"Literatur unterm Hakenkreuz": Ein Sammelband bringt Licht ins Dunkel der literarischen Landschaft Böhmens und Mährens in den Jahren 1938-45

'Literatur unterm Hakenkreuz'
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"Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte": So lautet der letzte Vers eines Gedichtes des Publizisten und Schriftstellers Karl Kraus aus dem Jahre 1933, als die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht ergriffen. Für viele Autoren folgten nach dieser geschichtlichen Wendemarke lange Jahre der Schaffenskrise, andere emigrierten, wieder andere passten sich dem kulturellen Vorgabenkatalog des Regimes an. Über das Verhalten der Autoren in Deutschland vor und während des Zweiten Weltkrieges haben uns die Historiker und Germanisten hinlänglich aufgeklärt. Aber es gibt über diese Zeit auch noch ein "Schwarzes Loch" in der Literaturwissenschaft: Die deutschsprachige Literatur in den böhmischen Ländern. Einen ersten Blick auf dieses Gebiet aus jener Epoche gewährt nun der Anfang März im Prager Vitalis-Verlag erschienene Sammelband "Literatur unterm Hakenkreuz", der in Böhmen und Mähren die Jahre 1938-45 ins Visier nimmt. Herausgegeben haben das Buch Peter Becher, Geschäftsführer des Adalbert-Stifter-Vereins in München, und Ingeborg Fiala-Fürst vom Institut für Germanistik an der Universität Olmütz. Menno van Riesen hat sich in die für viele Autoren so schicksalsträchtige Zeit hineingelesen und sich mit den Herausgebern unterhalten.

Mit ihrem Sammelband "Literatur unterm Hakenkreuz" aus den Jahren 1938-45 in Böhmen und Mähren stoßen die Herausgeber zum ersten Mal die Tür auf zu einem Gebiet, dessen Weite und Komplexität die bisherige Forschung nur unzulänglich gesichtet hat. Peter Becher vom Adalbert-Stifter-Verein München erläutert, wie es zu der Veröffentlichung gekommen ist: "Wir haben von Seiten des Adalbert-Stifter-Vereins zurzeit einen längerfristigen Forschungsansatz, sich auf diesen weißen Fleck der Kulturgeschichte der NS-Jahre in Böhmen bezieht. Gemeint ist damit einmal der Sudetengau, der ab Herbst 1938 Bestand hatte, und das nachfolgende Protektorat Böhmen-Mähren. Wir behandeln dieses Thema anhand von verschiedenen Schwerpunkten. So haben wir Colloquien zur Literatur- und Musikgeschichte durchgeführt, in diesem Jahr zur Filmgeschichte, und so wird das weitergehen. Und speziell für diesen Band gab es zwei Colloquien, eines im Jahr 2000 in München und ein zweites in Olmütz ein Jahr später, dass wir zusammen mit den dortigen Germanisten Ludvik E. Vaclavek und Ingeborg Fiala-Fürst veranstaltet haben."

Die Mitherausgeberin des Sammelbandes von der Forschungsstelle für deutschmährische Literatur an der Universität Olmütz, Ingeborg Fiala-Fürst, weiß um die Vorreiterrolle der tschechischen Germanisten und Slavisten auf dem Gebiet der deutschsprachigen Literatur in Böhmen und Mähren aus jener Zeit. Haben doch die deutschen Germanisten gerade die "braunen" Jahre weitgehend ausgespart. Was natürlich auch die Auswahl der Autoren des Sammelbandes widerspiegele, wie Ingeborg Fiala-Fürst betont:

"Das sieht man schon am Inhaltsverzeichnis, wenn man es aufschlägt: Es ergibt sich da eine spannende Konstellation, weil sich fünf Zentren heraus kristallisieren - Brünn, München, Olmütz, Prag und Graz. Von diesen Zentren, sei es die jeweilige Universität oder der Stifterverein, kamen die Forscher, die zu dieser Problematik Stellung genommen haben, wobei das Übergewicht tatsächlich bei der tschechischen Germanistik liegt. Aber das ist auch gar nicht überraschend, denn wenn sich die deutsche Germanistik - so ist meine Erfahrung seit zwanzig Jahren - mit der deutsch-böhmischen Literatur beschäftigt, dann meistens mit der Prager, mit Kafka und seinem Umfeld. Doch die Literatur um Prag herum, in den Provinzen, in den Regionen Mähren, Südböhmen und Nordböhmen, wird sehr wenig erforscht."

17.3.1939, Prag
Die Autoren des Buches widmen sich verschiedenen Themenbereichen wie etwa der kulturpolitischen Gleichschaltung, der Rolle des Schriftstellers als Parteifunktionär oder auch der verschiedenen Verhaltensmuster sudetendeutscher Autoren. Sie dokumentieren aus vielen Blickwinkeln heraus eine Epoche, über die sich besonders die deutschen Forscher nicht zuletzt deshalb gerne ausschweigen, weil es sehr schwierig ist, einheitliche systematische Zusammenhänge über die Kultur- und Literaturlandschaft Böhmens und Mährens aufzuzeigen. So warnt Ingeborg Fiala-Fürst auch vehement davor, die damaligen Autoren von vornherein in ein ideologisches Wissenschafts-Raster einordnen zu wollen:

"Ich finde das Buch `Literatur unterm Hakenkreuz` auch aus dem Grund sehr spannend, als dass hier wohl zum ersten Male über Autoren berichtet wird, die einerseits als Naziautoren gelten, als Mitläufer, oder gezwungen wurden, mit dem Regime zusammenzuarbeiten. Auf der anderen Seite beziehen wir aber auch die Opfer des Naziregimes mit ein, und auch Autoren, die im Widerstand waren und solche, die im Exil geschrieben haben. Das passiert ganz selten. Die Forschung arbeitet meistens so, dass sie geschlossene Kreise bearbeitet. Und zu diesem Zusammenleben dieser geschlossenen Kreise kommt es sehr selten, und das halte ich für ein großes Plus dieses Buches."

