NIDM-Untersuchung: Wie geht es eigentlich den 6- bis 15-jährigen Tschechen?

Sie gelten in aller Regel als Symbol für die Zukunft, als Hoffnung der Erwachsenen nicht nur auf eine Rente, sondern auch vielleicht auf eine bessere Welt: Kinder. In den letzten Jahren aber wird der Draht zwischen der Welt der Erwachsenen und der Welt der Kinder- und Jugendlichen immer dünner. Nicht zuletzt, weil Kinder auf der Welle der neuen Medien den Erwachsenen davon surfen. Das tschechische Bildungsministerium hat gemeinsam mit dem Nationalen Institut für Kinder und Jugendliche (NIDM) das Projekt „Schlüssel zum Leben“ (Klíče pro život) initiiert. Dabei wird mit Unterstützung der EU untersucht, welche Werteorientierung die 6- bis 15-Jährigen haben und wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind. Christian Rühmkorf sprach darüber mit Miroslav Bocan vom Nationalen Institut für Kinder und Jugendliche.

Miroslav Bocan
Miroslav Bocan, sie befassen sich professionell unter anderem mit der Frage, wie es Kindern und Jugendlichen in Tschechien geht, was sie treiben und was sie dabei motiviert. Sie sind Mitarbeiter des Nationalen Instituts für Kinder und Jugendliche – das ist dem Bildungsministerium unterstellt. Was ist die Aufgabe dieses Instituts?

„Das Nationale Institut für Kinder und Jugendliche hat in erster Linie die Aufgabe, Organisationen, die sich mit Kindern und Jugendlichen und deren Freizeit befassen, methodisch zu unterstützen. Das können staatliche Organisationen sein oder auch NGOs.“

Sie haben kürzlich eine Untersuchung zur Werteorientierung und Zufriedenheit der jungen Tschechen im Alter von 6 – 15 Jahren durchgeführt. Ihre Einschätzung kurz vorab: Geht es diesen tschechischen Kindern und Jugendlichen im Ganzen eher gut oder schlecht?

„Wenn wir das irgendwie allgemein formulieren wollen – tschechischen Kindern geht es im Grundsatz gut. Aber darauf hat eine ganze Reihe von Faktoren Einfluss. Unter anderem aus was für einer Familie sie kommen. Darunter sind natürlich auch Kinder, die aus ärmeren Familien kommen, die eher am Rande der Gesellschaft stehen. Die sagen Ihnen dann natürlich, dass sie mit ihrem Leben nicht glücklich sind. Aber allgemein gilt, dass die Situation überhaupt nicht alarmierend ist; tschechische Kinder sind im Grunde zufrieden.“

Foto: Europäische Kommission
Wie sind Sie an die Kinder methodisch herangetreten und wie viele haben Sie überhaupt befragt?

„Es ist eine kombinierte Untersuchung. Es gibt einen quantitativen Teil, bei dem republikweit ein umfangreicher Fragebogen ausgegeben wurde. Wir haben insgesamt 2238 Kinder befragt. Zusätzlich gab es einen qualitativen Teil mit Gruppengesprächen. Dafür haben wir die Kinder eingeteilt in Altersgruppen von 6 – 9, von 10 – 12 und von 13 – 15 Jahren. Insgesamt haben wir mit 103 Kindern gesprochen.“

Foto: www.nidm.cz
Bei der Frage, wie zufrieden die Kinder und Jugendlichen mit ihrem Leben sind, müssen wir ein bisschen differenziert vorgehen: Zunächst Familie und Schule. Wie zufrieden sind die jungen Tschechen mit diesen Lebensbereichen?

„Was die Familie betrifft, so ist sie für alle Befragten eigentlich das A und O, denn da geschieht ja die grundlegende Sozialisierung. Familie ist bei den Kindern an erster Stelle. Bei der Frage allerdings, was sie an ihrer Familie ändern würden, kamen immer wieder Antworten wie: Die Eltern sollen wieder zusammen sein, oder: sie sollen sich nicht so viel streiten. Und was auch interessant war: Sogar 15-Jährige beschweren sich, dass ihre Eltern im Alltag nur sehr wenig Zeit für sie haben, obwohl die Jugendlichen ja in dem Alter unabhängiger sind – auch was ihre Zeit betrifft.“

Wie sieht es aus mit den Bereichen, in denen die Kontrolle der Erwachsenen teilweise geringer ist: nämlich Freizeit und Freunde? Ist da die Zufriedenheit groß bei den Tschechen zwischen 6 und 15 Jahren?

