Körperertüchtigung und Politik: 150 Jahre Turnerbund Sokol

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Was für die Deutschen Turnvater Jahn ist, das ist für die Tschechen Miroslav Tyrš. Er war vor 150 Jahren prägender Mitgründer des Sokol, der tschechischen Turnbewegung, die später auch auf weitere slawische Völker übergriff. „Sokol“ ist nicht nur im Tschechischen, sondern auch in anderen slawischen Sprachen das Wort für „Falke“. Die Falken spielten eine wichtige Rolle bei der Emanzipation der Tschechen und Slowaken in der k.u.k. Monarchie und der Bildung eines eigenständigen Staates. Der Sokol war zudem die bedeutendste Massenorganisation der tschechischen Geschichte.

Die Geschichte des Sokols beginnt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Turnbewegung entstand aufgrund von Spannungen im tschechisch-deutschen Verhältnis. Michal Burian ist Historiker am Militärgeschichtlichen Institut in Prag:

„Die Anfänge liegen im Jahr 1861. Damals sollte der Prager Männerturnverein gegründet werden. Ursprünglich sollten dort Tschechen und Deutsche gemeinsam turnen. Der Hauptfinanzier des Vereins, ein deutscher Unternehmer, stellte dann aber im letzten Moment noch die Bedingung, dass dort nur Deutsche zugelassen werden sollten. Zur Überraschung des tschechischen Teils stimmten die Deutschen dieser Bedingung sofort zu.“

Miroslav Tyrš und Jindřich Fügner
So entstand die Idee eines eigenen Turnvereins. Treibende Kräfte waren dabei Miroslav Tyrš und Jindřich Fügner. Beide kamen erstaunlicherweise aus deutschen Familien. Dazu Jan B. Uhlíř, ebenfalls Prager Militärhistoriker:

„Friedrich Tiersch, so sein eigentlicher Name, fühlte sehr tschechisch. Und das trifft wohl auch auf den zweiten Hauptgründer, Jindřich Fügner, zu. An seinem Namen lässt sich heraushören, dass seine Familie ursprünglich ebenfalls nicht tschechisch war.“

Jindřich Fügner hatte eigentlich als Heinrich Fügner die Welt erblickt. Er und Tyrš erweckten eine Organisation, die im Laufe der folgenden Jahrzehnte deutliche tschechisch-nationalistische Züge annehmen sollte.

Der 16. Februar 1862 gilt als offizielles Entstehungsdatum des Sokol. Damals trafen sich 75 Gründungsmitglieder in der Prager Altstadt und riefen einen Turnverein ins Leben, der dann drei Wochen später auch seine Tätigkeit aufnahm. Von Anfang an stand nicht nur die Körperertüchtigung im Vordergrund, der Sokol trat vielmehr für die nationale Unabhängigkeit der Tschechen ein. Das Motto des Sokol lautet bis heute: Paže tužme – vlasti služme ( „Die Arme stärken, der Heimat dienen“). Zudem stützte sich der Verein auf die Ideale der Französischen Revolution.

„Die Sokol-Bewegung gründete sich von Anfang auf den damaligen demokratischen Ideen. Seine Mitglieder duzten sich und redeten sich mit ´Bruder´ an, das war zu Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr außergewöhnlich. Zudem bestand ein großer Unterschied zu den deutschen Turnerbünden. Diese begannen bereits in den 1880er Jahren einen Arierparagraph einzuführen. Dieser Paragraph wurde 1901 sogar in die Hauptsatzung des Turnkreises Deutsch-Österreich aufgenommen“, so Michal Burian.

Die Gleichheit als Prinzip wurde auch im Äußeren bekundet: Alle trugen dieselbe Kleidung, wichtigstes Attribut war dabei das rote Garibaldi-Hemd, benannt nach einem italienischen Freiheitskämpfer. Das ließ ebenfalls die Klassenunterschiede verschwimmen. Tatsächlich kam ein großer Teil der Sokol-Mitglieder aus der Arbeiterschicht und stand im Rahmen des Vereins dann auf der gleichen Stufe wie die Unternehmer. Nicht ganz so gleich waren indes die Frauen: Zwar gründeten sie 1869 bereits eigene Abteilungen, doch zu den öffentlichen Turnübungen wurden sie erst 1901 zugelassen.

Gerade die öffentlichen Turnübungen waren eine wichtige Komponente des Sokol. Allerdings vergingen noch 20 Jahre von der Gründung bis zum ersten großen Turnertreffen. Es fand im Sommer 1882 in Prag statt und wurde von Tyrš selbst organisiert, Fügner war bereits gestorben. Aus dem Jahr 1938 ist im Tschechischen Rundfunk eine Aufnahme erhalten geblieben, auf der sich einer der Teilnehmer dieses ersten so genannten Slet erinnert. Filip Hauptman hieß der damals 89-jährige Zeitzeuge:

1882
„Der erste Slet fand auf der Schützeninsel statt, er war die erste große Zusammenkunft. Fast alle Treffen zuvor waren in einer Turnhalle ausgerichtet worden, außer einmal im Jahr 1867 auf der Rohan-Insel. Nun sollten alle Sokol-Mitglieder aus Böhmen und Mähren teilnehmen, und das verlangte auch nach einer längeren Vorbereitung, die Tyrš selbst leitete. Seine größte Sorge war, dass alles auch klappt. 1881 wurde die Zusammenkunft beschlossen und auch gleich mit den Vorbereitungen begonnen. Doktor Tyrš arbeitete die Übungen aus und führte sie dem Kollegium vor, das diese dann genehmigte. Etwas Ähnliches war bis dahin noch nicht versucht worden, dem musste damals Rechnung getragen werden.“

750 Sokol-Mitglieder führten damals öffentliche Turnübungen vor – es war die erste Massenturnveranstaltung in den Böhmischen Ländern.

