Königin Fritigil als Vorreiterin der Christianisierung in Mähren – Jiří Šestáks neuer Roman
Von wo aus hat sich das Christentum in die Böhmischen Länder verbreitet? Mit diesem Thema befasst sich der Schriftsteller Jiří Šesták in seinem neuesten Roman. Denn neben den Missionen aus dem Westen und dem Osten gab es schon früher als im 9. Jahrhundert Persönlichkeiten, die den Weg für das Christentum bereitet haben.
Jiří Šesták ist Schauspieler, Theaterregisseur, Pädagoge, Politiker und Schriftsteller. 2023 siegte der südböhmische Autor beim Festival Šumava Litera in Vimperk mit seinem Roman „Divoká honba“ (Die wilde Jagd), der sich in den 1950er Jahren im Böhmerwald abspielt. Seinen neuesten Roman mit dem Titel „Kristus jde na sever“ (Christus geht Richtung Norden) stellte Šesták im November vergangenen Jahres ebenfalls bei dem Literaturfestival in Vimperk vor. In dem Buch geht der Schriftsteller weit in die Geschichte zurück. Der Roman beschreibt Ereignisse aus dem 4. und 5. Jahrhundert und trägt den Untertitel „Historischer Roman über die ersten Begegnungen unserer Länder mit dem Christentum unter der Regierung der Königin Fritigil“. Wie er auf diese Herrscherin gestoßen ist? Dazu der Autor:
„Ich habe sie entdeckt, da ich zur Eroberung Mährens durch die römischen Legionen in der Zeit der Markomannen-Kriege recherchiert habe. Dabei habe ich festgestellt, dass die römischen Legionen im 2. Jahrhundert unter Marcus Aurelius die Gegend des heutigen Olomouc erreicht haben. Als ich meine Notizen studiert habe, stieß ich auf einmal auf den Namen der Königin Fritigil, und zwar im Zusammenhang damit, dass sie die letzte Königin der Markomannen war, bevor diese am Anfang des 5. Jahrhunderts wegezogen sind.“
Briefwechsel mit dem Mailänder Bischof Ambrosius
Durch die Recherchen habe er des Weiteren erfahren, dass Fritigil getauft wurde und dass sie Christin war, sagt Jiří Šesták.
„Aus diesem Grund stand Fritigil im Briefwechsel mit dem damaligen Bischof von Mailand, Ambrosius (339–397, Anm. d. Red.). Sie entschied sich sogar, ihn zu besuchen. In Mailand kam sie jedoch einige Tage nach seinem Tod an. Fritigils Geschichte wurde in die Biographie des später heiliggesprochenen Ambrosius miteinbezogen. Dadurch ist ein schriftlicher Beweis dafür erhalten geblieben, dass sie wirklich gelebt hat. Dies hat mein Interesse geweckt, sodass ich begann, nach weiteren Zusammenhängen zu suchen. Denn bisher wurden wir im Narrativ erzogen, dass erst Kyrill und Method 863 das Christentum nach Mähren gebracht hätten. Und um 15 Jahre früher wurden 14 böhmische Fürsten in Regensburg getauft. Wir haben jedoch nicht gewusst, dass das heutige Gebiet Tschechiens schon 450 Jahre früher in Kontakt mit der christlichen Glaubenslehre kam.“
Historiker, die der Schriftsteller zu diesen Kontakten fragte, seien laut Šesták sehr vorsichtig gewesen, weil es nur wenige Beweise zu Fritigil gibt. Trotzdem sei er auf einige Legenden gestoßen, die vor allem mit Mähren verbunden seien, so der Autor.
„Diese Legenden erzählen über Königin Fritigil. An mehreren Orten wird an sie erinnert. Ich habe zudem erfahren, dass sie beispielsweise 600 Jahre später in der Christianslegende und in weiteren historischen Quellen erwähnt wurde. Fritigil kommt auch in der ,Geschichte von Böhmen‘ des Historikers František Palacký vor. Mich haben zwei Dinge besonders tief beeindruckt: Erstens, dass sie eine Frau war, die damals regierte, und zweitens, dass sie sich um eine Christianisierung ihres Gebiets bemühte und Kontakte zum Römischen Reich hatte. Sie war keine klassische Königin im mittelalterlichen Sinne des Wortes, sondern hatte eher Einfluss auf einen Stammesverband. Dank ihr verbreiteten sich völlig neue Ideen auf ihrem Gebiet.“
Und anhand seiner Recherchen und konkreter Realien begann Jiří Šesták schließlich, sich eine Geschichte auszudenken.
Wo Königin Fritigil ihren Sitz hatte, ist nicht bekannt. Šesták denkt jedoch, sie habe irgendwo in Südmähren, in der Westslowakei oder in Oberösterreich gelebt.
