Marie Provazníková: Widerstandskämpferin und Retterin der Turnbewegung Sokol
Vor 35 Jahren starb Marie Provazníkova. Sie gehört zu den bedeutendsten Personen der modernen tschechischen Geschichte. Als Leiterin der Turnbewegung Sokol, Olympiatrainerin und Pionierin der Frauengymnastik leistete sie Widerstand gegen den Nationalsozialismus und den Kommunismus.
1890 wurde sie als Marie Kaloušová im Prager Stadtteil Karlín geboren. Schon als junges Mitglied im Sokol-Verein fiel sie durch ihr sportliches Talent und ihre natürliche Führungsstärke auf. Sie ging auf das renommierte Minerva-Mädchengymnasium, unterbrach ihre Bildung jedoch aufgrund ihrer Heirat und der Geburt ihrer Tochter.
Vom Mädchen aus Karlín zur ersten Sportlehrerin
Später nahm Provazníkova ihren Bildungsweg wieder auf und wurde als erste weibliche Sportlehrerin in der Tschechoslowakei an einer weiterführenden Schule zugelassen. Durch ihre pädagogischen Fähigkeiten und ihr Organisationstalent gelangte sie schnell an die Spitze der Frauendivision von Sokol. Und 1931 wurde sie die Leiterin des gesamten Turnervereins. Ihre Übung für Frauen, die im Jahr 1932 im Strahov-Stadion vorgeführt wurde, ist einer der berühmtesten Momente in der Geschichte des Vereins. Präsident Tomáš Garrigue Masaryk lud sie damals persönlich in seine Loge ein und lobte ihre Arbeit.
Provazníková wurde vor allem dadurch bekannt, dass sie die Gleichstellung der Frauen im Turnverein förderte. Nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch die deutschen Nationalsozialisten 1939 verbrannte sie in dem Sokol-Hauptgebäude Tyršův dům wichtige Dokumente, um zu verhindern, dass diese in die Hände der Gestapo fielen. Die Sokol-Führung schickte sie in die Region Vysočina im Süden der Tschechoslowakei, wo sie den Krieg überlebte. Viele ihrer Freunde starben in Konzentrationslagern, Provazníková aber empfing nachts heimlich Sokol-Mitglieder, die bei ihr Rat und Zuspruch suchten.
1948: Sokol-Verbot und Flucht in letzter Minute
Nach dem Krieg wurden die Vorbereitungen für das XI. Sokol-Festival getroffen. Nach dem kommunistischen Putsch im Februar 1948 war jedoch klar, dass der Verein aufgelöst werden würde. Provazníková wirkte daran mit, dass das Festival im Juni noch stattfinden konnte. Kurz darauf erhielt sie in letzter Minute einen Pass und flog nach London, wo wenige Wochen später die tschechoslowakischen Turnerinnen olympisches Gold gewannen.
1948 emigrierte Marie Provazníková in die USA und nahm ein Angebot einer Universität in New Jersey an. Gleichzeitig wurde sie zu einer Schlüsselfigur des tschechoslowakischen Sokol im Ausland, dessen Fortbestand sie während der Zeit des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei sicherte. Bis zu ihrem neunzigsten Lebensjahr blieb sie Vorsitzende der Turnbewegung.
Im Oktober 1990, im Alter von einhundert Jahren, sprach Provazníková über Radio Free Europe zu den Menschen in der Tschechoslowakei: „Ich möchte nicht feierlich sprechen, sondern als eine von Ihnen … Wir sind vom selben Blut, Sie und ich.“
Wenige Monate später, am 11. Januar 1991, starb Marie Provazníková.
Sokol: Mehr als nur ein Sportverein
Um die Bedeutung von Marie Provazníková zu verstehen, muss man erklären, was Sokol war. Der Verein für Körpererziehung wurde 1862 gegründet verband Sport, staatsbürgerliche Bildung und demokratische Werte. Er wurde zu einem Symbol tschechischer Identität, für Selbstbewusstsein und Widerstand gegen Unterdrückung.
Die Mitglieder organisierten Massenübungen – sogenannt „slety“, die nicht nur sportliche Wettkämpfe, sondern auch Ausdruck nationaler Einheit waren. Zehntausende Turnerinnen und Turner führten perfekt synchronisierte Choreografien auf. Marie Provazníková war eine der Frauen, die diese Bewegung grundlegend veränderten.







