Kultursommer in Bratislava und in Prag

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Willkommen zur heutigen Ausgabe der Begegnungen - wie immer am letzten Donnerstag im Monat wurden auch diese Begegnungen in Zusammenarbeit mit unserer Partnerredaktion in Bratislava vorbereitet. In den folgenden Minuten erfahren Sie mehr über den diesjährigen Kultursommer in der slowakischen und der tschechischen Metropole. Das Wort hat zuerst Luba Tvarozkova von der deutschsprachigen Redaktion von Radio Slowakei International:

Ende Juni beginnen nicht nur die Schulferien, sondern auch die sog. Theaterferien. Auf einmal verwaisen die Theaterbühnen sowie die Zuschauerräume. Es scheint, der Stadt droht der kulturelle Verfall. Doch die Realität ist ganz anders. Für die kulturellen Bedürfnisse der Einwohner aber auch der Besucher von Bratislava sorgt das Städtische Kulturzentrum, indem es alljährlich den Kultursommer veranstaltet. Diesmal jährt er sich bereits zum 27. Mal. Am ersten Sommertag, den 21. Juni, wird er feierlich eröffnet und am letzten Sommertag, den 22. September, geht er zu Ende. Knapp einen Monat vor der Beendigung dieser internationalen Veranstaltung kann man Bilanz ziehen. Hier die Bewertung des Programmchefs Marcel Sustek vom Städtischen Kulturzentrum:

"Meine Eindrücke vom bisherigen Verlauf des internationalen Festivals sind wirklich sehr gut. Das kreative Team hat gute Arbeit geleistet, was die Reichhaltigkeit des Programms sowie die Dramaturgie betrifft. Die meisten der 150 Konzerte, Theatervorstellungen und künstlerisch-publizistischen Veranstaltungen waren total ausverkauft. Die Besucherzahl übertraf unsere Erwartungen. Und hätte es die unglückliche Hochwasser-Woche, wegen der wir vier Vorstellungen absagen mussten, nicht gegeben, wäre die Bilanz beinahe vollkommen. Der diesjährige Kultursommer schlug alle Rekorde, was die Anzahl der Interpreten von einzelnen teilnehmenden Ländern anbelangt. Es waren Künstler aus 25 Länder der ganzen Welt dabei. Es ist ein Beweis dafür, dass unser Festival einen ausgezeichneten Ruf auch im Ausland hat."

Visegrader-Vier-Gruppe spielt Mundharmonika - das war eines der Highlitghts des Bratislavaer Kultursommers. Marcel Sustek:

"Es war ein Jazz-Abend der prominenten Mundharmonikaspieler aus den Ländern der Visegrader-Vier-Gruppe. Dieses Konzert hatte eine wunderbare und entflammende Atmosphäre. Das Publikum, die Organisatoren, aber auch die Spieler selbst waren so begeistert, dass sie auf die Idee gekommen sind, ähnliches Konzert im nächsten Jahr in allen vier Ländern, also in der Slowakei, in Tschechien, Polen und Ungarn zu geben. Dadurch bekam die Veranstaltung einen symbolischen ja sogar politischen Ausmaß."

Der Kultursommer in Bratislava ist ein ökonomisch anspruchsvolles Projekt, das einige Millionen SKK kostet. Die Kosten wachsen ständig an. Und da die Ambition der Organisatoren ist, immer etwas Neues vorzustellen, werden an sie immer höhere Ansprüche gestellt, besonders im Bereich der Sponsorengewinnung. Dazu zählt natürlich auch die Zusammenarbeit mit den in der Slowakei etablierten ausländischen Kulturinstituten, denn:

"...nur auf diese Weise ist es möglich, das Festival so vorzubereiten, dass es zum würdevollen Repräsentanten der Hauptstadt der Slowakei wird," schließt Marcel Sustek, Programmchef des Bratislavaer Kultursommers.


Als ein Schlager nicht nur des Prager Kultursommers, sondern auch der Theatersaison kann zweifelsohne die Vorstellung König Lear bezeichnet werden, die im Rahmen der traditionellen Shakespeare-Festspiele auf der Prager Burg aufgeführt wurde - und eigentlich noch wird - da der König Lear jetzt - Ende August -Anfang September - noch einige Mal gespielt werden soll - wenn es die Witterungsbedingungen erlauben werden - denn gespielt wird unter freiem Himmel. Regie der absolut ausverkauften Vorstellung hat der slowakische Regisseur und Schauspieler Martin Huba geführt. Der Hauptdarsteller - der Jahre lang in den USA lebende tschechische Schauspieler Jan Triska stellt jedoch offensichtlich den stärksten Magnet der Inszenierung dar.

