Nachlass von Mäzen Tom Schrecker: Tschechische Philharmonie setzt Geld für Nachwuchsmusiker ein

Tom Schrecker

Die Tschechische Philharmonie hat vor kurzem aus dem Nachlass ihres Mäzens Tom Schrecker 16 Millionen Kronen bekommen. Schrecker war eines von Hunderten jüdischen Kindern, die kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs von Sir Nicholas Winton aus der Tschechoslowakei nach England gerettet wurden.

Die Tschechische Philharmonie informierte vor kurzem darüber, dass der aus Prag stammende Philanthrop Tom Schrecker ihr eine Summe von rund 16 Millionen Kronen (640.000 Euro) vermacht hat. Das Geschenk war das Thema unseres Gesprächs mit Michal Medek. Er ist der Betriebsdirektor der Philharmonie.

Michal Medek | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Herr Medek, die Tschechische Philharmonie hat aus dem Nachlass von Tom Schrecker 16 Millionen Kronen bekommen. Er war eines der Winton-Kinder. Wie ist Schreckers Beziehung zur Philharmonie entstanden?

„Es ist eine lange Geschichte. Tom Schrecker war ein Freund von Jiří Bělohlávek, unserem ehemaligen Chefdirigenten. Als Bělohlávek noch als Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra in London tätig war, war Schrecker oft dabei, er hat die Konzerte besucht und war mit Bělohlávek befreundet. Später kam Jiří Bělohlávek nach Prag und wurde zum Chefdirigenten der Tschechischen Philharmonie. Tom Schrecker zog damals ebenfalls nach Prag um, wo er von klein auf gewohnt hatte. Er besuchte die Konzerte der Tschechischen Philharmonie und war auch der erste große Mäzene des Orchesters. Er ist nun auch der erste Mensch, der dem Orchester einen Teil von seinem Vermögen vermacht hat.“

Hat Schrecker während seines Lebens eine konkrete Musikergruppe in der Philharmonie unterstützt?

Jiří Bělohlávek | Photo: Filip Jandourek,  Tschechischer Rundfunk

„Ja. Er hat das Violoncello geliebt, und Jiří Bělohlávek war ursprünglich auch Cellist. Also hat Schrecker den ersten Cellisten drei Jahre lang unterstützt. Die erste Donation war in Höhe von drei Millionen Kronen (120.000 Euro, Anm. d. Red.). Es war ein dreijähriges Programm, mit dem der Cellist gefördert wurde.“

Haben Sie Tom Schrecker persönlich gekannt?

„Ja, wir waren auch befreundet. Wir haben uns regelmäßig getroffen, es war immer sehr inspirierend. Denn er hat uns gelehrt, wie wir mit Mäzenen arbeiten sollen. Er hat mit mir an den Regeln für den Mäzenen-Club der Philharmonie gearbeitet. Schrecker war einfach ein Direktorentyp, und die Zusammenarbeit mit ihm war immer beeindruckend.“

Tom Schrecker in 2012 | Foto: Post Bellum

Tom Schrecker hatte ein schweres Schicksal. Seine Mutter und ein Teil seiner Verwandtschaft wurden im KZ ermordet. Als eines der Kinder, die von Nicholas Winton gerettet wurden, wuchs er in einer Familie in England auf. Trotzdem verlor er die Beziehung zur Heimatstadt Prag nicht. Haben Sie mit ihm darüber gesprochen?

„Ja. Er hat das Schicksal so genommen, dass er dank Nicholas Winton und dank der neuen Familie in England einfach eine große Chance im Leben bekommen hatte. Schrecker war sehr stark, er war wirklich eine beeindruckende Persönlichkeit. Und deshalb hat er auch unterschiedliche Aktivitäten unterstützt, weil er für sein Leben und für seinen Lebensweg dankbar war.“

War er auch musikalisch begabt?

„Ja. Ich glaube, er hat versucht, als Amateur verschiedene Musikinstrumente zu spielen. Er wollte etwa mit Musik zu tun haben. Letztendlich war er aber eher ein Fan und ein Hörer als ein aktiver Musiker. Aber er hat wirklich in der ganzen Welt Konzerte und Opernaufführungen besucht. Darum war er im Bilde und hat viele Orchester gekannt.“

Die Tschechische Philharmonie | Foto: Petra Hajská,  Pražské jaro 2025

Hat er außer der Tschechischen Philharmonie auch ein anderes Orchester hierzulande unterstützt?