"Und Nadler ist nun ein sehr gutes Beispiel dafür, wie ein Germanist mit einem bestimmten Konzept, dass er umgesetzt hat, im Kontext der NS-Zeit plötzlich auch umkippen kann. Das, was zunächst noch interessant an Nadlers Ansatz war, nämlich, dass er noch im Kontext des österreichischen Vielvölkerstaates versucht hat zu zeigen, wie in einer Region verschiedene ethnische Gruppen ihre eigenen Literaturen aufgebaut haben und verfolgt haben, das ist dann in den NS-Jahren von ihm verengt worden, ganz im Sinne der NS-Ideologie, wie es auch mit dem Schlagwort `Blut- und Bodenliteratur` zum Ausdruck gebracht worden ist."

Bereits seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts war es in den böhmischen Ländern je und je zu einer stets ausgeprägteren nationalen Polarisierung gekommen. Auf beiden Seiten - der tschechischen wie der deutschen - gedieh gleicherweise die Gründung nationalistisch gesinnter Vereine und Gruppierungen. Im Jahre 1882 geriet es in Prag gar zur Zweiteilung der Universität in eine tschechische und eine deutsche Hochschule. Nach einer relativ liberalen Phase in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entflammten die nationalen Gegensätzlichkeiten in den 30er Jahren jedoch wieder umso heftiger. Und in diesen umfangreichen politischen, sozialen und gesellschaftlichen Kontext müsse man die Literatur einbetten und dürfe sie keinesfalls autark betrachten und beurteilen, wie Peter Becher und Ingeborg Fiala-Fürst wiederholt betonen. Und auch mit einem Mythos wollen die Herausgeber endlich aufräumen: dem Mythos von der messerscharfen Trennlinie zwischen der deutschsprachigen Literatur Prags und der sudetendeutschen Literatur. Auch wenn freilich die qualitativen Unterschiede etwa zwischen den Werken von Franz Werfel und den literarischen Ergüssen sudetendeutschen Autoren nicht zu übersehen seien. Peter Becher mahnt an: "Aber man sollte auch nicht vergessen, dass die Unterschiede oft innerhalb einer einzigen Biografie zu finden sind, d. h. es gab Personen, die auf der einen Seite harte Grenzlandromane und auf der anderen Seite sehr differenzierte Romane geschrieben haben. Und man sollte nicht vergessen, dass es sehr viele Sudetendeutsche gab, die von den Grenzgebieten aus nach Prag gegangen sind um dort zu studieren, und das, was sie dort gelernt haben, wieder zurück in ihre Heimat getragen haben. Die ganzen Wechselwirkungen, die es gab, bis hin zu den großen Prager Tageszeitungen wie dem Prager Tagblatt der deutschen Zeitung "Bohemia", die man natürlich nicht nur in Prag gelesen u abonniert hatte, sondern auch in Karlsbad, in Reichenberg, in Aussig und in Budweis, sollte man nicht vergessen."

Die letzten zwei der insgesamt fünfzehn Kapitel werfen auch ein Licht auf die tschechische Literatur Böhmens und Mährens in den Jahren 1938-45. Besonders am Beispiel der beiden Dichter Jaroslav Seifert und Frantisek Halas macht die Olmützer Bohemistin Alena Sterbova darauf aufmerksam, dass Literatur sehr wohl eine nicht zu unterschätzende Form des verdeckten Widerstandes annehmen kann, wie Ingeborg Fiala-Fürst erzählt: "Halas und Seifert schrieben Lyriksammlungen, die auch veröffentlicht worden sind. Sie enthalten verschlüsselte Botschaften. Ich glaube, die Tschechen haben tatsächlich in schweren Zeiten, ob es der Nationalsozialismus oder der Reale Sozialismus war, Methoden entwickelt, wie man durch das Medium der Sprache chiffriert Botschaften vermitteln und zu Rebellionen aufrufen kann. Sterbova zeigt, wie das die beiden großen Dichter gemacht haben, nämlich indem sie sich auf die große Tradition des 19. Jahrhunderts berufen haben."

Indes erhält der Leser keine Informationen über mögliche Verbindungen zwischen deutschen und tschechischen Schriftstellern, einfach deshalb, weil auch diese noch nahezu unaufgedeckt sind. Jene Wechselwirkungen wolle und müsse man künftig, so Peter Becher, in Zusammenarbeit mit tschechischen Germanisten und Slavisten stärker herausarbeiten. Eines Tages will Peter Becher diese Lücke schließen und sein Fernziel verwirklicht sehen: Ein "Handbuch der böhmischen Literatur", in dem umfassend die hiesige Literaturlandschaft mit all ihren Verästelungen und eben ihren Wechselwirkungen dargestellt wird. Aber zunächst einmal hofft er, dass der Band "Literatur unterm Hakenkreuz" irgendwann auch in tschechischer Sprache aufgelegt wird: "Das wird auch davon abhängen, wie die Resonanz des Buches ist. Wir freuen uns über jede Reaktion darauf, über jede Besprechung. Je mehr Reaktionen kommen, desto größer wird auch die Wahrscheinlichkeit, dass es bald eine tschechische Ausgabe geben wird."

Erschienen ist das Buch "Literatur unterm Hakenkreuz" im Prager Vitalis-Verlag und kostet 19,90 Euro.