Abbé Libanský: „Die Realität sah anders aus“

Foto: Offizielle Facebook-Seite des Österreichischen Kulturforums

Im Österreichischen Kulturforum in Prag ist weiterhin eine Ausstellung zum Thema „Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren“ zu sehen. Gestaltet hat die Schau Abbé Libanský, ein aus Prag stammender Künstler, der in den 1980er Jahren nach Wien emigriert ist. Das zweite Thema der Ausstellung bezieht sich daher auch auf Österreich, nämlich 60 Jahre seit dem Staatsvertrag der Alpenrepublik. Was es mit dem Projekt auf sich hat und wie er sich damals in der Emigration zurechtgefunden hat, darüber nun ein Interview mit Abbé Libanský.

Abbé Libansky  (Foto: Offizielle Facebook-Seite des Österreichischen Kulturforums)
Herr Libanský, die Ausstellung, die Sie hier in Prag zeigen, heißt „Vier im Jeep“. Warum dieser Titel?

„Das war eigentlich der Arbeitstitel, aber die ‚Vier im Jeep‘ sind schon das Thema der Ausstellung. In der Umbenennung hätte der Titel ‚Joe and Ivan‘ gelautet. In der amerikanischen Presse hieß es in den 1950er Jahren nämlich, und ich habe auch in der Ausstellung dazu einige Original-Pressemeldungen: ‚Ivan und Joe leben ganz harmonisch in Wien zusammen.‘ Es gibt sogar Fotos, wie die Soldaten gemeinsam auf der Parkbank sitzen und eine Zigarette rauchen. Dies ist auch die Zeit der ‚4 im Jeep‘, der Militärpatrouille, die zehn Jahre lang vom Kriegsende bis 1955 in der geteilten Stadt Wien für Ordnung gesorgt hat.“

Foto: Offizielle Facebook-Seite des Österreichischen Kulturforums
Sie zeigen aber auch, dass die Realität teilweise anders aussah, als dieses harmonische Bild…

„Genau, das will ich damit zeigen. Vor allem hier in Tschechien ist das Thema komplett unbekannt, wie ich festgestellt habe. Man ist sich nicht einmal bewusst, dass Österreich und Wien wirklich bis zehn Jahre nach dem Krieg geteilt waren. An der Schule wurde das nicht unterrichtet, und selbst an der Universität hat man das nicht so richtig gelernt. Die Leute hierzulande haben davon keine Ahnung, ich habe es auch nicht gewusst, dabei ist es extrem spannend.“

Österreichisches Kulturforum in Prag  (Foto: Archiv des Kulturforums)
Haben Sie diese Installation speziell für das Kulturforum in Prag erstellt?

„Diese Ausstellung ist speziell für Prag gemacht. Es hat lange gedauert. Ich habe ein Jahr lang das Material gesammelt, denn die Ausstellung besteht aus zwei Teilen. Unten ist die künstlerische Installation, und im ersten Stock sind verschiedenste Dokumente, damit man auch ein bisschen Gefühl für die Zeit erhält – die Zeit des Kalten Kriegs. Unten schaut es aber gerade nicht so aus – das ist die Pseudoidylle, in der die Russen mit den Alliierten angeblich so gut zusammengelebt haben. Oben sieht man dann anhand der Dokumente, dass dies gar nicht so war. Genau dieser Unterschied zwischen offizieller und realer Politik ist mein Thema. Und die Diskrepanz zwischen internationaler Politik und den Einzelschicksalen besteht bis heute.“

Sie leben seit 1982 in Wien und sind damals aus der Tschechoslowakei ausgebürgert worden. Wie war für Sie diese erste Zeit in Wien?

„Ich wollte so weit weg wie möglich.“

„Das war eine ziemlich schräge Zeit. Als ich die Tschechoslowakei zusammen mit meiner Familie verlassen hatte, dachte ich: Wenn ich schon weggehe, dann soweit wie möglich. Das waren für mich Australien, Neuseeland. Das hat nicht geklappt, weil es sehr kompliziert gewesen wäre. Deswegen bin ich eben in Wien geblieben. Die Wiener und die Prager sind sich allerdings sehr ähnlich. Und ich dachte mir die ganze Zeit. Genau davon bin ich eigentlich weggerannt – wenn auch nicht ganz freiwillig. Von dieser Mentalität, der Stimmung und so weiter. Tatsächlich stimmt das nicht so ganz, aber im ersten Eindruck war das für mich sehr ähnlich. Auf der anderen Seite war das vorteilhaft: Ich habe mich sehr schnell orientiert, habe die Sprache und die Stadt kennengelernt. Andererseits war diese Ähnlichkeit ein bisschen erschreckend.“

Foto: Offizielle Facebook-Seite des Österreichischen Kulturforums
Haben Sie eigentlich schon damals in der Tschechoslowakei mit Kunst begonnen, oder ist der Impuls erst in Wien gekommen?

„Ich habe immer schon fotografiert und Collagen gemacht, aber eher so nebenbei. In Wien hat sich das irgendwann so entwickelt, und ich habe mich selbständig gemacht. Das hat natürlich auch ein paar Jahre gedauert, denn ich musste ja die Familie mit den kleinen Kindern ernähren. Aber es hat sich irgendwie ergeben, und – Gott sei Dank – funktioniert das bis jetzt.“

Sie leben weiterhin in Wien. Haben Sie aber auch ein Standbein in Tschechien?

Foto: Offizielle Facebook-Seite des Österreichischen Kulturforums
„Hab ich. Ich lebe in Wien, ich liebe Prag. Ich bin ein typischer Prager, komme aus dem Stadtteil Bubeneč, habe auf der Kampa gewohnt – zentraler geht’s nicht. Aber ich möchte eigentlich nicht zurück nach Prag. Erstens ist das unsinnig – Wien ist nur dreihundert Kilometer weit entfernt, mit dem Zug bin ich in vier Stunden da. Und hier müsste ich auch neu beginnen, Wohnungssuche, Job und so. Und zweitens ist mir Prag im Moment noch immer zu hektisch. Wenn ich aus Wien nach Prag komme, habe ich das Gefühl, hier läuft alles um zwanzig Prozent schneller. Aber ich habe nicht weit von Slavonice ein Haus, und dort bin ich sehr oft wie auch überhaupt in Tschechien. Allerdings in Prag nicht so oft.“


Foto: Offizielle Facebook-Seite des Österreichischen Kulturforums
Die Ausstellung von Abbé Libanský ist noch bis 29. Januar im Österreichischen Kulturforum in Prag zu sehen.

Autor: Till Janzer
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