Einen Bericht über den Prager Kultursommer kann man sich ohne Erwähnung über die König Lear-Vorstellung nicht vorstellen. Sonst wurde das Prager Kulturleben von der verheerenden Flutkatastrophe stark beeinträchtigt, und es wird offensichtlich noch eine lange Zeit dauern, bis die überfluteten Bühnen, Galerien und Bibliotheken die Hochwasserfolgen wenigstens teilweise überwinden werden. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen in den letzten Tagen vor allem Benefizkonzerte, deren Erlös den Hochwasseropfern zugute kommt.

Konzentrieren wir uns nur auf die vom Hochwasser betroffenen Prager Bühnen: Abgesehen vom historischen Gebäude des Nationaltheaters wurden vier, bzw. fünf weitere bedeutende Prager Theater vom Hochwasser stark beschädigt. Diese Schäden wurden von Mitarbeitern des Prager Magistrats diese Woche vorläufig auf ca. eine halbe Milliarde Kronen geschätzt. Eine der am stärksten betroffenen Prager Bühnen ist das Theater "Divadlo pod Palmovkou" im Stadtteil Liben im achten Stadtbezirk. Das Theater kann die Saison nicht im September eröffnen und wird offensichtlich bis zum Januar 2003 auf seiner eigenen Bühne nicht spielen können. Einige Inszenierungen werden jedoch im neu errichteten Studioraum aufgeführt. Sonst hat das Ensemble vor, eine Tournee durch Tschechien zu unternehmen. Das Projekt, in dessen Rahmen ungefähr 50 Gastspiele in verschiedenen tschechischen Städten geplant sind, wurde als die sogenannte "Solidaritätsüberschwemmung" bezeichnet und wird unter der Schirmherrschaft der Stiftung "Vision 97" von Dagmar und Vaclav Havel verwirklicht. In den vom Hochwasser betroffenen Städten wollen die Künstler nur für den symbolischen Eintrittspreis einer Krone auftreten, und der Erlös wird den Hochwasseropfern in der jeweiligen Region zu Gute kommen. Die erste Vorstellung im Rahmen des Projektes wird am 17. September in der südböhmischen Stadt Cesky Krumlov/Krummau stattfinden, die zu den vom Hochwasser am stärksten betroffenen historischen Städten gehört.

Vollständig überflutet wurde auch das Theater "Archa" in der Strasse Na Porici. Optimistischen Prognosen zufolge wird die Renovierung des einzigartigen Theatersaals sechs Monate dauern. Das Theater "Archa" verfügt über kein ständiges Ensemble, in seinen Räumlichkeiten werden verschiedene alternative Kulturprojekte veranstaltet - wie z. B. das sog. "Marathonkonzert neuer Musik" oder das Festival "Alternativa". Diese Festivals müssen sich demnächst entscheiden, ob sie nach anderen Räumlichkeiten suchen oder das Festival verschieben werden.

Eine andere Prager Theaterbühne, die zwar vom Hochwasser fast vernichtet wurde, aber inzwischen Räumlichkeiten für ihre Tätigkeit fand, ist das Theater "Divadlo v Dlouhe". Kollegen von anderen Ensembles boten den Schauspielern eigene Theaterräume an. Alena Vecerova vom Theater "Divadlo v Dlouhe" bemerkte dazu:

"Wir werden demnächst Proben im Theater "Am Geländer" haben. Dort wird im November auch die Premiere des Stücks "Der Garderobier" in der Regie von Martin Huba aufgeführt. Dann werden wir auch im Theater "Divadlo v Celetne" spielen - dort werden wir zwei Theaterstücke aus unserem Repertoire aufführen. Und schließlich werden auch im Theater "Komedie" und im Theater "Auf den Weinbergen" spielen," sagte Alena Vecerova.

Vom Hochwasser betroffen waren neben den bereits genannten Bühnen auch das Musiktheater im Stadtteil Karlin sowie das Theater "Semafor" von Jiri Suchy, der Klub "Lavka", das Theater "Na Pradle" und alle Bühnen auf dem Prager Messegelände im Stadtteil Holesovice. Vernichtet wurde auch das berühmte Prager Puppentheater "Rise loutek". Sein Gebäude wurde vollständig überflutet, und den Mitarbeitern des Puppentheaters gelang es nur, einige der wertvollsten Marionetten von Vojtech Sucharda zu retten.

Der Begründer des Theaters Semafor, der Schauspieler, Sänger, Musiker und Dichter Jiri Suchy zeigte sich optimistisch, was die Zukunft seines Theaters anbelangt. Er hatte ursprünglich vor, im Oktober eine neue Vorstellung mit dem Titel "Das ist ein schöner Anfang" aufzuführen. Jetzt sucht er nach Räumlichkeiten, wo "Semafor" vorübergehend spielen könnte.

Autoren: Martina Schneibergová , Luba Tvarozkova
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