommen zur Anzeige, und bei Belästigungen wird die Polizei nur selten informiert. Die Dunkelziffer ist also hoch. Darum hat die tschechischen NGO proFem eine breit angelegte Umfrage durchgeführt. Deren Ergebnisse wurden vergangene Woche der Öffentlichkeit präsentiert. In den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks erläuterte proFem-Chefin Jitka Poláková, dass es in der Studie konkret um die Erfahrungen von Frauen gehe:

„Unsere Umfrage reiht sich mit ihrem Ergebnis in die vorhergehenden Forschungen ein. Bei uns gaben 58 Prozent, also mehr als jede zweite Frau an, im Verlaufe ihres Lebens schon einmal mit einer Art von sexualisierter Gewalt konfrontiert worden zu sein. Überraschend ist hingegen, dass jede fünfte Frau eine solche Situation im Alter von bis zu 15 Jahren erlebt hat.“

5042 Frauen im Alter von 18 bis 65 Jahren wurden dazu im Mai und Juni vergangenen Jahres befragt. Bei der Erstellung der Studie hat proFem mit der Agentur MindBridge Consulting zusammengearbeitet. Dabei wurden etwa die 31 unterschiedlichen Übergriffssituationen, die im Fragebogen aufgeführt waren, in größere Kategorien zusammengefasst. Weiter sagt Poláková:

„Die häufigsten Formen von sexualisierter Gewalt – sie liegen bei 50 Prozent – sind die kontaktlosen Taten. Dazu gehören etwa sexuelle Belästigung oder Cybergewalt. Und eine Vergewaltigung haben 20 Prozent der Frauen erlebt.“

Naďa Gubová und Jitka Poláková | Foto: Tereza Cedidlová,  Tschechischer Rundfunk

Im Fragebogen wurde bereits mit einer neuen Definition von Vergewaltigung gearbeitet. Diese wird derzeit noch im tschechischen Abgeordnetenhaus diskutiert und ist damit hierzulande noch nicht rechtlich anerkannt. Sie bezieht nicht nur erzwungene sexuelle Handlungen gegen den Willen eines oder einer Beteiligten ein. Auch Geschlechtsverkehr ohne die explizite Zustimmung gilt dabei als Straftat.

In jenen Vergewaltigungsfällen, die in der Umfrage erhoben wurden, haben nur sechs Prozent der Opfer eine Anzeige gestellt. Aber 75 Prozent der Betroffenen gaben an, noch heute die Auswirkungen des Erlebten zu verspüren. Bei jenen Frauen, die in Kindheits- und Jugendjahren vergewaltigt wurden, leiden sogar 93 Prozent unter langfristigen Folgen.

Wichtig seien außerdem die Erkenntnisse zu den gesamtwirtschaftlichen Folgen von sexualisierter Gewalt, betont Poláková:

„Im vergangenen Jahr haben 123.550 Frauen ärztliche Hilfe aufgesucht. Dadurch sind bei den Krankenversicherungen Kosten von 2,3 Milliarden Kronen angefallen. Dies ist keinesfalls die Gesamtsumme. Denn weitere Kosten entstehen, wenn eine Frau zum Beispiel Sozialhilfe bekommt, weil sie in ihrer Produktivität eingeschränkt ist, also nicht arbeiten oder studieren gehen kann.“

Die genannte Summe entspricht 91 Millionen Euro. Dabei seien etwa auch Strafverfahrenskosten eingerechnet, fügt die proFem-Chefin hinzu. Mit dieser Bilanzierung ist die aktuelle Studie Poláková zufolge nicht nur aufschlussreich für andere Hilfsorganisationen, sondern vor allem für Politiker:

„Ich denke, dass diese Zahlen vom Staat, vom Regierungsamt und den Ministerien für Gesundheit sowie für Arbeit und Soziales wahrgenommen werden sollten. Sie müssen sich mit dem Thema befassen und dafür einsetzen, passende politische Instrumente oder Leitlinien einzuführen. Und natürlich sollten die Daten auch in den Aktionsplan zur Prävention von Gewalt an Frauen einfließen.“

Erst im Januar hat proFem in Prag das landesweit erste komplexe Hilfszentrum für Opfer sexueller Gewalt eröffnet, das Notunterkünfte, ärztliche Betreuung und polizeiliche Ermittlungen verbindet. An die Einrichtung namens Port (englisch für Hafen) haben sich im ersten Monat etwa 70 Personen gewandt. Solch einen Ansturm gleich zu Beginn habe sie nicht erwartet, kommentierte dazu Jitka Poláková.

Autor: Daniela Honigmann | Quelle: Český rozhlas Plus
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