„In diesem Gebiet könnte sich das Zentrum befunden haben. Denn von dort aus konnte sie weitere Regionen beeinflussen. Wir wissen genauso wenig, wo sich Wogastisburg befand, wo Samo gegen Dagobert kämpfte. Jedenfalls finde ich spannend, dass es weder in der Slowakei, noch in Ungarn und in Oberösterreich Legenden über Fritigil gibt, dafür jedoch in Mähren – von Kyjov in Südmähren bis nach Olomouc.“
Fritigils Höhle auf der Burg Buchlov
Der Schriftsteller weist darauf hin, dass sich im Burghof von Buchlov eine Fritigil-Höhle befindet. Legenden besagen, dass die Königin dort ihren Sitz hatte und dass sie im Dorf Silničná nahe Kyjov bestattet worden ist. Es gebe jedoch auch Abbildungen der Markomannen-Königin, fügt Šesták hinzu.
So finden sich in Žarošice nahe Kyjov auf einer Kirchenmauer Sgraffiti vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, auf denen Fritigil abgebildet ist. Der Schriftsteller:
„Wir brauchen irgendeinen fantastischen Zufallsfund, der helfen würde, das Geheimnis von Fritigil und ihrem Sitz zu enthüllen. Aber wir wissen mit Sicherheit, dass sie gelebt hat. Und ihr Mann und der engere Kreis von ihnen nahestehenden Menschen waren getauft. Wenn sie eine so lange Reise unternahm, um das Christentum besser kennenzulernen, ist es wahrscheinlich, dass sie auch zurückreiste. Sie wurde vermutlich in Mailand belehrt und trat zum katholischen Glaubensmodus über. Es kann sein, dass sie aus Mailand Menschen mitnahm, die imstande waren, Steingebäude zu bauen und Texte abzuschreiben. Da sie und ihr Hof in der Lage waren, auf Latein über so anspruchsvolle Themen wie Religion zu sprechen, nehme ich an, dass sie hoch gebildet waren.“
Jiří Šesták hat sich genauso wie einst Königin Fritigil zum Heiligen Ambrosius oder genauer gesagt zu seinem Grab begeben. Denn der Bischof von Mailand, den die Königin besuchen wollte, wurde später heiliggesprochen. Der Schriftsteller erzählt, er habe mehrmals das Grab von Ambrosius in Mailand besucht. Einen Teil der Reise, die Fritigil unternommen hat, habe er auch absolviert, merkt der Schriftsteller an. Und er denkt, dass die Königin damals nicht über die Alpen nach Mailand reiste.
„Die erste Stadt im Römischen Reich, die sie passierte, musste Carnuntum sein, das zwischen Bratislava und Wien liegt. Sie nutzte vermutlich die römische Straße Via Gemina, die damals Emona, das heutige Ljubljana, und Aquileia verband. Das war damals eine der größten römischen Städte. Dort lernte sie die römische Zivilisation in ihrer Herrlichkeit kennen. Aber das war natürlich schon am Ende des 4. Jahrhunderts, und das Römische Reich erlebte schon eine Krise.“
Auf Fritigils Spuren nach Mailand
Historiker und Archäologen müssen sich laut Jiří Šesták in ihrer Arbeit auf glaubwürdige Beweise stützen. Der Schriftsteller habe jedoch den Vorteil, dass er fabulieren könne.
„Zahlreiche Historiker, die mein Buch gelesen haben, haben die Möglichkeit begrüßt, dieses Thema zu öffnen und unsere ältere Geschichte, noch vor der Ankunft der Slawen, zu erforschen. Als Kyrill und Method im 9. Jahrhundert nach Mähren kamen, konnten sie womöglich noch irgendwelche erhaltenen Spuren von Begegnungen mit dem Christentum aus den alten Zeiten erleben.“
Der Schriftsteller weist darauf hin, dass es auf dem Gebiet der heute nicht mehr existierenden Gemeinde Mušov in Südmähren im 2. Jahrhundert ein römisches Militärlager gab. Es befanden sich dort Gebäude, in denen die Oberbefehlshaber lebten, sowie ein Bad. Die zehnte römische Legion hatte dort die Aufgabe, die germanischen Stämme zu kontrollieren, die in den Markomannen-Kriegen geschlagen worden sind. Wenn das Gebiet dem Römischen Reich angeschlossen gewesen wäre, hätte es laut Šesták vermutlich auch schriftliche Quellen aus dieser Zeit gegeben. Dies ist jedoch nicht der Fall. Der Name der Königin Fritigil kommt jedoch in mehreren Legenden vor. Der Schriftsteller:
„Es gibt die Legende, die mit der Burg Buchlov verbunden ist. Dort befindet sich ein Ort, der Fritigil-Höhle genannt wird. Man erzählt sich, dass sich dort eine heidnische Opferstätte befand, die Fritigil als christliche Königin beseitigen ließ. Natürlich muss man sich die Frage stellen, wann diese Legende entstanden ist, wie sie sich während der Jahrhunderte entwickelt hat. Ich finde jedoch spannend, dass Fritigil auch nach 1600 Jahren erwähnt wird und dass die Legende die Zeit der nationalen Wiedergeburt überlebt hat, in der alles Germanische unterdrückt wurde. Denn die tschechische Gesellschaft distanzierte sich damals vom germanischen Einfluss.“
Der Roman von Jiří Šesták spielt teilweise auf dem Gebiet unter den Markomannen. Die Personen, die auftreten, sind allerdings keine historischen Persönlichkeiten. Ungefähr drei Viertel des Romans konzentrieren sich auf Fritigils Reise nach Mailand und ihre Rückkehr.
