Manon und Sweeney Todd unter freiem Himmel: Prager Nationaltheater eröffnet die Saison

Am 1. September hat das Prager Nationaltheater auf der Moldauinsel Střelecký ostrov (Schützeninsel) feierlich die neue Saison eröffnet. Martina Schneibergová war dabei.

Foto: Dana Kešnerová,  Rathaus des ersten Prager Stadtbezirks

Auf der Prager Schützeninsel wimmelte es am Dienstagnachmittag von Menschen. Das Nationaltheater eröffnete die neue Spielzeit. Dabei hatten die Besucher der Veranstaltung die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu schauen, an verschiedenen Workshops teilzunehmen und mit  Künstlern zusammenzutreffen. Auf den Podien wurden zudem Ausschnitte aus einigen Stücken aufgeführt, die auf dem Repertoire stehen. Einer großen Aufmerksamkeit erfreute sich die Kostprobe aus Kenneth MacMillans Ballett „L’histoire de Manon“. Filip Barankiewicz leitet das Ballettensemble des Prager Nationaltheaters. Hier ein Gespräch mit  ihm über die neue Spielzeit:

Herr Barankiewicz, wir stehen nach einem Jahr wieder auf der Schützeninsel anlässlich der Eröffnung der Saison. Was haben Sie für diese Spielzeit vorbereitet?

Filip Barankiewicz | Foto: aus dem Archiv von Martina Schneibergová

„Wir haben eine wahnsinnige Saison. Außer zwei Titeln gibt es nur Geschichten, also narrative Stücke. Ich finde das wunderbar, weil ich immer schon denke, das ist das, was die Leute am meisten bewegt. Natürlich werden wir auch den ,Nussknacker‘ in der Staatsoper sowie im Nationaltheater spielen. Wir haben eine Premiere von ,Giselle‘in der Staatsoper, und wir werden das Balanchine-Programm wieder spielen. Zudem steht weiterhin das Stück ,Avant-Garde‘ auf dem Programm. Das ist ein moderner Tanzabend, der in der letzten Spielzeit seine Premiere hatte. Und schließlich wird Jiří Kyliáns ,One of a Kind‘ seine tschechische Premiere erleben. Insgesamt sind es zwölf Titel – dazu gehören auch ,Scheherazade‘, ,Coppelia‘ und die Wiederaufnahme vom ,Prozess‘ von Mauro Bigonzetti. Wir spielen zudem ,Liliom‘ von John Neumeier und wieder,Onegin‘ von John Cranko. Die Tänzer, die ,Onegin‘ vor ein paar Jahren getanzt haben, freuen sich wahnsinnig darauf.“

Wie haben Sie das Programm für die jetzige Eröffnung der Saison auf der Schützeninsel zusammengestellt?

„Das war schwierig, weil wir heute ,Manon‘ im Ballettsaal geprobt haben. Morgen gibt es eine Bühnenprobe mit dem Orchester und abends die erste Vorstellung. Nicht viele Tänzer waren frei. Ich habe einen kurzen Ausschnitt aus ,Manon‘ für die Saisoneröffnung ausgesucht. Zudem zeigen wir, wie das Training ausschaut. Das funktioniert immer wunderbar. Die Kinder sind hier fast auf den Köpfen der Tänzern gesessen.“

Nachdem die Tänzerinnen und Tänzer dem sehr interessierten Publikum vorgeführt hatten, wie ihr Training abläuft, ging es zu einer weiteren Bühne auf der Schützeninsel. Dort traten einige der Hauptdarsteller aus dem Musical „Sweeney Todd“ auf, das ab Ende September in der Staatsoper aufgeführt wird. Der international anerkannte und gefragte tschechische Bassbariton Adam Plachetka übernimmt die Titelpartie des teuflischen Barbiers. Hier ein Gespräch mit dem Opernstar:

Adam Plachetka  (Sweeney Todd) | Foto: Zdeněk Sokol,  Nationaltheater Prag

Herr Plachetka, haben Sie dieses Musical vorher gekannt?

„Ich habe das nie live, aber einmal im Fernsehen gesehen und kenne selbstverständlich den Film. Wobei ich denke, dass der Film den Geist der Geschichte nicht so gut aufgefasst hat wie das Musical selbst.“

War es für Sie eine Herausforderung, ein ganz anderes Genre zu singen?

„Ich mache ab und zu Musicals. Meistens jedoch nur im Konzert, auf der Bühne noch nie. Aber als Sänger kenne ich die Sachen schon ein bisschen. Ich habe einst ein Operettenprogramm mit meiner Frau gemacht, also ist es nichts komplett Unbekanntes für mich.“

Sie haben vor ein paar Monaten in Wagners ,Rheingold‘ im Nationaltheater gesungen. Ist es schwierig, von Wagner zu Sweeney Todd zu wechseln?

