Nennen Sie mich Ausländer: Frust und Stolz in Milena Odas neuem Roman

Foto: Bohemian Paradise Press

Milena Oda ist eine tschechische Schriftstellerin, die auf Deutsch schreibt. Ihr Debüt-Roman hieß „Nennen Sie mich Diener“, sie war auch für den Bachmann-Preis nominiert. Sie hat fast zehn Jahre in Berlin gelebt und hat aus ihrer Erfahrung, als Tschechin in Deutschland zu leben und zu schreiben, eine neue Erzählung geschrieben. Im Kultursalon spricht sie über ihr neuestes Buch.

Foto: Bohemian Paradise Press
Milena, deine neue Erzählung heißt: Nennen Sie mich Ausländer. Warum der Titel, Ausländer ist ja auf Deutsch etwas negativ konnotiert?

„Sicherlich, hinter dem Titel ‚Nennen Sie mich Ausländer’ steht eine gewisse Absicht. Mein erster Roman hieß ‚Nennen Sie mich Diener’, und daran habe ich mit dem neuen Titel absichtlich angeknüpft. Denn Diener und Ausländer, dass sind fast die gleichen Rollen: Der Diener wird gedemütigt, er spielt eine niedrigrangige Rolle in der Gesellschaft. Und der Ausländer ist für mich ebenfalls eine Person, die einen niedrigen Rang einnimmt. Warum, das erkläre ich, und wieso, das frage ich.“

Du schreibst über die Demütigungen, die man als Ausländer in Deutschland erfährt. Du hast ja selber zehn Jahre in Deutschland gelebt, ist die Erzählung aus Frust entstanden?

Milena Oda (Foto: Archiv von Milena Oda)
„Ich sage ganz direkt: Aus Frust und aus einem Trauma. Ich lebe in Deutschland seit dem Jahr 2000 und seit zwei, drei Jahren auch in Los Angeles. Aber die zehn Jahre in Deutschland waren wirklich Jahre der Demütigung und des Traumas. Erstmal wurde ich, als Tschechin in Tschechien, nicht verstanden, warum ich auf Deutsch schreibe. Und in Deutschland wurde die Frage auch immer wieder gestellt: ‚Warum schreibst du auf Deutsch?’ Damals, 2000 bis 2005 war es noch nicht so üblich, dass Ausländer, abgesehen von Kindern vom Emigranten, die deutsche Sprache zum Schreiben wählten. Aber ich habe mich freiwillig entschieden, auf Deutsch zu schreiben. Das Trauma entstand dann, weil ich mit Osteuropa, also mit etwas Negativem, verbunden wurde. Ich wurde dann abgelehnt, auch wenn ich auf Deutsch geschrieben habe, wie eine Deutsche. Mein Buch wurde zu Literaturwettbewerben ausgesucht, wo sonst nur Deutsche ausgewählt wurden und ich wurde zunächst nicht als Tschechin erkannt. Erst als ich den Mund aufgemacht habe und die Menschen plötzlich meinen Akzent gehört haben, war ich die Tschechin. Das beschreibe ich auch im Buch: Der Akzent und die Grammatikfehler schieben dich sofort in die Schublade ‚Ausländer’!“

Foto: Verlag Schumachergebler
Nun ist es aber nicht so, dass die Erzählung ein rein negatives Buch ist, man liest auch einen gewissen Stolz heraus, den du in den Begriff hineininterpretierst. Ist das so?

„Ja, das ist so. Denn ich habe gemerkt, dass ich eigentlich kein negativer Mensch bin, auch wenn ich Ausländer bin. Ich habe es ja selbst gewählt. Dann bin ich in die USA gereist und es war wie eine Heilung. Dort habe ich begriffen, dass ich Europäerin bin und dass die Amerikaner stolz auf mich sind, weil ich gekommen bin und sie mir begegnen können. Und das ich auch auf mich selbst stolz sein soll. Natürlich sind dann in den USA wieder andere Ausländer benachteiligt, meistens die Mexikaner und daran habe ich gemerkt, wie die Kausalketten funktionieren: wer sind die Ausländer und wer ist der Herr? Also, wer ist der Diener und wer ist der Herr? Das Problem des Ausländers haben wir in Europa überall, nicht nur in Deutschland: Denn sobald man sein eigenes Land verlässt ist man entweder Tourist oder Ausländer. Wenn man sich dann versucht anzupassen, wird es ein Problem. Man wird nicht angenommen, sondern immer als Ausländer betrachtet. Bis heute erfahre ich immer wieder Ablehnung, weil ich nicht zur Kultur gehöre, und ich behaupte immer noch, dass Deutsch nur zu Deutschland gehört. Das finde ich traurig, vor allem im Literaturbetrieb ist diese Auffassung sehr stark. Ich möchte das gerne ändern, vielleicht auch mit diesem Buch.“

Woher glaubst du, kommt die Arroganz von Einheimischen gegenüber Zugereisten?

