Lebensgeschichten tschechoslowakischer Frauen – Ausstellung „Tropfen auf Stein“ im Goethe-Institut
Viel zu oft wurden und werden Frauen in der Geschichte übersehen. Die Ausstellung ,,Tropfen auf Stein“ im Prager Goethe-Institut basiert auf dem Buch „Kapky na kameni“ und widmet sich übersehenen Frauen aus Tschechien und der Slowakei. Jede dieser Frauen wurde von einer anderen Illustratorin und damit in einem jeweils anderen Stil verewigt.
Věra Čáslavská, Moby Urbanová und Zuzana Růžičková – sie und noch weitere sind bemerkenswerte Frauen, die in ihrer Zeit Großes geleistet haben. Ihre und 47 weitere tschechoslowakische Lebensgeschichten wurden in dem Buch „Kapky na kameni“ verewigt, auf Deutsch „Tropfen auf Stein“. Ihre Geschichten werden in Texten und Bildern erzählt. Dazu haben 26 Illustratorinnen, ebenfalls aus Tschechien und der Slowakei, die Persönlichkeiten in ihrem jeweiligen Stil porträtiert. Nun sind diese Illustrationen und vor allem die Geschichten der Heldinnen noch bis Ende des Jahres im Goethe-Institut in Prag ausgestellt. Klára Arpa ist die stellvertretende Direktorin der Programmabteilung des Goethe-Instituts und Programmleiterin der Ausstellung „Tropfen auf Stein“.
„Wir stellen zum Beispiel Anna Šabatová aus. Sie ist eine wirklich berühmte Bürgerrechtlerin. Dann haben wir die beste Kunstturnerin der Welt, Věra Časlavská, die wirklich jedes tschechische Kind kennt. Oder auch Marta Kubišová – sie war eigentlich eine Sängerin, die aber zu einem Symbol des Freiheitskampfes wurde. Des Weiteren haben wir die mutige Retterin Gizela Fleischmannová unter den großen Persönlichkeiten. Sie hat während des Zweiten Weltkriegs vielen Juden aus Bratislava das Leben gerettet. Leider ist sie selbst im Konzentrationslager in Auschwitz umgekommen.“, so die Programmleiterin.
Die Geschichte von Zuzana Růžičková ist für Klára Arpa die inspirierendste. Sie war eine berühmte Cembalistin, die mit neun Jahren begann, Klavierunterricht zu nehmen. Růžičková hat in ihrer Jugend die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Bergen-Belsen überlebt. Nach der Befreiung schrieb sie sich in einer Musikschule ein und spielte in den Jahren 1965 bis 1975 die erste Gesamtaufnahme von Johann Sebastian Bachs Werken für Tasteninstrumente ein. Eine Leistung, die niemand vor ihr erbracht hat. 2017 starb Růžičková dann mit 90 Jahren.
Nun ist ihre Geschichte in der Ausstellung „Tropfen auf Stein“ zu lesen und zu sehen. Durch einen Zufall bot sich die Schauspielerin Johanna Krumstroh an, zusammen mit einem Cembalisten das Schicksal von Zuzana Růžičková für die Ausstellung zu vertonen. Klára Arpa hatte die Idee, eine der besten Cembalistinnen Tschechiens anzufragen, Monika Knoblochová. Dabei habe Klára Arpa noch ein interessantes Detail erfahren, sagt sie:
„Ich habe erfahren, dass Monika Knoblochová die Schülerin von Zuzana Růžičková war. Das war ein Höhepunkt für mich. Da schließt sich der Kreis, und es fügt sich einfach wahnsinnig gut. Das war für mich sehr rührend.“
Kleine Geste – große Wirkung
Eine weitere Heldin der Ausstellung ist die Turnerin Věra Čáslavská. Bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-Stadt gewann sie vier Goldmedaillen und zwei Silbermedaillen. Den ersten Platz im Bodenturnen teilte sich Čáslavská mit der sowjetischen Siegerin. Während der sowjetischen Hymne senkte die Tschechin ihren Kopf als stummen Protest gegen die damalige sowjetische Besetzung der Tschechoslowakei. Das Bild dieser Geste ging in die Geschichte ein und es ist auch in der Ausstellung zu sehen. Lucia Žatkuliaková hat unter anderem Věra Čáslavská für das Buch illustriert.
