Konsumrausch oder Heilige Nacht?

Flora Palace, photo: CzechToursim
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Glühweinstände, Lichterketten und Kinderchöre locken die Menschen seit Anfang Dezember wieder auf die Weihnachtsmärkte auf der Suche nach dem ultimativen Geschenk. Angesichts des trüben Wetters in Prag sind die Stände zwar eher verwaist, über die gesteigerte Kauflust der Tschechen sollte das allerdings nicht hinwegtäuschen. Die Vorweihnachtszeit als Konsumwahn - dieser Trend fängt in Tschechien erst so richtig an. Ein Beitrag von Renate Zöller.

Menschenmassen wälzen sich durch die Geschäfte, an der Kasse bilden sich meterlange Schlangen, mit hochroten Gesichtern schwitzen die Kunden im Winterpelz - die Vorweihnachtszeit ist ein Alptraum für Kaufmuffel. So ein Shoppen im Gedrängel soll vergnüglich sein? Für die meisten Tschechen offenbar schon, wie eine Untersuchung des Marktforschungsinstituts IMAS International zeigt. 49 Prozent der Tschechen mögen das Getümmel, nur 35 Prozent empfinden es als Belastung. Krystina Cetkovska etwa gehört zu den Leuten, die den Bummel durchaus als Inspirationsquelle schätzen:

"Meistens hab ich schon irgendeine Idee, was ich schenken könnte. Aber für meine Oma beispielsweise habe ich noch nichts, da gehe ich dann einfach in den Geschäften bummeln, schau mir was Schönes an, lasse mich inspirieren und vielleicht kauf ich dann auch gleich irgendwas."

Das kann sich Blanka Spicakova dagegen überhaupt nicht vorstellen:

"Weil ich eine Menge Arbeit habe und ziemlich gestresst bin, habe ich keine Zeit, nach Geschenken zu jagen. Ich kaufe meistens alles auf den letzten Drücker. Ich hab in diesem Jahr etwa zwei Tage Zeit und versuche dann Dinge zu finden, die den Leuten gefallen könnten. Das ist immer recht anstrengend. Ich suche für immerhin zwölf Leute Geschenke, für meine Familie, die meines Mannes und für Freunde. Für die Freunde nehmen wir Musik auf oder schenken ihnen sonstige Kleinigkeiten. Für meine Eltern investiere ich da schon mehr, etwa 5000 Kronen. Mit meinem Mann beschenken wir uns das Jahr über. An Weihnachten gibt es dann nur noch Kleinigkeiten, ein Parfüm oder so etwas. Das ist egal, das nehmen wir nicht so wichtig."

Dabei gehört Blanka eigentlich eher zu der Bevölkerungsgruppe, bei der die Shoppingfreunde überwiegen: Die IMAS-Studie zeigt, dass 61 Prozent der tschechischen Frauen gerne in der Vorweihnachtszeit einkaufen, dagegen nur 34 Prozent der Männer daran Spaß finden. Die gehen die Geschenkekauferei europaweit tendenziell eher pragmatisch an, wie auch der Spanier Mauricio Flores, der seit vielen Jahren in Tschechien lebt:

"Ich werde etwa 7000 bis 8000 Kronen für fünf bis sechs Leute ausgeben. Ich weiß schon was ich schenken will. Ich habe die Leute vorher gefragt, was sie sich wünschen, das ist am einfachsten so. Ich gehe nur kurz in die Geschäfte, manches kaufe ich auch übers Internet. Das meiste schenke ich meinem Sohn, Lego-Spielzeug, was recht teuer ist, eine Uhr, eine Jacke und noch Kleinigkeiten. Für die anderen kaufe ich vor allem technische Sachen und Musik, vielleicht auch ein paar Bücher."

Was die geplanten Kosten angeht, liegt Mauricio damit über dem tschechischen Durchschnitt, wie Vladimir Pikora, Wirtschaftsökonom des Finanzberaters Next Finance erklärt:

"Es gibt Untersuchungen zum Konsum um die Weihnachtszeit herum und die besagen, dass in Tschechien jeder Erwachsene durchschnittlich etwa 4500 bis 5500 Kronen für Weihnachtsgeschenke ausgibt. Aber ich glaube, dass man das nicht verallgemeinern kann, denn in dieser Statistik sind Arbeitnehmer ebenso enthalten wie Arbeitslose und Städter ebenso wie Dorfbewohner. Wenn man einmal nur Prag untersuchen würde, würde bei solch einer Untersuchung meiner Meinung nach durchaus ein Durchschnitt von 10000 Kronen herauskommen."

Das ist deutlich mehr als in den vergangenen Jahren. Und der Trend ist steigend. Pikora sagt:

"Es ist zweifelsohne zu beobachten, dass die Tschechen heutzutage mehr Geld ausgeben. Und das gilt nicht nur für Weihnachtsgeschenke, das beobachten wir auch das Jahr über. Die Tschechen sind einfach reicher als früher. Ihr Wohlstand wächst und wächst während die Preise langsamer nachziehen. Außerdem steigt in der Bevölkerung der Anteil an Menschen, die Arbeit haben. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Arbeitslosen deutlich gesunken. Und diese Leute können natürlich mehr Geld ausgeben als vor einem Jahr."

