Lebensstandard in Tschechien hat sich vom EU-Durchschnitt zuletzt entfernt

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Der Lebensstandard der Einwohner in der Tschechischen Republik hat sich in den Jahren seit Beginn der Krise wieder etwas weiter vom EU-Durchschnitt entfernt. Zuvor hatte er sich angenähert. Ein Grund für den negativen Trend sind die anderthalb Jahre Rezession, die hierzulande gerade erst zu Ende gegangen sind. Im vergangenen Jahr verzeichnete die tschechische Wirtschaft das achtschlechteste Ergebnis unter den 27 EU-Ländern.

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Tschechien im Jahr 2005: Die Wirtschaft wächst, die Industrie läuft auf vollen Touren, ausländische Investoren kommen ins Land, und die Tschechen holen beim Lebensstandard im Vergleich zum EU-Durchschnitt weiter auf. Heute, acht Jahre später, aber hat sich die Lage schon wieder etwas gewandelt. Drahomíra Dubská ist Analystin beim Tschechischen Statistikamt (ČSÚ):

„Die Tschechische Republik hat sich in den zurückliegenden drei Jahren wieder etwas vom Durchschnittsniveau der Ökonomien in den entwickelten Staaten der Europäischen Union entfernt.“

Der hauptsächliche Grund dafür ist die Rezession, die in Tschechien länger gedauert hat als in anderen EU-Ländern. Im vergangenen Jahr ist die tschechische Wirtschaftskraft zudem erstmals im Vergleich zum EU-Durchschnitt gesunken. Das wird letztlich auch am Lebensniveau deutlich: Seit 2009 fällt oder stagniert es, im Jahr 2012 lag es bei 79 Prozent des EU-Durchschnitts. Gegenüber dem Schnitt, den die alten 15 EU-Staaten aufweisen, kam Tschechien sogar nur auf einen Wert von 72,5 Prozent, informierte Drahomíra Dubská jüngst bei einer Pressekonferenz in Prag.

Judita Urbánková (Foto: Archiv AHOLD Czech Republic)
Eine Kennzahl des Lebensstandards ist die Kaufkraft der Bürger. Auch er ist gesunken, wie folgendes Beispiel belegt: Gaben die Tschechen bei einem Einkauf im Supermarkt vor vier Jahren noch durchschnittlich 719 Kronen (ca. 28 Euro) aus, so sind es heute lediglich noch rund 600 Kronen (ca. 23 Euro). Und die Tschechen drehen noch häufiger jede einzelne Krone um, bevor sie diese ausgeben. Judita Urbánková ist Sprecherin einer großen Handelskette:

„Die Kunden warten auf die verschiedensten Verkaufsaktionen und Preisnachlässe in den Geschäften.“

Auch beim Autokauf haben sich die tschechischen Verbraucher umgestellt: Anstatt eines Neuwagens schafften sie sich in den zurückliegenden Jahren vermehrt einen Gebrauchtwagen an. Deutlich weniger gefragt als früher sind Kosmetikartikel und Haushaltswaren. Im europäischen Vergleich beträgt der Konsum der tschechischen Verbraucher bereits nur noch ein Viertel des EU-Durchschnitts. In der Rangliste des Konsums von 31 Ländern Europas liegt Tschechien damit nur auf Platz 20, unter den 27 Staaten der Europäischen Union auf Rang 17.

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Hauptgrund der gesunkenen Kaufkraft der Tschechen ist das stagnierende Einkommen der hiesigen Haushalte bei wachsender Inflation. Zurzeit steigen Mieten und Preise hierzulande weitaus öfter und stärker als die Löhne der Beschäftigten. Zu Jahresbeginn ist der Durchschnittslohn in Tschechien dabei sogar erstmals zum vorherigen Vergleichszeitraum gefallen. Chancen auf eine Lohnerhöhung haben nur Arbeitnehmer in Firmen, die einen speziellen Bonus gewähren. Aber das sind eher Einzelfälle und nicht die Regel, erklärt der Analyst der Raiffeisenbank in Tschechien, Michal Brožka:

„Eine ganze Reihe von Firmen ist nach wie vor gezwungen, die Betriebskosten weiter zu senken.“

Nicht wenige Unternehmer müssen dabei die Zähne zusammenbeißen, um Entlassungen in größerem Umfang zu vermeiden – in der Hoffnung, dass die Konjunktur sich bald wieder belebt. Dieses Verhalten trug aber dazu bei, dass die Arbeitslosigkeit in Tschechien weit geringer ist als anderswo in Europa, gegenüber dem EU-Durchschnitt liegt sie zirka ein Drittel darunter. Alle Prognosen der Analysten, Statistiker und Wirtschaftsexperten aber verheißen weniger Gutes: Ihnen zufolge wird die Arbeitslosigkeit auch dann noch zunehmen, wenn die Wirtschaft wieder anzieht. Viele Unternehmen werden nämlich sehr vorsichtig zu Werke gehen, was die Einstellung neuer Arbeitskräfte betrifft, glauben die Experten.