„Ich bin sehr dankbar, dass ich Teil dieses Buches sein darf. Ich halte es für sehr wichtig, den Geschichten dieser starken Frauen eine Bühne zu geben. Meiner Meinung nach sollten ihre Lebensgeschichten auch in den Lehrplan für Schulen aufgenommen werden.“, so Žatkuliaková.
Weiter schildert die Illustratorin, wie sie zu ihrer Heldin gekommen ist:
„Ich durfte unter den 50 Frauen aus dem Buch auswählen. Ich habe mich schnell für Věra Čáslavská entschieden, denn ich kannte ihre Geschichte bereits. Ihre Geste war aussagekräftig und mutig. Daraufhin wurde ihre Karriere für beendet erklärt. Dennoch war es ein wichtiges Statement.“
Mehr als nur eine Ausstellung
Von der Städtischen Galerie Litomyšl (Městská galerie Litomyšl) geplant, wurde die Ausstellung „Tropfen auf Stein“ bereits 2024 zunächst vor Ort im Haus Zu den Rittern (Dům U Rytířů) aufgebaut und anschließend auch in der Galerie Gotisches Zwillingshaus in Litoměřice (Galerie Gotické dvojče Litoměřice). Nun wird sie im Goethe-Institut gezeigt. Wegen der Räumlichkeiten werden allerdings nur 25 Damen der Ausstellung porträtiert. Dafür wird sie aber von einem Rahmenprogramm für Schulen und die Öffentlichkeit begleitet. Programmleiterin Klára Arpa fasst die Aktionen zusammen:
„Wir haben Animationsworkshops für Schulen, die werden mit den Illustrationen arbeiten und kurze Stop-Motion-Animationsfilme machen. Wir bieten aber auch Programm für Ältere oder Erwachsene an. Da wird beispielsweise ein Kreativworkshop mit Andrea Tachezy und Markéta Pilátová im Dezember stattfinden. Wir haben außerdem eine Präsentation des Comics ‚Sophie Scholl‘.“
Was begeistert die Programmleiterin am meisten an dieser Ausstellung?
„Ich fand die Idee einfach so großartig, als die Kuratorinnen aus Litomyšl zu uns kamen. Mich hat das sehr berührt. Ich glaube, in dieser Gesellschaft ist es sehr wichtig, dass man diese Frauen wertschätzt und anerkennt. Zum Beispiel Moby Urbanová – sie war eine gehörlose Tänzerin und Gründerin einer Ballettschule für gehörlose Kinder. Sie und alle anderen waren so mutige Frauen. Ich fühle mich sehr inspiriert.“, so Klára Arpa.
Auch Anaïs Boelicke, die Leiterin des Goethe-Instituts, sagt, dass sie sich über die Ausstellung freue:
„Für uns als Goethe-Institut ist es etwas ganz Besonderes, diese ganzen Frauengeschichten auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen zum Leben zu erwecken. Das ist unser Herbst-Highlight.“
Auf die Frage, welche Frau in der Ausstellung sie am meisten bewege, könne sie keine eindeutige Antwort geben, gesteht die Institutsleiterin:
„Alle Geschichten haben mich unglaublich berührt und vor allem auch in dieser Zusammenstellung. Weil man sieht, wie vielfältig die Lebensgeschichten von Frauen sind, die oft gar nicht erzählt werden und die man gar nicht kennt. Für mich ist das Besondere, dass wir die ganzen Heldinnen und ihre Geschichten kennenlernen können. Deshalb möchte ich mich gar nicht auf eine spezielle Persönlichkeit festlegen. Es ist einfach beeindruckend, wie viele Frauen so unglaubliche Lebensleistungen und Lebensgeschichten haben. Das ist es wert, gezeigt und erzählt zu werden.“
Und die Besucher sollen den Worten von Boelicke nach, auch etwas von der Ausstellung mitnehmen.
„Ich wünsche mir, dass sich die Leute inspiriert fühlen – Frauen wie Männer. Dass es für alle Menschen einfach tolle Geschichten sind, die Mut geben, die einen inspirieren und anregen, selbst in den verschiedensten Bereichen aktiv zu werden.“, so die Institutsleiterin.
Die Ausstellung ist auch eine Erinnerung daran, dass man mit Willensstärke und Durchhaltevermögen Großes leisten kann.
Die Ausstellung „Tropfen auf Stein“ im Goethe-Institut in Prag ist noch bis zum 31. Dezember zu sehen. Der Eintritt ist kostenlos.