„Die Geschichte endet irgendwo im Böhmerwald. Die Königin und ihre Begleitung besuchen Linti, das heutige Linz. Dann begeben sie sich entlang der Moldau flussabwärts. Drei Viertel der Handlung spielen auf römischem Gebiet. Fritigil begegnet realen historischen Persönlichkeiten. Sie trifft den Bischof von Aquileia, Chromatius (345–407, Anm. d. Red.), und General Stilicho, der der Vormund von Kaiser Honorius und Verwalter des Weströmischen Reiches war. Zudem trifft sie Paulinus von Mailand, den Sekretär von Bischof Ambrosius.“
Im Roman werden parallel zwei Geschichten erzählt: Die eine handelt von Königin Fritigil und die andere von Bischof Ambrosius von Mailand. Denn die Handlung setzt in der Zeit ein, als Ambrosius noch am Leben war. Ambrosius erinnert sich an seine Begegnungen mit Augustinus, der damals Bischof von Hippo in Nordafrika war. Auch Kaiser Theodosius (347–395) und Gengenkaiser Eugenius, der gegen Theodosius kämpfte, werden erwähnt.
„Das sind alles historische Persönlichkeiten. Ich war bemüht, ihre Ansichten und Taten möglichst authentisch zum Ausdruck zu bringen. Ich denke, der Leser kann sich anhand der Handlung gut in der damaligen Zeit orientieren.“
Was aber sagen die Theologen und Religionswissenschaftler zu seinem Roman? Jiří Šesták:
„Auf dem Umschlag des Buchs finden sich Rezensionen von Tomáš Halík und von Karel Skalický. Ihnen hat der Roman, denke ich, sehr gut gefallen. Die theologischen Fragen habe ich mit Experten konsultiert, sodass ich keine Fehler begehe, was die Glaubenslehre und das frühe Christentum betrifft. Natürlich habe ich von einigen Theologen auch ein paar Einwände und Anmerkungen gehört. Wir können das Geschehen im 4. Jahrhundert jedoch nicht aus der Sicht des 21. Jahrhunderts bewerten. Ich denke, dass die Experten im Bereich Theologie den Roman unterm Strich begrüßt haben. Ihre Reaktionen waren insgesamt positiv.“
Zieht der Schriftsteller in Erwägung, an die Geschichte von Fritigil mit einem weiteren Buch anzuknüpfen?
„In dem Roman gibt es einen mystischen Moment, den die Hauptheldin erlebt. Ich will das den eventuellen Lesern aber nicht verraten. Es kommt dort ein Gegenstand, eine Art Reliquie vor. Die Geschichte ist nicht abgeschlossen. Sollten die Leser das Buch spannend finden, würde ich vielleicht in ein paar Jahren versuchen, die Geschichte weiter zu erzählen. Eine freie Fortsetzung würde jedoch etwa 600 Jahre später spielen.“
Jiří Šesták leitete nach der Wende von 1989 das Schauspielensemble des Südböhmischen Theaters in České Budějovice / Budweis. In den Jahren 2004 bis 2014 war er Direktor des Theaters in Budweis. 2012 wurde er für die Bewegung Bürger für Budějovice (HOPB) in den Senat des tschechischen Parlaments gewählt und war von 2016 bis 2018 Vizepräsident des Senats. Šesták war von November 2019 bis Dezember 2020 der erste Direktor des Museums des Gedenkens des XX. Jahrhunderts. Von dem Posten trat er aus persönlichen Gründen zurück. Derzeit konzentriert er sich auf die literarische und pädagogische Arbeit. Und, so sagt er, er wäre froh wenn sein Roman auch auf Deutsch erscheinen würde.







