Karlsbader Synagoge vor 74 Jahren in Kristallnacht zerstört

Karlsbader Synagoge (Foto: Wikimedia Commons, Free Domain)

Im westböhmischen Kurort Karlovy Vary / Karlsbad lebte vor dem Zweiten Weltkrieg eine starke jüdische Minderheit. In der Stadt stand eine der schönsten Synagogen im Land. Vor 74 Jahren wurde sie während der Kristallnacht niedergebrannt. Am Sonntag fand in der Kurstadt eine Gedenkveranstaltung an die Ereignisse von 1938 statt.

Karlsbader Synagoge (Foto: Wikimedia Commons, Free Domain)
Der Karlsbader Kinosaal Drahomíra war voll, einige Besucher mussten sogar stehen. Das Ensemble Herjetband eröffnete die Gedenkveranstaltung, an der Vertreter der jüdischen Gemeinde und der Stadt Karlsbad sowie Vertreter der israelischen Botschaft in Prag teilnahmen. Oberbürgermeister Petr Kulhánek erinnerte in seiner Ansprache an die Ereignisse vor 74 Jahren:

„Mit der Kristallnacht ist die Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Karlsbad hatte damals eine der schönsten Synagogen in Mitteleuropa. Sie wurde 1877 erbaut. Nach 61 Jahren wurde sie zerstört.“

Karlovy Vary hatte dem Oberbürgermeister zufolge in der Geschichte der frühen Tschechoslowakei eine doppeldeutige Rolle: Einerseits war es eine blühende weltoffene Stadt, und die jüdische Minderheit hat bedeutend zu deren Aufschwung beigetragen, so Kulhánek:

Ludwig Moser
„Dies beweisen Namen wie Ludwig Moser, Gründer der weltberühmten Glasfabrik, oder Alfred Schwalb, der das Hotel Imperial erbauen ließ. Zu erwähnen ist auch der Inhaber des Kurhotels Richmond, Alois Klein, oder der Arzt Isidor Müller, der ein Sanatorium in der Křižík-Straße gründete. Etwa ein Zehntel der Stadtbewohner waren damals Juden. In Karlsbad fanden zwei zionistische Weltkongresse statt. Den Vorsitz des Kongresses im Jahre 1921 hatte der spätere israelische Staatspräsident Chaim Weizmann inne. In Karlsbad hatte aber auch die Nazi-Ideologie ihre Anhänger – zum Beispiel in der Person des wenig erfolgreichen Buchhändlers und späteren hohen Nazi-Politikers K. H. Frank.“

Von allen Rednern der Gedenkveranstaltung waren die Worte der Zeitzeugin Dorit Pešková am eindrucksvollsten. Sie wuchs in Karlsbad auf und besuchte in den 1930er Jahren dort ein deutsches Gymnasium.

Dorit Pešková (Foto: Martina Schneibergová)
„Bis 1937 ist nichts passiert. Ich habe viele Freundinnen in der Schule gehabt. Aber dann hat mir eine gute Freundin gesagt, ich solle nicht mehr zu Besuch kommen. Sie sagte, sie möge mich sehr, aber dürfe nicht mehr mit mir reden. Das war für mich damals wie ein Schlag. Es sollte dann aber noch schlimmer werden. Wir waren vier jüdische Mädchen in der Schule, da haben wir zusammengehalten, aber zu den anderen hatten wir kaum mehr Kontakt.“

Dorits Familie flüchtete nach dem Anschluss des Sudetengebiets aus Karlsbad nach Prag. Das rettete die Familie jedoch nur kurz: Dorit Pešková verlor ihre Eltern in Auschwitz, sie konnte überleben. Zum Ende ihrer Schilderung wandte sich sie sich mit einem Aufruf vor allem an die zahlreichen jungen Menschen im Saal:

„Ihr dürft euch nicht aufhetzen lassen. Meine Mitschüler waren ganz normale Jugendliche. Aber eine große Rolle hat damals die Wirtschaftskrise gespielt, viele Leute im Grenzgebiet waren arbeitslos und sie ließen sich von den Nazis verwirren. Lasst euch nicht irreführen. Die Neonazis gibt es, aber wir müssen gegen sie kämpfen. Das ist eure Aufgabe.“