#MeToo – In Tschechien (fast) kein Thema

Photo illustrative: surdumihail, CC0

Vor zwei Jahren machten zahlreiche Frauen mit dem Hashtag MeToo auf ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung aufmerksam. Daraus wurde schnell eine globale Bewegung. Nur in Tschechien fand der Aufschrei kaum Anklang.

Foto: surdumihail, CC0

Silvie Lauder (Foto: Jindřich Nosek, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)
Eigentlich gibt es das Schlagwort MeToo bereits seit 2006. Damals wollte die Aktivistin Tarane Burke damit auf sexuellen Missbrauch von afroamerikanischen Frauen aufmerksam machen. Zum globalen Phänomen wurde MeToo aber erst durch die US-Schauspielerin Alyssa Milano. Sie machte öffentlich, dass der Produzent Harvey Weinstein sie für eine Rolle zu sexuellen Handlungen genötigt hat. Das trat eine Lawine los – erst meldeten sich weitere Frauen aus dem Umfeld Weinsteins und später Betroffene aus der ganzen Welt mit ihren Leidensgeschichten. In Tschechien war das Echo aber verschwindend gering. Silvie Lauder ist Journalistin beim Wochenmagazin „Respekt“ und hat sich eingehend mit dem Thema beschäftigt. Im Nachrichtenpodcast Vinohradska12 des Tschechischen Rundfunks spekulierte sie, warum die Tschechinnen still geblieben sind:

„Ich denke, das liegt an der grundsätzlichen Einstellung der Menschen hierzulande. Da wirken zahlreiche Faktoren und Einflüsse. Unter anderem geht es darum, wie die Medien über die Debatte informieren. Oft sind die Beiträge sehr verzerrt, und es wird fälschlich behauptet, dass es sich allein um ein Problem der Unterhaltungsindustrie handele und das Ganze ein amerikanisches Phänomen sei. Zudem wird darauf verwiesen, dass viele Vorwürfe banal seien und die Taten dreißig Jahre zurückliegen würden. Das alles ist aber zu kurz gegriffen.“

Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International
Das Problem ist jedoch nicht nur, dass sexuelle Belästigung hierzulande totgeschwiegen wird. In der tschechischen Debatte werden solche Taten als „nicht so schlimm abgetan“. Und das auch von einflussreichen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Ein Beispiel ist der Sexualmediziner Radim Uzel, der hierzulande eine der größten Kapazitäten ist in den Bereichen Sex und Beziehung. Von sich selbst behauptete er in einer Diskussion zu MeToo, dass er schon längst im Gefängnis gelandet wäre wegen seiner „langjährigen Popoklatsch-Erfahrungen“:

„Man muss die Gründe dafür finden, warum eine Frau beispielsweise eine bekannte Schauspielerin werden wollte und ihr der Regisseur dafür an den Schenkel gegriffen hat. Damals hat das niemanden gestört, überhaupt nicht. Im Gegenteil, die Frauen waren froh, dass ihnen der Regisseur seine Aufmerksamkeit schenkte und sie dann tatsächlich auch berühmt wurde. Nun sind dreißig Jahre vergangen, und die Betroffene ist nicht mehr ganz so berühmt und hat ihren Zenit weit überschritten, sie ist sozusagen Spätlese. Aber Aufmerksamkeit will sie immer noch haben. Und da erinnert sie sich dann an irgendeine Geschichte von vor vielen Jahren.“

Vorwürfe statt Verständnis

Illustrationsfoto: Pexels, Pixabay / CC0
Dabei sind vor allem Vergewaltigungen in Tschechien ein großes, aber unerkanntes Problem. Im vergangenen Jahr hieß es in einer Reportage der Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:

„Oft wird ein Opfer von einem Bekannten vergewaltigt. Das ist auch der Grund, warum es nur selten zu einer Anzeige kommt. Schätzungen zufolge geht nur jede zehnte Frau zur Polizei. Doch in den vergangenen Jahren hat die Zahl der Anzeigen in Westeuropa, aber auch bei uns stark zugenommen. Von Januar bis August vergangenen Jahres lagen den Behörden hierzulande 525 Fälle vor. Experten sind sich einig, dass diese Offenheit auch an der MeToo-Kampagne liegt.“

In der Politik hierzulande kommt aber einfach nicht an, wie groß das Problem der sexuellen Belästigung oder Vergewaltigung eigentlich ist. Ein offener Diskurs ist weiterhin nicht vorhanden, oder die Sache wird gänzlich kleingeredet. Der Grund ist auch, dass hinter den Standpunkten von Frauenrechtlerinnen und Frauenrechtlern in erster Linie Aktivismus vermutet wird:

Jaroslav Kubera (Foto: David Sedlecký, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)
„Dazu müssen wir uns ansehen, wie die tschechische Debatte von der Meinung einflussreicher Politiker geformt wird. Es sind oft Spitzenpolitiker, die das Problem bagatellisieren und die sogar die offiziellen Vergewaltigungsahlen der Polizei infrage stellen. Ich will ein konkretes Beispiel nennen. Der verstorbene ehemalige Senatsvorsitzende Jaroslav Kubera behauptete wiederholt, dass die Zahlen übertrieben seien. Sie sollen absichtlich hochgeschraubt worden sein, damit Frauenrechtsorganisationen mehr Geld aus der Staatskasse kassieren können.“

