Nachrichten Sonntag, 24. September, 2000

r_2100x1400_radio_praha.png

Von Marcela Pozarek

GESPRÄCHE ZWISCHEN FINANCIERS UND BÜRGERAKTIVISTEN

Staatspräsident Vaclav Havel lud am Samstag Vormittag im Ballsaal der Prager Burg zu einer Diskussion von rund 300 Globalisierungsgegner und Befürwortern ein, dem "Praga - dialogi locus" als Auftakt der Jahresversammlung des IWF und der Weltbank im Prager Kongresszentrum. Die Debatte leitete die UNO-Hochkommissarin für MenschenrechteMary Robinson. Es diskutierten unter anderem IWF Generaldirektor Horst Köhler, Weltbankchef James Wolfensohn aber auch Katerina Liskova, die Gründerin der tschechischen Bürgerrechtsbewegung Nesehnuti und der Finanzier George Soros. Zur Einleitung sagte Präsident Havel: "Ich bin mir nicht sicher, ob wir am heutigen Treffen alle gigantischen Probleme dieser Welt lösen können, es wäre aber gut wenn wir einen Dialog zwischen Menschen initiieren würden, die ansonsten kaum eine gemeinsame Sprache finden und das ist der Sinn dieser Zusammenkunft." Wie Havel festhielt, der auch am Protesthappening in den Königlichen Gärten zu gegen war, wo mehrere tschechische ökologische Organisationen auf die Armut in Entwicklungsländern aufmerksam machten. Mary Robinson bemerkte an einer anschliessenden Pressekonferenz, dass das von Havel initiierte Treffen ein guter Auftakt für einen konstruktiven Dialog über Grenzen hinweg sei, da es an der Zeit sei über die Globalisierung harte und schwierige Verhandlungen aus verschiedenen Perspektiven zu führen.

DEMO VON KOMMUNISTEN UND ANARCHISTEN IN PRAG

Anlässlich der IWF-Weltbank Jahrestagung kam es am Samstag in Prag auch zu mehreren Demonstration. Im Stadtteil Karlin kamen am Nachmittag rund 1000 kommunistische Aktivisten, vor allem aus Deutschland und Griechenland zusammen, der Parteivorsitzeden der Tschechischen Kommunistischen Partei KSCM Miroslav Grebenicek hielt eine kurze Rede. An die 250 Anarchisten versammelten sich auf dem Namesti Miru, dem Friedensplatz mit Slogans wie: "Anarchistischer Kommunismus, eine Alternative gegen die Weltkrise, Widerstand kennt keine Grenzen". Ungefähr 150 Anhänger rechtsradikaler Gruppierungen trafen sich am frühen Nachmittag zudem auf dem Letnaplatz. Der Vorsitzende der Nationalen Allianz Vladimir Skoupy kritisierte Präsident Havel dafür, dass er rechtradikale Vertreter nicht zu Gesprächen anlässlich der IWF-Weltbank Jahrestagung eingeladen habe. Auf dem Prager Hauptbahnhof haben gegen 15 Uhr eine Gruppe demonstrierender Anarchisten zwei Skinheads zusammengeschlagen.

KEINE STEUERSENKUNG WEGEN HOHER ÖLPREISE

Der Finanzminister der Bundesrepublik Hans Eichel hielt am Treffen der Zentralbankgouverneure und der Finanzminister der G7 Staaten in der Deutschen Botschaft in Prag fest, dass sich Erdölstaaten mehr für die ärmsten Länder der Welt einsetzen sollten, da diese zur Zeit am meisten von den steigenden Erdölpreisen betroffen sind. Die Finanzminister und Gouverneure verhandelten unter anderem über den Vorschlag Frankreichs, Deutschlands und Italiens nächste Woche ein Erdölgipfeltreffen mit OPEC Staaten zu veranstalten. Die sieben führenden Industrieländer sind sich einig, dass sie auf die hohen Ölpreise nicht mit Steuersenkungen reagieren wollen, erfuhr die dpa aus Teilnehmerkreisen am Rande des G7 Treffens.

ZEMAN LOBT TSCHECHISCHE WIRTSCHAFT

Premier Milos Zeman rühmte am Freitag Abend, dem ersten Seminartag der IWF-Weltbank Jahresversammlung im Prager Kongresszentrum in einer Rede die Erfolge seiner Regierung in den vergangenen zwei Jahren. Tschechien entwickle sich laut Zeman zu einem attraktiven Land für ausländische Investoren.

ÖSTERREICHISCHE TEMELIN PROTESTE

Österreichische Antiatomgegner blockiert am Freitag zum vierten Mal Grenzübergänge nach Tschechien. Ab 18 Uhr konnte der Verkehr an allen Übergängen jedoch wieder aufgenommen werden. Gegen die Untätigkeit österreichischer Behörden im Zusammenhang mit den Protestblockaden wandte sich das tschechische Aussenministerium. Vizeaussenminister Pavel Telicka interveniert beim österreichischen Botschafter Klas Daublebsky, mit dem er am kommenden Montag über das südböhmische Atomkraftwerk Temelin sprechen möchte, damit Telicka zufolge bilaterale Gespräche die in Zukunft geführt werden müssen nicht unnötig mit dieser Frage belastet würden. Die tschechische Atomsicherheitsbehörde forderte die Betreiber von Temelin am Freitag zur Wiederholung eines Testlaufs auf. Bei der Vorbereitung zum Anfahren des Reaktors sei am Donnerstag ein Teil des Probebetriebes nicht erfolgreich verlaufen.

STOIBER GEGEN INBETRIEBNAHME DES ATOMMEILERS

Der bayrische Regierungsvorsitzende Edmund Stoiber rief den tschechischen Premier, Milos Zeman in einem Brief auf, den Atommeiler Temelin nicht in Betrieb zu nehmen. Der bayrische Umweltminister Walter Schnappauf gab am Freitag bekannt, dass Stoiber verlange, dass man Temelin erst in Betrieb nehme, wenn alle Sicherheitsstandards geklärt seien.

TSCHECHISCHE UND DEUTSCHE FRAUEN SUCHEN DIALOG

Im nordböhmischen Liberec Reichenberg suchen rund 80 tschechische und deutsche Aktivistinnen an der internationalen Konferenz Agenda 21, die durch das Tschechisch-deutsche Frauenforum veranstaltet wird, den gemeinsamen Dialog, da laut der Sprecherin Valka Hozakova die Frauen überall auf der Welt ähnliche Sorgen hätten. Ziel des Wochenendtreffens ist es, die Teilnehmerinnen mit der Agenda 21 vertraut zu machen, die 1992 an der UNO Umweltkonferenz in Rio de Janeiro verabschiedet wurde.