1907
In den folgenden Jahren und Jahrzehnten erlebte die Sokol-Bewegung in der Tschechoslowakei sowie in einigen südslawischen Gegenden einen unglaublichen Boom. Tschechische Auswanderer brachten den Sokol zudem in die weite Welt wie zum Beispiel in die USA. Bis zum Ersten Weltkrieg wurden fünf weitere große Treffen abgehalten, mit immer größeren Teilnehmerzahlen. 1907 waren es bereits über 10.000 Frauen und Männer aus der ganzen Welt, die auf dem Prager Letná-Hügel turnten. Der große Boom kam aber in der Zwischenkriegszeit, damals stieg die Mitgliederzahl in der Tschechoslowakei auf 700.000 an. Sogar die Staatspräsidenten Masaryk und Beneš trugen das Abzeichen des Verbandes.

Der Všesokolský slet, das gesamtstaatliche Turnertreffen von 1938, gilt als der Höhepunkt in der Geschichte des Sokol. Rund 350.000 Anhänger fanden sich damals nicht nur zum Sport im Prager Strahov-Stadion ein, sondern auch für eine politische Botschaft. Gemeinsam bestätigen sie den Willen, ihr Land gegen die Aggression Hitler-Deutschlands zu verteidigen.

Politik war im Übrigen fast von Anfang an ein wichtiges Element des Sokol, vor allem seine antideutsche und antihabsburgische Haltung. Laut dem österreichischen Historiker Thomas Handschuh trat diese Haltung bereits ab dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich von 1867 hervor. Damals war den Tschechen die Gleichberechtigung verweigert worden. Zugleich wurde der Turnerbund ab dem Ersten Weltkrieg zu einem bedeutenden Machtfaktor: Auch viele Sokol-Mitglieder waren in die Armee eingezogen worden. Sie desertierten jedoch früh und gründeten die Legionen, die in der Folge gegen Österreich und für einen eigenständigen tschechischen oder tschechoslowakischen Staat kämpften. Militärhistoriker Michal Burian fasst die Zeit des Weltkriegs zusammen:

Die Kompanie Nazdar
„In der Zeit von 1914 bis 1919 wurden die Sokol-Mitglieder sogar zu treibenden Kräften der tschechischen Geschichte. 1914 gründeten Pariser Sokoln die Kompanie ´Nazdar´, die erste Legionärseinheit im Westen. Auch in Russland entstand die Legion unter großem Zutun der Sokoln, die damals dort lebten. Ohne die tschechoslowakischen Legionen wäre unser Staat wahrscheinlich niemals entstanden. Die Gründung der Legionen ist damit die erste grundlegende Einmischung der Sokol-Mitglieder in unsere Geschichte. Ein weiteres Kapitel ist die Staatsgründung am 28. Oktober 1918. Die Legionen waren noch an den Fronten, hierzulande befanden sich österreichische und ungarische Einheiten sowie Soldaten auf Urlaub. Der Staat hatte aber keine eigene Armee. Als erstes entstand daher die Nationalgarde, zusammengesetzt eben aus Sokoln, die behördliche Funktionen übernahmen und die Grenzgebiete des Staates besetzten. Sie erfüllten die Rolle von Armee und Polizei in einem. Ohne den Sokol hätte das absolute Chaos gedroht.“

Diese neue, militärische Seite des Sokol bleibt während der Zwischenkriegszeit bestehen. Von ihr lässt sich ein Bogen schlagen bis in den Zweiten Weltkrieg. 1941 wird der Sokol von den deutschen Machthabern im Protektorat Böhmen und Mähren verboten, die Sokoln gehen in den Untergrund. Historiker Jan B. Uhlíř:

„Automatisch haben sich die Sokoln, die ja in überwiegend vaterländisch eingestellt waren, gegen die Okkupation der Böhmischen Länder vom 15. März 1939 gestellt. Ein Teil der Sokol-Mitglieder ging danach in den Widerstand, der andere war weiter im nun ausschließlich tschechischen Sokol organisiert. Die Tätigkeit des Vereins wurde im April 1941 dann stark eingeschränkt. Der härteste Schlag kam aber nach dem Amtsantritt des neuen deutschen Chefs im Protektorat, Reinhard Heydrich. Im Oktober 1941 ließ er nicht nur den Sokol verbieten, sondern die wichtigsten Köpfe der Organisation sogar physisch liquidieren. 1200 Menschen wurden im Rahmen der ´Aktion Sokol´ in Konzentrationslager verschleppt, vor allem nach Auschwitz. Es ist unglaublich, dass 88 Prozent von ihnen dies nicht überlebt haben, obwohl sie physisch und psychisch ziemlich robust gewesen waren.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es noch einmal zu einem Boom der Sokol-Bewegung, die Mitgliederzahl erreichte sogar 1,2 Millionen. Doch das kommunistische Regime setzte dem schon kurz nach seiner Machtergreifung im Jahr 1948 ein jähes Ende. Erneut wurden die Sokol-Mitglieder verfolgt. Davon erholt sich heutzutage der Sokol nur langsam: Immerhin haben die Verbände in Tschechien mittlerweile wieder insgesamt 190.000 Mitglieder.

Autor: Till Janzer
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