Prag
Ein anderes und sehr speziell auch tschechisches Phänomen hat sich ebenso unter dem Einfluss der geschwundenen Wirtschaftskraft verändert: das Lebensniveau in der Hauptstadt Prag im Vergleich zu anderen Städten. 2009 lag Prag bei der Kaufkraft seiner Bewohner noch auf einem beachtlichen fünften Platz in Europa. Heute, kaum vier Jahre später, ist Prag auf den achten Platz zurückgefallen und wurde dabei noch von Bratislava überholt – der Metropole des „kleineren“ Nachbarn Slowakei. Drahomíra Dubská kennt die Gründe:

„In Prag sind die meisten staatlichen Institutionen und auch die Ministerien angesiedelt. Im öffentlichen Sektor wurde aber zuletzt stark gekürzt, vor allem was die Zahl der Beschäftigten betrifft.“

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Mit anderen Worten: Der harte Sparkurs der ehemaligen Nečas-Regierung hat derart auf Staatsbedienstete und den öffentlichen Dienst durchgeschlagen, dass gerade in diesem Sektor die Zahl der Besserverdiener drastisch zurückging. Das hatte zur Folge, dass sich der Lebensstandard in Prag und in den anderen Großstädten Tschechiens angenähert hat. Das zeigt sich auch bei den Altersbezügen: In Tschechien ist die Nettorente im Zeitraum von 2002 bis 2011 im Schnitt um fast 43 Prozent gestiegen. Im Mährisch-Schlesischen Kreis lag dieser Zuwachs im selben Zeitraum um knapp vier Prozent höher, im Mittelböhmischen Kreis immerhin um zwei Prozent.

Drahomíra Dubská (Foto: Archiv VŠE)
Die Erhebung des Tschechischen Statistikamts zum Lebensstandard der Tschechen hat schließlich aber auch eine auffallend positive Komponente zu Tage gefördert: In der Europäischen Union ist die Tschechische Republik das Land mit dem geringsten Risiko für eine Verarmung und die soziale Ausgrenzung, erklärte Statistikexpertin Dubská. Von diesem Risiko waren vor zwei Jahren in Tschechien 15,3 Prozent der Bürger bedroht, im Jahr 2005 waren es noch 19,6 Prozent. Selbst im Mährisch-Schlesischen Kreis, in dem eine überdurchschnittliche hohe Arbeitslosigkeit herrscht, waren es im Jahr 2011 nur insgesamt 22 Prozent, die ein Abrutschen in die Verarmung befürchten mussten. Zum Vergleich: In Irland sind es 29,4 Prozent, in Italien 28,2 Prozent und in Bulgarien fast die Hälfte aller Bürger, die abzurutschen drohen. Der tschechische Professor an der Columbia-Universität in New York und Ökonom beim Prager Institut für Demokratie und ökonomische Analysen CERGE-EI, Jan Švejnar, warnt jedoch davor, diese Vergleiche überzubewerten:

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„Es ist richtig, dass Tschechien in punkto Armut statistisch gut dasteht, doch man muss auch etwas hinter die nackten Zahlen sehen. Und man sollte schon gar nicht Länder wie Irland, die große Probleme mit der Krise haben, zum Vergleich heranziehen. In Tschechien bewegen sich nämlich viele Leute nur sehr knapp über der Armutsgrenze. Wenn sich die Rezession im Land weiter fortsetzen sollte, dann werden einige dieser Menschen unter die Armutsgrenze fallen und weitere werden sich dieser Grenze annähern.“

Der Chef des Meinungsforschungsinstituts CVVM, Martin Buchtík, vertritt eine ähnliche Meinung:

Martin Buchtík (Foto: ČT24)
„Ich denke, es ist ein weites Feld zwischen der Tatsache, dass man als arm gilt, und dem plötzlich einsetzenden Problem, dass das Einkommen zurückgeht oder gar ausfällt. Als arm gelten derzeit in Tschechien fünf bis zehn Prozent der Haushalte, unseren Umfragen zu Folge aber hat bereits mehr als die Hälfte aller Haushalte zugegeben, im zurückliegenden Jahr kein gesichertes Einkommen mehr gehabt zu haben. Daraus ergab sich, dass sie ihren Konsum deutlich einschränken und sparen mussten.“

Damit sich die Tschechinnen und Tschechen nicht noch stärker einschränken müssen, muss die Konjunktur im Land endlich anspringen. Die am Mittwoch vom Statistikamt dazu veröffentlichte Prognose nährt zumindest die Hoffnung, dass die tschechische Wirtschaft die Talsohle endlich durchschritten hat.