MAHLER-FEIERLICHKEITEN IN IGLAU

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Der weltberühmte Komponist Gustav Mahler wurde im Juli 1860 in einem kleinen Dorf auf der Böhmisch-Mährischen Höhe geboren. Kurz darauf zogen seine Eltern - der jüdische Gewerbetreibende Bernard Mahler und seine Frau Marie - in die Stadt Jihlava/Iglau um, wo der junge Gustav bis zum 15. Lebensjahr aufwuchs. Die Stadt hat sich in der Vergangenheit an diesen ihren berühmten Bürger nur wenig erinnert. Erst vor einigen Jahren wurde dort ein Mahler-Museum errichtet und eine Straße erhielt Mahlers Namen. In einem völlig veränderten Licht zeigte sich das Verhältnis Iglaus zu Mahler am vergangenen Wochenende, an dem großzügige Feierlichkeiten veranstaltet wurden. Anlass dafür gab der 140. Geburtstag des Komponisten sowie das 130. Jubiläum seines ersten öffentlichen Auftritts vor dem Iglauer Publikum. Wie das Mahler-Wochenende in Iglau aussah, wollen wir nun auch Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, näher bringen. Am Mikrophon begrüßt Sie Markéta Maurová.

Alles begann mit einem feierlichen Abend im Iglauer Theater. Gerade dort erntete Gustav Mahler am 13. Oktober 1870 bei dem Vorspielen auf dem Klavier seinen ersten öffentlichen Erfolg. An dieses Ereignis erinnert ein Denkmal, das im Theater-Foyer enthüllt wurde. Sein Autor ist der Iglauer Architekt, Martin Lastovicka:

"Ich habe eine Sechsseiten-Pyramide entworfen. Der untere Teil ist aus Stein und symbolisiert die Wurzeln der Musik Mahelrs. D.h. die Tradition, aus der er hervorwuchs - seine Lehrer, die musikalische Öffentlichkeit von Iglau, seine Familie, das Milieu. Die Glaspyramide über diesem Steinsockel symbolisiert seine geniale Musik; und die Grenze dazwischen, das ist sein erstes Konzert, die Scheide zwischen der Tradition und seiner genialen Musik. Durch das Glas kann man die Inschrift mit dem Datum des ersten Konzerts lesen."

Die Bezeichnung "Konzert" ist wohl ein bisschen übertrieben. Wie die Veranstaltung damals ausgesehen hat, fragte ich den Musikwissenschaftler vom Iglauer Museum, Dr. Pavel Jirák:

"Heute benutzt man dafür den Termin "Schüler-Vorspielabend", der in Musikschulen häufig veranstaltet wird. Ich bin nicht in der Lage, zu sagen, wie das Programm aussah, wie hoch das Niveau war. Immerhin brachte die damalige Iglauer Zeitung mit dem Namen "Vermittler" einen Bericht darüber, dass der kleine Gustav hervorragend gespielt habe. Der Autor äußert seine Hoffnung, dass man für weitere Konzerte ein Klavier besorgt, das dem Niveau der Leistung Mahlers entsprechen wird."

Ein Programmheft dieses ersten Konzerts hat sich nicht erhalten. Das Iglauer Archiv versammelt aber eine Reihe von Dokumenten, die an die Familie Mahler und ihre Wirkung erinnern. Diese werden nun auf einer Ausstellung mit dem Namen "Am Anfang des Weges" gezeigt. Mehr dazu sagt uns die Direktorin des Staatlichen Kreisarchivs in Iglau, Renata Pisková: Der erste Abend der Feierlichkeiten gipfelte durch ein Konzert, auf dem der Solist des Nationaltheaters in Prag, Baritonist Ivan Kusnjer, Lieder von Leos Janacek, aber vor allem Gustav Mahlers sang. Nach dem Konzert fragte ich den Sänger nach seinem Verhältnis zu diesem Komponisten:

"Ich habe ihn seit jeher sehr geliebt, wegen seiner Poesie, wegen der Liebe, die man in seinen Liedern spürt. Und auch weil ich mich immer damit auseinandersetzen wollte, dass es sehr schwer ist, Mahler zu singen. Natürlich ist bei Mahler der Inhalt von großer Bedeutung. Und ich bemühe mich auch darum, alles, was in den Noten geschrieben ist, auszudrücken. Wenn Mahler piano auf einem hohem "Fis" vorschreibt und dafür einen Grund hat, dann bemühe ich mich, es so zu singen, wie er es wollte. Aber - die Gestaltung dieses Fis wird bei mir anders sein, als bei einem anderen Sänger."

Mahlers Werk aus allen möglichen Gesichtspunkten wurde am zweiten Tag erörtert. Am Samstag kamen nämlich Musikwissenschaftler zum Wort, die sich zu einer internationalen Konferenz in Iglau getroffen haben. Das Motiv der Mitternacht bei deutschen Romantikern und bei Mahler, das Posthornsolo in Mahlers Dritten Symphonie, Mahler als Inspirationsquelle für jüngere Komponisten waren einige der vorgetragenen Themen. Dr. Christian Wildhagen aus Hamburg widmete sich der Frage, wie Mahler die Musik aufgefasst und verstanden hat: Mit dem österreichischen Herausgeber des Mahler-Werkes Dr. Reinhold Kubik sprach ich über Schwierigkeiten, mit denen man sich bei der Edition dieses Werkes auseinandersetzen muss: Die wissenschaftliche Konferenz wurde am Samstag Abend abgeschlossen und das weitere Programm war wieder für ein breites Publikum bestimmt. Die Slowakische Philharmonie unter der Leitung von Ondrej Lenárd spielte in der ausverkauften St.-Ignatius-Kirche die Siebte Symphonie Mahlers - übrigens jene, die 1908 in Prag uraufgeführt worden war. Am Sonntag konnte man das Geburtshaus Gustav Mahlers im nahen Dorf Kalischt besuchen, aber auch eine ständige Ausstellung "Der junge Mahler und Iglau" im Iglauer Museum besichtigen. Im neuen Gewand zeigte sich nach langen Jahren der Verwüstung auch das Haus in Iglau, das die Familie Mahler 1871 gekauft hatte. Zukünftig wird es als ein Zentrum des Vereins "Gustav-Mahler-Haus" und als ein ehrenwürdiges Mahler-Denkmal dienen.