Müll-Oscar: Tschechische Gemeinden werden für nachhaltige Abfallkonzepte ausgezeichnet

Müll-Oscar

Einen Oscar für das niedrigste Müllaufkommen: Mit diesem Preis zeichnet die Umweltorganisation Arnika seit mehreren Jahren Gemeinden in Tschechien aus, die gut durchdachte und nachhaltige Systeme zu Abfallbeseitigung haben. Ein Oscar geht dabei an Gemeinden, die weniger als 150 Kilogramm Restmüll pro Einwohner im Jahr produzieren. Ein zweiter Oscar wird vergeben für vorbildliche Praxisbeispiele – also Orte, die mit ihren Ideen zur Abfalltrennung andere inspirieren können.

Foto: Hana Hauptvogelová,  Tschechischer Rundfunk

Tschechien ist das einzige Land in der EU, das kein einheitliches System zur Müllbeseitigung hat. Jede Stadt und jede Gemeinde hat also ihre eigenen Regeln. Obwohl man sich hierzulande gern selbst auf die Schulter klopft und für die Abfalltrennung lobt, ist der Anteil an Restmüll im EU-Vergleich immer noch recht hoch. Milan Havel von der Umweltorganisation Arnika sagte dazu in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:

„In Tschechien gibt es 6300 Gemeinden. Um die gesamte Abfallproduktion zu reduzieren, müssten 80 Prozent der Gemeinden größere oder kleinere Maßnahmen zur Verringerung des Restmülls ergreifen. In den Mülltonnen der Privathaushalte landen im Jahr etwa 200 Kilogramm Restmüll pro Person. Die Analyse des Inhalts zeigt, dass etwa die Hälfte noch getrennt und aufbereitet werden könnte.“

Um die Gemeindeverwaltungen genau dazu zu motivieren, hat Arnika in diesem Jahr schon zum neunten Mal den Wettbewerb „Odpadový Oskar“ ausgerufen, also den „Müll-Oscar“. In allen Kreisen werden dabei Dörfer und Städte verschiedener Größenordnungen ausgezeichnet. Eine Kategorie bewertet ganz einfach das Müllaufkommen pro Einwohner und Jahr, eine zweite das breitere Konzept von Abfallbeseitigung und -vermeidung als gutes Praxisbeispiel.

Milan Havel | Foto: Archiv von Arnika

Den Oscar der ersten Kategorie für die Ortsgröße von 1001 bis 5000 Einwohnern hat schon zum fünften Mal in Folge Chvalšiny / Kalsching gewonnen. Das malerische Dorf liegt zehn Kilometer nordwestlich von Český Krumlov / Krumau. 2022 wurden hier 46,2 Kilogramm Restmüll pro Einwohner registriert. Havel lobt:

„Man kann ja Mülltrennung einführen, die regelmäßige Leerung der Tonnen oder auch die Verwertung von Biomüll – wichtig ist aber immer, wie das Gesamtsystem an sich aufgebaut ist. In Chvalšiny gibt es schon seit Mitte der 1990er Jahre ein sehr gut funktionierendes Konzept, und zwar nach österreichischem Vorbild. Bis heute läuft es ganz toll. In dem Ort wird nur etwa ein Viertel an Restmüll des tschechischen Durchschnitts produziert.“

Bürgermeister Jiří Borský (parteilos) erläutert, wie dies erreicht wird:

„Unser Müllkonzept besteht darin, dass jeder Privathaushalt einen Vertrag mit dem Gemeindeamt abschließt. Damit wird die Müllabfuhr geregelt. Der jeweilige Einwohner meldet die Anzahl der Personen in seinem Haushalt und bekommt dann eine Anleitung zur Mülltrennung. Darin steht, welcher Abfall in die Tonne für den Restmüll gehört.“

Geregelt wird das Ganze über die Gebühren für die Abholung der Mülltonne. Je besser getrennt wird und je weniger Restmüll in der Tonne landet, desto seltener muss für die Leerung bezahlt werden. Auch für die verschiedenfarbigen Säcke, in denen Plastik, Papier oder Tetra Paks entsorgt werden, fallen Gebühren an. Aber die Einsparungen würden die Menschen vor allem beim Restmüll spüren, betont Borský:

„Einem Durchschnittshaushalt in Chvalšiny reichen drei Restmülltonnen im Jahr. Sofern dort nicht mit festen Brennstoffen geheizt wird, sondern eine Wärmepumpe oder Gas vorhanden ist, und eben Abfall getrennt und das Angebot des Recyclinghofes genutzt wird, kommt man ohne Probleme mit diesen drei Tonnen aus. Sie haben je ein Fassungsvermögen von rund 110 Litern.“

Disziplin, gute Kommunikation und finanzielle Einsparungen

Als Erklärung, warum die Mülltrennung und auch -vermeidung in Chvalšiny so gut funktionieren, nennt Bürgermeister Borský schlicht das Verständnis und die Disziplin der Einwohner. Und eine gute Kommunikation von Seiten des Recyclinghofes, wenn etwas nicht korrekt entsorgt wurde. Ganz ähnlich äußert sich auch Zdeněk Kofent. Der Bürgermeister von Družec, 20 Kilometer westlich von Prag, hat 2017 den Müll-Oscar auf Kreisebene entgegennehmen können.