Zu den üblichen Paketchen unterm Weihnachtsbaum kommen daher immer größere und wertvollere Geschenke dazu, die oft sogar die finanziellen Möglichkeiten übersteigen. Banken haben da längst Profit gerochen und locken mit einem verführerischen Angebot, das Unmögliche doch noch möglich zu machen. Pikora erklärt:

"Dann gibt es auch noch ein recht neues Phänomen in Tschechien: Eine ganze Reihe von Leuten nehmen heutzutage für Geschenke einen Kredit auf. Diese Kleinkredite für den alltäglichen Gebrauch sind bei uns recht neu auf dem Markt. Erst seit ein paar Jahren konzentrieren sich die Banken und Kreditinstitute auch auf diesen Teil des Retail-Banking. Daher nehmen immer mehr Leute - zu durchaus soliden Bedingungen - Darlehen auf und immer mehr Haushalte sind verschuldet. Längerfristig könnte sich daraus eine Schuldenspirale entwickeln, bei der nachher mit einem Darlehen ein anderes getilgt wird. Im Moment allerdings ist das zum Glück noch kein Problem."

Für Krystina sind solche Angebote kein Thema. Sie will insgesamt etwa 3000 bis 4000 Kronen ausgeben. Darunter sind dann Geschenke für ihre Eltern und ihren Bruder, die Großmutter, den Onkel, eine Cousine und für ein paar Freundinnen. Das wertvollste Geschenk bekommt die engste Familie. Für die anderen kauft sie nur irgendwelche Kleinigkeiten. Für sie zählt die gute Idee, nicht die Größe des Geschenks:

"In diesem Jahr werde ich vor allem jede Menge Alkohol kaufen. Und das aus ganz unterschiedlichen Ländern. Ich hatte die Idee, meiner Familie einen großen Korb zu schenken, darin sollen alle möglichen Spezialitäten zum Essen und Trinken von überall auf der Welt sein, aus Litauen, Estland, der Slowakei, aus Bulgarien, Schweden, Spanien soll dabei sein und Kanada. In unserer Familie geht es Weihnachten nicht darum, teure Geschenke zu machen. Eher ist es eine Möglichkeit jemandem etwas zu schenken, was er noch nie probiert hat und sich vermutlich nie kaufen würde. Irgendetwas Ungewöhnliches. Für mich persönlich ist dabei noch wichtig, dass ich keine dauerhaften Geschenke mag. Ich mag es, wenn der andere es gleich benutzen oder essen kann und es für eine Weile einfach schön damit hat."

Damit dürfte sie allerdings eher einer Ausnahme sein. Insgesamt wird eher verschenkt, was neu auf dem Markt ist und sozusagen gerade in Mode ist. Übliche Favouriten in jedem Jahr sind Spiele für Kinder, egal ob Figuren und Puppen oder Gesellschaftsspiele. Gerade Spiele unterliegen enorm einem Modetrend, wie Pikora erklärt. Was in einem Jahr der letzte Schrei ist, ist oft im nächsten schon ein alter Hut - und dann muss Neues her. Der Absatz an Spielen dürfte allerdings in diesem Jahr noch getoppt werden, erklärt Pikora:

"Der Hit sind vor allem technische Geräte. Die sind im Moment besonders erschwinglich, weil die Krone recht stark im Vergleich zum Dollar ist und Technik zum Beispiel aus Asien daher viel billiger als früher auf den Markt strömt. Viele Leute werden also Digitalkameras und andere Neuheiten dieser Art geschenkt bekommen."

Da könnte allerdings Mauricios Vorsichtsmaßnahme angebracht sein, wenn es um größere Investitionen geht: Einfach einmal fragen, ob denn das Geschenk überhaupt gewollt ist. Technik nämlich käme beispielsweise für Blanka wiederum niemals als Geschenk in Betracht:

"Ich kann mir das vorstellen, dass für die meisten Leute die neuesten Techniksachen interessant sind. Aber in meiner Familie ist das anders. Als Graphiker müssen mein Mann und ich sowieso immer auf dem neuesten Stand der Technik sein und kaufen uns diese Dinge das Jahr über. Für mich sind die allerbesten Geschenke Bücher. Oder ich finde schön, Musik zu verschenken. Irgendetwas für einen ruhigen Moment, etwas angenehmes, mit dem der Beschenkte sich abends hinsetzt und zuhört oder liest."

Da klingen ja sowohl Blanka als auch Krystina mit ihren Wünschen nach einer beschaulichen Weihnacht ganz anders als die Statistiken des IMAS vermuten lassen. Statt Konsum also doch ein wirklicher Heiliger Abend? Für Blanka, die aus dem traditionell religöseren Mähren stammt schon, wie sie sagt:

"Naja, ich glaube es ist am wichtigsten, dass wir uns lieben. Und dass wir diese Tage zusammen verbringen. Da geht es uns nicht ums Geld und tolle Geschenke. Die haben eh keinen Einfluss auf unsere Beziehung. Wir betrachten das Fest also weniger als Konsumrausch sondern haben eher einen christlichen Bezug."

Für die meisten Tschechen, 58 Prozent, ist Weihnachten allerdings nur noch ein schöner Brauchtum, wie die Untersuchung von IMAS belegt. Nur 34 Prozent verstehen Weihnachten überhaupt als ein religiöses Fest. Und die Zahlen nehmen ab, je jünger die Befragten sind. Nur noch 30 Prozent der unter 30-Jährigen sehen den christlichen Hintergrund des Fests. Da feiert wohl eher Krystinas Familie eine klassische tschechische Weihnachten:

"Unsere Familie geht eigentlich an Heiligabend nirgendwohin. Ich selbst war mal in der Christmette, aber da bin ich alleine hingegangen. Mit meinen Eltern sitzen wir abends eher zuhause, spielen Karten, essen und trinken viel, schauen Märchen im Fernsehen an und hören Weihnachtslieder."