Tatsächlich äußerte sich der verstorbene Senatspräsident Jaroslav Kubera seinerzeit klar in diese Richtung. Wobei der Bürgerdemokrat das Problem an sich nicht unter den Tisch kehren wollte:

„Ich glaube diesen Statistiken nicht, sie wurden bewusst übertrieben, damit Ultrafeministinnen ein Auskommen haben. Damit will ich das Problem aber nicht kleinreden. Viele Frauen sind das Opfer von Missbrauch und Gewalt, vor allem in den Familien. Ich konnte lange nicht glauben, dass auch Ärzte und Richter imstande sind, ihre Frauen daheim zu verprügeln.“

Foto: Prentsa Aldundia, Flickr, CC BY-SA 2.0
Laut Silvie Lauder ist diese Einstellung tief in der tschechischen Mentalität verwurzelt. In den Augen der Journalistin verschärft gerade das aber die Lage für die Opfer. Denn diese sind dadurch in erster Linie massivem Unverständnis ausgesetzt, manchmal aber sogar offenen Anfeindungen:

„Die tschechische Gesellschaft hat eine falsche Vorstellung davon, was sexualisierte Gewalt eigentlich ist und wie weit sie verbreitet ist. Das zeigt auch eine Umfrage des Eurobarometers. Dort heißt es, dass die Tschechen, anders als die Menschen in anderen Ländern, diese Form der Gewalt eher für eine Ausnahme halten. Die Menschen hier haben eine ganz falsche Vorstellung davon, wie solche Situationen ablaufen. Oft sehen sie einen Fremden verantwortlich, der eine Frau in der Nacht beispielsweise auf dem Heimweg vom Club überfällt. Außerdem ist jedem Opfer schon einmal Unverständnis begegnet, das ist leider tief verwurzelt in unserer Gesellschaft. Wenn Frauen hierzulande laut sagen, dass ihnen etwas unangenehm ist, wird ihnen das Recht abgesprochen, klare Grenzen zu ziehen. Wenn man in dieser gesellschaftlichen, politischen und medialen Atmosphäre dann doch einen Fall publik macht, dann sieht man sich oft einer extremen Kampagne gegen die eigene Person ausgesetzt. Deshalb zeigen viele Frauen einen Missbrauch nicht an.“

„Je suis Weinstein“ im tschechischen Showbusiness

Jiří Strach (Foto: Archiv von Jiří Strach)
Doch zurück zur Wurzel der MeToo-Bewegung. Silvie Lauder ist vor allem schockiert darüber, wie Teile des tschechischen Showbusiness auf die Causa Weinstein reagiert haben:

„Kurz nach Bekanntwerden der Weinstein-Causa hat sich Jiří Strach gemeldet, den wir als Regisseur von Fernsehmärchen kennen und der hierzulande eine moralische Autorität ist. Er hat sich mit einem T-Shirt ablichten lassen, auf dem JE SUIS WEINSTEIN abgedruckt war. Das ist eine große Provokation und hat eine Debatte ausgelöst.“

Tatsächlich sagte der Filmemacher Strach damals:

„Mir ist gelungen, unter anderem auf Facebook eine Debatte darüber anzustoßen, wo die Grenzen der Unschuldsvermutung liegen und darüber, welche Anschuldigungen falsch oder richtig sind. Die Leute haben sich da unter anderem gefragt, warum man sich erst nach dreißig Jahren an eine Vergewaltigung erinnert.“

Silvie Lauder findet diese Argumentation falsch. Sie macht darauf aufmerksam, dass die betroffenen Frauen von Weinstein bedroht worden seien und deshalb geschwiegen hätten.

Harvey Weinstein (Foto: David Shankbone, CC BY 3.0)
Mittlerweile wurde Harvey Weinstein für seine Taten verurteilt und wird wohl lange Zeit im Gefängnis verbringen. Für Silvie Lauder ist das ein positives Zeichen. Denn erstmals habe sich gezeigt, dass solche Taten keine Bagatelle seien und niemand über dem Gesetz stünde, so die Journalistin. Auch dass viele Frauen gerade durch MeToo den Mut gefunden hätten, mit ihren Erfahrungen an die Behörden zu treten, wertet Lauder als großen Erfolg. Welchen Ausblick gibt die Journalistin aber für Tschechien? Trotz aller Schwierigkeiten habe sich etwas getan, meint sie:

„Das sieht man allein an den Polizeistatistiken. Da gab es die Nachricht, dass die Behörden 2019 die höchste Anzahl an Anzeigen wegen Sexualstraftaten in den vergangenen zehn Jahren entgegengenommen haben. Das kann natürlich bedeuten, dass es mehr solcher Straftaten gibt. Es gibt aber klare Indizien dafür, dass sich die Frauen nun häufiger trauen, solche Delikte zu melden.“