„Anscheinend leben hier Menschen, die das einfach verstehen. Das Gemeinschaftsleben ist bei uns sehr munter, die Menschen tun sich zusammen. Sie tauschen sich aus, und wenn jemand Unordnung hinterlässt, dann wird er darauf aufmerksam gemacht. Ich danke unseren Bewohnern dafür, dass sie das unterstützen und sich anständig verhalten. Sie freuen sich ja auch, dass der Ort sauber ist.“

Aber nicht nur in der ersten Kategorie haben Družec und seine etwa 1100 Einwohner den Müll-Oscar gewonnen. 2018 gab es auch die Auszeichnung der zweiten Kategorie. Das Dorf gelte also als Inspiration für andere, erläutert Milan Havel von Arnika:

Recyclinghof | Illustrationsfoto: Alena Rokosová,  Tschechischer Rundfunk

„Die Auszeichnung als gutes Praxisbeispiel ist ein dauerhafter Preis. Družec hält aber auch die Abfallproduktion anhaltend niedrig. Der Ort hat ebenfalls schon den Oscar der ersten Kategorie bekommen, denn über einen langen Zeitraum gibt es hier ein geringes Aufkommen an Restmüll. Es liegt jährlich unter 100 Kilogramm je Einwohner.“

Auch in Družec seien es die Finanzen, die die Menschen zum Mülltrennen motivieren, sagt Bürgermeister Kofent:

„Die Müllabfuhr für die Restetonnen beläuft sich für zweimal im Jahr auf 144 Kronen (5,90 Euro, Anm. d. Red.). Wer trennt, dem reicht das aus. Es ist also ein Motivationssystem, je nachdem welchen Coupon man sich kauft. Wer nicht trennt, kauft die teuren roten Coupons für die Müllabfuhr jede Woche. Wer trennt, dem reicht die Abholung einmal in 14 Tagen oder im Monat. Oder eben ganz selten, also drei- oder viermal im Jahr.“

Sobald die Menschen spürten, dass sie tatsächlich Geld sparen, würden sie auch gerne ihre Abfälle trennen, ergänzt Kofent und berichtet über weitere Maßnahmen der Gemeindeverwaltung:

„Wir haben anfangs eine Analyse des Restmülls anfertigen lassen und herausgefunden, dass 70 Prozent des Inhaltes gar nicht dorthin gehören. Also haben wir Komposter bestellt. Jeder Bewohner, der einen solchen wollte, hat ihn heute im Garten stehen. Wer nicht kompostieren möchte oder keinen Platz dafür hat, kann den Biomüll in öffentlichen Containern entsorgen.“

Zudem stehe ein Lastauto zur Verfügung, das für den Abtransport von Laubblättern oder ähnlichem bestellt werden könne, so Kofent.

Ende der Müllhalden?

Bleibt noch die Frage, ob in Tschechien bald alle Müllhalden geschlossen werden können. Dies sei noch ein langer Weg, meint Milan Havel:

Illustrationsoto: Honza Ptáček,  Tschechischer Rundfunk

„Die Gesetzgebung sieht vor, dass bis 2035 maximal zehn Prozent allen Abfalls auf der Müllhalde landen. Momentan sind es aber noch 46 Prozent. Es muss also einen deutlichen Rückgang geben. Um diesen zu erreichen, reicht es nicht aus, die Abfälle einfach in Verbrennungsanlagen zu entsorgen. Sondern es muss überhaupt viel weniger Restmüll geben. Dazu müsste er entweder gar nicht produziert oder aber besser getrennt und aufbereitet werden. Es gibt zwar schon Maßnahmen zur Trennung von Biomüll, also Küchen- oder Gartenabfällen. Trotzdem bilden diese landesweit immer noch 30 bis 40 Prozent des Restmülls.“

Das heißt, dass die braunen Bio-Tonnen in Tschechien nicht in vollem Umfang genutzt werden. Damit landen viel zu viele wertvolle Rohstoffe in den Müllverbrennungsanlagen. Und diese seien für sich wiederum ein Klimakiller, mahnt Havel:

„Es herrscht der Glaube, dass Müllverbrennungsanlagen eine erneuerbare Energiequelle seien. Das stimmt aber nicht, denn 50 bis 60 Prozent aller Emissionen überhaupt haben einen fossilen Ursprung und entstehen durch das Verbrennen von Plastik. Es sollte also mehr Vorschriften zur Luftreinheit im Umfeld von Verbrennungsanlagen geben. Aber die entsprechenden Technologien sind sehr teuer.“

Momentan sei die Nutzung der Verbrennungsanlagen in Tschechien staatlich subventioniert. Sollten die Privathaushalte selbst für den vollen Preis aufkommen, müssten sie umgerechnet knapp 100 Euro mehr im Jahr dafür berappen, so die Kalkulation von Havel.

Damit schließt der Umweltexperte den Kreis eben wieder mit dem Thema Geld. Letztlich seien es immer konkrete finanzielle Einsparungen, die die Menschen zu einer sorgfältigen und nachhaltigen Müllentsorgung motivierten. Den Müll-Oscar bekämen deswegen vor allem auch jene Gemeinden, die diesen Fakt offen mit ihren Einwohnern kommunizierten, so Milan Havel von Arnika.

Autoren: Daniela Honigmann , Markéta Ševčíková | Quelle: Český rozhlas Plus
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