„Ich denke, es ist mehr eine Frage des Stils, nicht wirklich der Technik. Denn technisch singt man das anders. Aber man hat die gleiche Stimme und muss damit ungefähr gleich umgehen.“

Adam Plachetka  (Wotan) | Foto: Petr Neubert,  Nationaltheater Prag

Sie wollten ursprünglich schon vor Jahren Musicals singen …

„Ja, ich habe Musicals immer geliebt. Und das war jetzt eine gute Gelegenheit, es auf der Bühne zu probieren.“

Haben Sie ein Traummusical, das Sie gerne singen würden?

„Ich mag ,Les Miserables‘, also das wäre schön. Das Musicalleben hat ein anderes Timing, als wir es von der Oper kennen. Es ist kompliziert, einen Musicalvertrag in meinen Kalender hineinzukriegen.“


Mehr über die Pläne des Opernensembles des Nationaltheaters verriet vom Podium aus Jarmila Levko. Sie ist die Verwaltungsdirektorin der Oper. Das Musical über den teuflischen Barbier aus der Fleet Street wird die erste Premier der Spielzeit sein. Es ist schon ungewöhnlich, in der Staatsoper ein Musical aufzuführen. Wie ist die Idee entstanden? Jarmila Levko sagte gegenüber Radio Prag International:

Jarmila Levko | Foto: Iveta Kalátová,  Tschechischer Rundfunk

„Es stimmt schon, dass Musicals im Nationaltheater oder in der Staatsoper fast nicht gespielt werden. Dieses Musical wird jedoch, wie auch unser künstlerischer Leiter Per Boye Hansen sagt, manchmal in den Opernhäusern aufgeführt. Denn das Stück bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Musical und Oper. Es erfordert ein großes Orchester, es gibt anspruchsvolle Gesangspartien und einen großen Chor. Daher sind es wirklich Opernhäuser, die für eine Produktion dieser Größenordnung gerüstet sind. Das ist der Grund, warum wir das Stück aufführen.“

Die Premieren der Neuproduktion von „Sweeney Todd“ finden am 24. und 27. September statt, wobei die erste Premiere schon ausverkauft ist. Jarmila Levko:

„Wir versprechen uns davon, dass wir vielleicht auch neue Zuschauer ansprechen, die sonst nicht in die Oper gehen würden. Sie werden sich das Musical in der Staatsoper anschauen und werden möglicherweise währenddessen zu Opernfans.“

In der neuen Spielzeit wird das Nationaltheater des Weiteren zwei neue Opernproduktionen aufführen, die in Koproduktionen entstehen. Die Verwaltungsdirektorin dazu:

„In der Koproduktion mit der Oper in Lyon wird ,Salome‘ von Richard Strauss einstudiert. Die Premiere findet Ende Mai 2027 statt. Und in Zusammenarbeit mit dem Baltic Opera Festival in Polen werden wir Webers ,Freischütz‘ aufführen. Darauf freuen wir uns alle sehr. Ein Teil unseres Ensembles wird auch in Polen auftreten.“

Andreas Homoki | Foto: Zdeněk Sokol,  Oper des Nationaltheaters und Staatsoper

Die Regie von Webers Oper wird, wie Jarmila Levko anmerkte, Andreas Homoki haben, der mit dem Prager Nationaltheater bereits zusammengearbeitet hat. Ein anderer deutscher Regisseur, nämlich Christof Loy, wird in Prag bald Debussys „Pélleas et Mélisande“ einstudieren. Die Verwaltungsdirektorin ging noch auf weitere Neuproduktionen ein:

„In der Staatsoper wird im Februar Zemlinskys Oper ,Der Zwerg‘ aufgeführt. Ersan Mondtag hat die Regie der Vorstellung. Smetanas Oper ,Die Teufelswand‘ wird von einem tschechischen Team einstudiert. Dafür kehrt Ondřej Havelka nach ein paar Jahren als Opernregisseur ins Nationaltheater zurück. Im Ständetheater, wo sonst Mozarts Opern gespielt werden, steht in dieser Spielzeit eine Neuproduktion von Strawinskys ,The Rake’s Progress‘ auf dem Programm. Die Geschichte erinnert ein wenig an ,Don Giovanni‘. Daher wird das Stück im Ständetheater gespielt.“

Mehr über das Programm des Prager Nationaltheaters erfahren Sie unter: https://www.narodni-divadlo.cz/en

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