Malostranská beseda: Kleinseitner Rathaus im Wandel der Zeit

'Malostranská beseda'

Den Prager Kleinseitner Ring dominiert die prächtige Barockkirche St. Nikolaus. Historisch interessante Gebäude säumen jedoch den ganzen Platz. Die Nordostecke des Rings war seit einigen Jahren hinter Gerüst versteckt. Die lange dauernden Arbeiten an der Instandsetzung des historischen Hauses wurden diese Woche beendet. Am Samstag, dem 19. Dezember, wird das Gebäude für einen Tag für die Öffentlichkeit geöffnet. Bestimmt lassen sich viele Prager die Gelegenheit nicht entgehen, das „Malostranská beseda“, wie das Gebäude genannt wird, zu besichtigen.

Vor 40 Jahren hat dort das bis heute immer ausverkaufte „Jára-Cimrman-Theater“ seine ersten Vorstellungen gespielt. In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war der Saal der „Malostranská beseda“ ein beliebter Treffpunkt vor allem der Folk-Rock-Fans. „Malostranská beseda“ - diese altmodisch klingende Bezeichnung kann man frei als den „Kleinseitner Bürgerverein“ übersetzen. Gegründet wurde er 1868 in diesem Gebäude.

Einige der Liedermacher, die dort zur kommunistischen Zeit musizierten, waren dem Regime ein Dorn im Auge. So haben viele der Prager die „Malostranská beseda“ als einen der legendären Prager Musikklubs in Erinnerung. Nur wenige wissen jedoch, dass in dem Gebäude einst das Kleinseitner Rathaus seinen Sitz hatte. Nahezu ein Jahrzehnt war die Pforten wegen Renovierung geschlossen. Anlässlich der geplanten Wiedereröffnung des Hauses gab die Historikerin Kateřina Bečková mit einigen Mitarbeitern ein Buch über die „Malostranská beseda“ heraus:

„Die Geschichte dieses Gebäudes hat mich sehr gefesselt. Denn sie ist sehr dramatisch. Mit dem Kleinseitner Rathaus ist eine Reihe von Hypothesen verbunden. Es gibt immer noch viele Geheimnisse, die wahrscheinlich nie geklärt werden. Beispielsweise ist kein Beleg darüber erhalten, wer dieses manieristische Gebäude entworfen hat. Einige der Quellen weisen auf die italienische Gemeinde in Prag hin, die hier zu der Zeit gelebt hat. Wir wissen auch nicht, wann genau die Türme auf dem Haus erbaut wurden. Man vermutet, dass sie ursprünglich nicht zum Bauprojekt gehörten, sondern aus dem Frühbarock stammen. Sie wurden wahrscheinlich erst 30 – 40 Jahre später als das Haus selbst erbaut.“

In einigen Stadtführern wird doch ein Architektenname erwähnt: Der Italiener Jan Campione de Bossi. Der Historikerin zufolge wurde das Gebäude etappenweise erbaut. Ein Rathaus gab es auf der Kleinseite bereits Anfang des 15. Jahrhunderts. Während der hussitischen Kriege wurde das Rathaus geplündert. Die Historikerin:

„In den Jahren 1617-19 wurde dort ein neues Rathaus im Spätrenaissancestil erbaut. Kurz danach brach jedoch der Dreißigjährige Krieg aus. 50 Jahre lang herrschte nur Chaos in der Stadt. Kein Bürger konnte sicher sein, dass er sein Hab und Gut nicht verlieren wird. Der Bau wurde aus dem Grund abgebrochen. Mitte des 17. Jahrhunderts wurde das Haus im Frühbarockstil umgebaut. Auf dem Haus wurden damals drei Türme platziert. 1784 wurden die bis zu der Zeit selbständigen Prager Städte zusammengeschlossen. Das Gebäude hat nicht mehr als Rathaus gedient und wurde erneut umgebaut. Die Kuppeln hat man nicht mehr instand gehalten. In den Jahren 1826 - 1827 wurden sie beseitigt. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden weitere bauliche Veränderungen im Haus durchgeführt.“

Die Türme aus der Renaissancezeit wurden im 19. Jahrhundert beseitigt, jedoch nicht für immer. Sie passten zu dem Gebäude, auch wenn sie sich durch ihren Baustil vom Rest des Hauses ein wenig abhoben, meint die Historikerin:

„Als vor einigen Jahren entschieden wurde, die drei Türme wieder zu errichten, brach ein großer Streit zwischen den Denkmalschutzexperten aus. Sollten die Türme erneut erbaut werden oder nicht? Das Problem bestand auch darin, dass keiner mehr das Handwerk so beherrschte wie vor einigen Jahrhunderten. Es war schwierig, die Konstruktion für die Türme richtig herzustellen. Niemand konnte die Proportionen der Türme, der Kuppeln sowie der Laternen entsprechend entwerfen. Es war eine große erfinderische Arbeit, die der Bauexperte Vít Mlázovský geleistet hat. In dem neuen Buch über die Malostranská beseda beschrieb er seine Suche nach der entsprechenden Form dieser Kuppeln. Denn keine Entwürfe, keine Messungen und Notizen über die Originaltürme sind erhalten geblieben“.

Seit zwei Jahren nun gibt es sie wieder auf dem Gebäude, die drei Kuppeln. Die Historikerin hat das renovierte Haus von innen noch nicht in Augenschein genommen. Aber mit der Renovierung der Türme sei sie sehr zufrieden. Genauso wie mit dem Vorhaben des Stadtbezirks, das Haus in ein Kulturzentrum der Kleinseite zu verwandeln.

„Ich meine, dass das ein richtiger Schritt ist. Das ehemalige Rathaus wird künftig für Kulturveranstaltungen verschiedener Art genutzt. Zudem wird dort ein Restaurant eröffnet. Es soll ein Gebäude sein, in dem Menschen zusammentreffen können, wie es bereits im 19. Jahrhundert der Fall war.“

Am 19. Dezember, dem Tag der offenen Tür, wird Kardinal Miloslav Vlk eine Glocke für Malostranská beseda weihen. Konzerte sowie Theatervorstellungen stehen jedoch erst ab März nächsten Jahres auf dem Programm. Die Saison wird mit einer Vorstellung des Jára-Cimrman-Theaters eröffnet, die dort vor 40 Jahren Premiere hatte.

Wer der Architekt des ehemaligen Kleinseitner Rathauses war, ist auch weiterhin unsicher. Bekannt oder genauer gesagt international berühmt ist aber der Architekt, der die unweit von der Malostranská beseda stehende Kirche St. Nikolaus gebaut hat. Falls Sie wissen, wer der Architekt der Kleinseitner St. Nikolauskirche war, schreiben Sie uns. Ihre Zuschriften richten Sie bitte an Radio Prag, Vinohradská 12, PLZ 120 99 Prag 2. In vier Wochen werden wir einen Gewinner oder eine Gewinnerin auslosen und mit einem Buchpreis belohnen.

In der letzten Ausgabe des Spaziergangs im November fragten wir Sie danach, wann die Tschechoslowakische Föderation aufgelöst wurde und die Tschechische Republik entstand. Hier die Lösung: Die selbständige Tschechische Republik gibt es seit dem 1. Januar 1993. Ein Buch über Prag geht diesmal an Georg Pleschberger aus Villach in Österreich.