„Soviel ich weiß, hat Schrecker noch eine oder zwei Schulen unterstützt: das Gymnasium in Třeboň und die englische Schule in Prag. In England förderte er die University of Cambridge. Auch bei uns wollte er seine Unterstützung dazu nutzen, dass wir junge Talente weiterführen.“

Handelt es sich bei dem Geld für die Philharmonie um eine Art Programm für die Nachwuchsmusiker?

„Ja, genau. Wir haben das Programm der sogenannten Orchestralen Akademie. Das heißt, die jungen Musiker können als Studenten Teil des professionellen Orchesters werden. Es ist ein zweijähriges Programm, bei dem sie mit dem Orchester proben und auch eine gewisse Zahl an Konzerten absolvieren. Auf diese Weise sammeln die jungen Musiker erste Erfahrungen mit dem Orchester. Das war ein Thema, das Tom Schrecker sehr gut gefallen hat.“

Tom Schrecker | Foto: Post Bellum

Tom Schrecker (1932–2024) stammte aus Prag. Sein Vater war Textilhändler. Als Tom drei Jahre alt war, ließen sich die Eltern scheiden. Als Kind lebte er einige Jahre lang in Italien. Im Juni 1939 kam er mit dem fünften Zug, den Nicholas Winton organisierte, von Prag nach England. Wie Schrecker sich später erinnerte, bedeutete die Reise nach England für ihn damals kein Trauma. Er war schon zuvor sehr oft gereist und beherrschte mehrere Sprachen. Aufgewachsen ist er dann in einer katholischen Familie in England und in Schottland. Tom Schreckers leibliche Mutter wurde im September 1942 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Dem leiblichen Vater gelang mit seiner zweiten Frau die Flucht über Italien. Mit seinem Sohn Tom traf er nach einigen Jahren in England wieder zusammen.

Reisedokument von Tom Schrecker | Foto: Post Bellum

Tom Schrecker blieb nach dem Kriegsende in Großbritannien. Er studierte in Oxford Geschichte und arbeitete beim Verlag Reader’s Digest. Später gründete er seinen eigenen Verlag. Ab den 1960er Jahren lebte Schrecker in Australien, und 1992 ging er in Rente. Im Sommer reiste er regelmäßig nach Europa und verbrachte auch immer ein paar Monate in Tschechien. Die Mitarbeiter des Zeitzeugenprojekts „Paměť národa“ (Memory of Nation) haben 2012 ein langes Gespräch mit Tom Schrecker aufgezeichnet. Darin sagte er unter anderem über seine Wurzeln:

Der Zug von Nicholas Winton | Foto: Tschechisches Fernsehen,  ČT24

„Ich war es gewohnt zu reisen. Ich begann mit drei, vier Jahren damit und bin das ganze Leben lang gereist. Ich werde oft gefragt, wo ich mich zu Hause fühle. Ich fühle mich dort zu Hause, wo ich diese Nacht gerade schlafe. Das hat seine Vorteile und Nachteile. Ich fühle mich überall wohl, habe aber keine Wurzeln.“

Tom Schrecker erwähnte in diesem Gespräch für das Zeitzeugenprojekt auch sein Treffen mit Sir Nicholas Winton:

Nicholas Winton | Foto: Tschechisches Fernsehen,  ČT24

„Er war 101 Jahre alt, als ich ihn besuchte. Ich reiste mit dem Zug nach Maidenhead und nahm dann ein Taxi. Ich lud ihn zum Mittagessen ein und sagte zu ihm, dass ein Taxi auf uns warte. Er sagte jedoch, er werde mit dem Auto       fahren. Da fragte ich ihn, ob er einen Führerschein habe. ,Ja, ja, sie haben ihn mir für weitere vier Jahre ausgestellt‘, antwortete Winton. Er war ein guter Fahrer, fuhr aber schnell. Nicky war ein fantastischer Mensch. Ich denke, den Führerschein hat er heute nicht mehr, aber mit 101 Jahren fuhr er noch glänzend.“

Sir Nicholas Winton starb 2015 im Alter von 106 Jahren. Tom Schrecker, der ein großer Mäzen der Tschechischen Philharmonie war, ist im Alter von 92 Jahren im Mai vergangenen Jahres gestorben.