„Das hat etwas mit Intelligenz und kultureller Offenheit zu tun. Es hängt auch davon ab, wie ein Mensch reist, wie viele Erfahrungen er dabei sammelt, inwieweit er offen ist und wie ihn seine Familie geprägt hat. Natürlich ist die deutsche Geschichte sehr stark im negativen Sinne mit dem Ausländersein verbunden. Ich habe aber auch sehr viele Leute getroffen, die mir das Gegenteil bewiesen haben: Du bist willkommen, es ist doch toll, dass du da bist. Arroganz entsteht dadurch, dass man als Zugereister, auch in ein Dorf aus einem anderen Dorf oder einer Stadt, ein Vertriebener ist, weil man die Sicherheit der Einheimischen nicht hat. Die Einheimischen verstecken sich hinter der Stadt oder hinter dem Land. Das Land oder der Staat gibt ihnen Sicherheit und Schutz. Wenn man Ausländer ist, dann hat man diesen Schutz und diese Sicherheit nicht. Dann kommt die Frage auf, wer stärker ist. Der Einheimische, weil er den Schutz der Nachbarn hat, seine Routine und seine Gewohnheiten? Oder der Ankommende, der bleibt, etwas erlebt und dann wieder geht? Das stelle ich in Zusammenhang mit vielen Menschen, die meistens nur sich selbst sehen und niemanden anderen.“

Helena Dědičová (Foto: Archiv der Universität Hradec Králové)
Du hast, als Tschechin, das Buch auf Deutsch geschrieben. Du hast dich bewußt entschieden auf Deutsch zu schreiben, weil du ja auch deine anderen Bücher alle auf Deutsch publiziert hast. Wäre es nicht einfacher gewesen, über solch ein kompliziertes Thema in der Muttersprache zu schreiben? Oder ist gerade das Ausländer-Sein besonders gut in der Fremdsprache zu beschreiben?

„Das kann ich jetzt gerade gut beschreiben: Für mich ist es überhaupt nicht schwierig, auf Deutsch zu schreiben! Im Gegenteil, es ist ein Genuss, auch wenn jeder Text eine Herausforderung ist. Ich habe die Erzählung gerne auf Deutsch geschrieben, weil dieser Frust und dieses Trauma ja in Deutschland entstanden sind. Jetzt habe ich eine tschechische Übersetzung erhalten, von Helena Dědičová aus Hradec Králové / Königsgrätz. Ich habe sie dann sofort gefragt, ob ich etwas ändern darf. Nicht, weil sie etwas falsch übersetzt hätte, sondern weil ich plötzlich gemerkt habe, wie ich etwas neu wahrgenommen habe, in meiner tschechischen Muttersprache. Dazu gehörten neue Konnotationen, neue Vorstellungen und neue Assoziationen. Vielleicht werde ich daher den deutschen Text noch mal bereichern und neu editieren. Auf jeden Fall aber sind beide Texte nicht eins zu eins vergleichbar, wenn ich sie publiziere.“

Du hast die Erzählung in deinem eigenen Verlag publiziert, es ist die erste Veröffentlichung. Warum gehst du diesen Weg?

„Ich schreibe ja meine eigenen Texte und gehe nicht auf Politik, auf Prag oder auf andere Zusammenhänge ein, die man von einer Tschechin erwartet. Daher hatte ich immer wieder Schwierigkeiten und Probleme, mit den Verlegern über meine Bücher zu sprechen: Warum der Diener? Warum der Schumacher? Diese Figuren, die nicht direkt etwas mit der Politik zu tun haben, wo die Politik eher als Metapher in der Sprache versteckt ist, waren schwer zu vermitteln. Ich habe mich dann entschieden, als ich in den USA war, in Los Angeles, meinen eigenen Verlag zu gründen. Daher auch der englische Name, Bohemian Paradise Press. Ich habe das Ziel, auch andere Autoren zu publizieren, die ebenso eigenwillig wie ich in ihrer eigenen, persönlichen Sprache schreiben wollen, und die auch Probleme haben, zu publizieren, deren Texte auch eine gewisse Herausforderung für die Leser sind. Mit dem ersten Buch ‚Nennen Sie mich Ausländer’ war es ein Sprung ins kalte Wasser. Self-Publishing, Selbstverlag, das machen eigentlich viele Menschen. Weil sie nicht vor der Entscheidung stehen wollen: Soll ich weiter warten oder will ich weiter aktiv sein, als Autor? Das bedeutet für mich auch die absolute Freiheit. Ich kann einfach schreiben und publizieren, was ich will. Natürlich ist es etwas ganz anderes, als wenn der Verleger hinter dir steht, mit all seinen Werbemöglichkeiten. Aber ich bin schon daran gewöhnt, hinter mir selbst zu stehen und etwas für mich tue. Das ist auch eigentlich eine große Freude, denn das Beste ist es ja, in sich selbst zu investieren.“