„Freunde gehören zu den wichtigsten Einflüssen im Leben der Kinder, das natürlich umso mehr, je älter sie werden. Gleichzeitig nehmen die organisierten Freizeitaktivitäten ab. Dennoch: Bei der Umfrage hat sich ergeben, dass 70 Prozent der tschechischen Kinder mindestens einer organisierten Freizeitaktivität nachgehen, meistens sind das Sport- oder Wanderaktivitäten. Das hat uns gefreut. Trotzdem: In dieser Altergruppe gibt es eine Million Kinder, und ein Viertel von ihnen, also 250.000, verbringt die Freizeit mit Freunden auf der Straße oder zu Hause. Das ist unerfreulich.“

Haben tschechische Kinder und Jugendliche ganz bestimmte Idole? Haben Sie da ganz konkrete Persönlichkeiten ermittelt?

„Dass vor allem Sportler und Sänger Vorbilder sind, ist nicht besonders überraschend. Kurz dahinter folgen die Eltern oder andere Verwandte. Erstaunlich war für uns, dass fast 50 Prozent der Kinder nicht sagen konnten, ob sie ein Vorbild haben, oder sie haben direkt behauptet, kein Vorbild zu haben. Insgesamt kommt es auch darauf an, wann die Umfrage durchgeführt wird. Unsere fand zur Zeit der Winterolympiade statt, und dadurch tauchten bei den Vorbildern vor allem Namen wie Jaromír Jágr auf oder die Eisschnellläuferin Martina Sáblíková. Gleichzeitig lief im Fernsehen die Show ´Tschechien sucht den Superstar´. Und da wurden natürlich auch Namen der Sänger und Sängerinnen genannt. Auf den letzten Rängen, was die Vorbildfunktion betrifft, liegen die Leiter der Freizeitgruppen und – wenig überraschend – die Lehrer.“

Die jüngeren Kinder haben noch kaum Vorstellungen. Einer wollte z. B. Verkäufer von Fleisch fressenden Pflanzen werden,  wie im Film ´Adele hat noch nicht zu Abend gegessen´.
Wie sieht das aus, welche Vorstellungen haben tschechische Jugendliche eigentlich von ihrer Zukunft? Ist es für sie wichtig Karriere zu machen?

„Also die jüngeren Kinder haben noch kaum Vorstellungen. Sie orientieren sich zumeist an dem, was sie im Fernsehen sehen oder aus Märchen kennen. Einer wollte zum Beispiel Verkäufer von Fleisch fressenden Pflanzen werden, wie im Film ´Adele hat noch nicht zu Abend gegessen´. Die älteren Kinder stehen schon mehr mit beiden Beinen auf dem Boden. Vor allem sind sie sich im Klaren darüber, dass es wichtig ist, die Schule abzuschließen. Und was den Beruf betrifft, bauen sie auch keine Luftschlösser. Am häufigsten nennen sie Computerexperte, Jurist oder Arzt und Tierarzt – also interessante Berufe mit gesellschaftlichem Prestige.“

Miroslav Bocan, Sie persönlich – schauen Sie optimistisch in die Welt von Morgen, wenn Sie so viel über die Kinder von heute wissen?

„Ja, ich bin da eigentlich optimistisch, die Kinder sind in der Regel mit ihrem Leben zufrieden. Aber pauschal ist das wirklich schwer zu beurteilen, denn eine Menge Kinder und Jugendliche kennt sich in der heutigen Welt überhaupt nicht aus, trotz Internet und Fernsehen. Gerade die 15-jährigen wissen kaum etwas über Politik und wenn dann nur das, was die Eltern zu Hause reden. Das ist ein Problem. Die Jugendlichen haben auch kein großes Interesse daran, sich zu engagieren. Und: Die tschechischen Kinder in dieser Altergruppe sind nicht besonders kreativ, was ihre Freizeit betrifft. Gerade die Älteren würden am liebsten nur mit Freunden auf der Parkbank sitzen, maximal vielleicht ans Meer fahren. Aber wohin genau, da hört es dann schon auf. Dennoch: im Großen und Ganzen haben wir bei unseren Gesprächen festgestellt: Die Schule ist in Ordnung, die Freunde sind in Ordnung und die Familie ist auch in Ordnung.“

Miroslav Bocan
Miroslav Bocan vom Nationalen Institut für Kinder und Jugendliche war das. In einer der nächsten Ausgaben von Forum Gesellschaft werden wir mit Ihnen noch einmal sprechen über die 15- bis 26-Jährigen und zwar über die Fragen: Wie sehr sind sie eigentlich interessiert an dem gesellschaftspolitischen Leben und wie sehr sind sie daran beteiligt. Miroslav Bocan, herzlichen Dank für das Gespräch.

„Danke für die Einladung.“