Gemeinsames Gedenken: Das Massaker von Aussig vor 70 Jahren

Foto: SchiDD, Wikimedia CC BY-SA 3.0

Vor 70 Jahren kam es in Ústí nad Labem / Aussig an der Elbe zu einem der schlimmsten Massaker an Deutschen. Am vergangenen Freitag, dem Jahrestag, erinnerten aber nicht nur Vertreter der Sudetendeutschen und der heutigen Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien an dieses traurige Ereignis.

Beneš-Brücke in Ústí nad Labem  (Foto: Hadonos,  Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Es waren auch Vertreter der Stadt, die am Gedenkakt teilnahmen. Sogar Věra Nechybová (Partei Ano), Oberbürgermeisterin von Ústí nad Labem, hielt eine kurze Ansprache auf der Beneš-Brücke.

Gerade diese Brücke symbolisiert die Jagd eines wütenden Mobs auf die deutschen Bewohner der Stadt. Am 31. Juli 1945, der Krieg war zu dem Zeitpunkt fast drei Monate, ging die Meute auf die Deutschen los – mit bloßer Faust, Zaunlatten und Prügeln. Karl-Heinz Kralowetz war damals 15 Jahre alt. Er kam aus der Arbeit, schob sein Rad nach Hause, als zwei tschechoslowakische Offiziere ihn in die Schule lotsten.



Die Sudetendeutschen in Ústí nad Labem  (Foto: Archiv des Museums der Stadt Ústí nad Labem)
„In der Schule war ein Tisch schräg gestellt, mit zwei Füßen auf einem anderen Tisch. Da musste ich mich ausgezogen drauflegen. Ich bin dann ausgepeitscht worden und musste jedes Mal sagen: ‚Ich danke meinem Führer´. Nach ungefähr 20 Schlägen durfte ich mich wieder anziehen. Ich bin blutunterlaufen weiter nach Hause. Dann kommt mein Vater heim mit meiner Mutter, auch blutunterlaufen. Er hat im Riunione-Haus gearbeitet, meine Mutter hat unten auf ihn gewartet. Er kam runter, und sofort sind sie auf ihn los und haben ihn auch geschlagen. Niemand hat gewusst warum.“

Die Familie Kralowetz hatte noch Glück. Andere bezahlten mit ihrem Leben. Auf der heutigen Beneš-Brücke zum Beispiel wurden deutsche Arbeiter abgefangen. Man warf sie in die Elbe und erschoss sie von oben. Ihre Leichen trieben bis nach Pirna. Mindestens 50 deutsche Bürger der Stadt sollen so und auf andere Weise ermordet worden sein, manche Historiker nennen auch 100 oder 200 Todesopfer.

Václav Houfek  (Foto: ČT24)
Kurz vor dem Wutausbruch des Mobs hatte es in einem Sammellager für erbeutete Munition der Wehrmacht eine verheerende Explosion gegeben. Und sofort wurde den Deutschen ein Sabotageakt vorgeworfen. Wie diese Explosion und das Massaker miteinander zusammengehangen haben, ist bis heute unklar. Laut damaligen Zeugenaussagen waren es jedoch gar nicht die tschechischsprachigen Bewohner der Stadt, die über ihre deutschen Mitbürger herfielen. Václav Houfek leitet das Museum der Stadt Ústí nad Labem.

Bernd Posselt  (Foto: ČT24)
„Es waren Auswärtige, die sich in der Stadt aufhielten. Die örtlichen Tschechen versuchten die deutsche Bevölkerung zu schützen. Sie waren häufig auch Ziel der Angriffe jener, die die deutsche Bevölkerung lynchten.“

Am vergangenen Freitag erinnerten Vertreter der Sudetendeutschen und der heutigen deutschsprachigen Minderheit in Tschechien an diese Vorkommnisse. Bernd Posselt, Sprecher der sudetendeutschen Volksgruppe:

Gedenktafel zur Erinnerung an das Massaker  (Foto: SchiDD,  Wikimedia CC BY-SA 3.0)
„Es war ja die Oberbürgermeisterin persönlich anwesend. Das war außergewöhnlich, das hat es bis jetzt noch nie gegeben. Ich sehe darin einen weiteren Schritt in der Bewegung der tschechischen Politik hin zu einer Anerkennung des Unrechts der Vertreibung. Davon bin ich sehr beeindruckt. Ich glaube wirklich, dass nun in der tschechischen Politik etwas in Bewegung gekommen ist, ausgehend von der Zivilgesellschaft.“

In diesem Jahr war Ähnliches bereits passiert, als an den Todesmarsch von Brno / Brünn gedacht wurde. Und auch den Besuch von Vizepremier Pavel Bělobrádek im Sudetendeutschen Haus reiht Posselt in die neue Entwicklung ein.

Autor: Till Janzer
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