Bürgermeister und Nazi-Gegner Leopold Pölzl

Erinnerungstafel am Rathaus in Ústí nad Labem an Leopold Pölzl (Foto: RomanM82, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

„Die im Dunkeln leben“ heißt ein Buch, das vom Stadtmuseum in Ústí nad Labem / Aussig herausgegeben wurde. Es umfasst eine Auswahl von Sozialreportagen aus der Feder von Leopold Pölzl (1879-1944). Der Sozialdemokrat war vor dem Zweiten Weltkrieg Bürgermeister von Aussig, wie das heutige Ústí auf Deutsch heißt.

Erinnerungstafel am Rathaus in Ústí nad Labem an Leopold Pölzl (Foto: RomanM82, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)
Leopold Pölzl hat in seinen Reportagen die Zustände in den Armenvierteln von Aussig beschrieben. So besuchte er in den 1920er Jahren auch eine der Wohnungen jener Menschen, die „im Dunkeln leben“, Zitat:

„Ein Krankheitsherd übelster Art ist die ,Wohnung‘ der Familie Franz B. im Hofgebäude des Hauses Große Wallstraße Nr. 445/28. In einem früher als Stall verwendeten einfesterigen Loch, in das man durch eine einfache, sehr schlecht schließende Glastüre, durch die das Regen- und Schneewasser in die ,Wohnung‘ dringt, direkt vom Hofe aus eintreten kann, wohnen je drei weibliche und männliche Personen … sowie ein eineinhalbjähriger Junge. Sieben Menschen müssen in diesem Raum, der nur 75 Kubikmeter Luftrauminhalt hat, in dem gekocht, Wäsche gewaschen und geschlafen wird, leben. Bis zur gewölbten Decke hinaus sind die Wände durchnässt, so dass Einrichtungsstücke, die an den Wänden stehen, oder Kleidungsstücke, die daran hängen, verderben….Nach ärztlichem Ausspruch ist die ,Wohnung‘ ein Krankheitsherd übelster Art…“

Wohnbude und -hütte in Ústí nad Labem-Klíše (Quelle: Buch „Die im Dunkeln leben“, Stadtmuseum Ústí nad Labem, 2019)
Dieser Text stammt von 1928 – genauso wie die Reportage über einen Kellerraum, den ein Schuhmacher mit seiner Familie bewohnt und in dem er auch seine Werkstatt betreibt. Pölzl schildert zudem beispielweise das Leben in den Slums von Ústí, es waren Bretterbuden im Stadtteil Kleische.

Im Stadtmuseum von Ústí wurde vergangene Woche die Sammlung der Sozialreportagen von Leopold Pölzl feierlich vorgestellt. Das Buch ist zweisprachig, Deutsch und Tschechisch. Die Veröffentlichung erfolgte anlässlich des 75. Todestags des Politikers in Zusammenarbeit mit der Seliger-Gemeinde. Pölzl sei eine bedeutende Persönlichkeit in der Geschichte von Aussig gewesen, erläuterte Museumsleiter Václav Houfek.

„Er stammte aus Niederösterreich und kam vor dem Ersten Weltkrieg nach Aussig. Er war Sozialdemokrat, der Partei blieb er sein ganzes Leben lang treu. Pölzl setzte sich in der Kommunalpolitik durch. In den Jahren 1919 bis 1938 war er entweder Bürgermeister oder erster stellvertretender Bürgermeister der Stadt. Aussig wurde in der gesamten Zeit der Ersten Republik durch seine Arbeit geprägt.“

Unter Aufsicht der NS-Behörden

Foto: Gabriela Hauptvogelová, Archiv des Tschechischen Rundfunks
Als Mitglied der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei gehörte Pölzl zu den Befürwortern der demokratischen Tschechoslowakischen Republik. Damit stand er ab den 1930er Jahren im Konflikt mit der Sudetendeutschen Partei. Er war eine der Persönlichkeiten der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei, die vom NS-Regime verfolgt wurden. Entscheidend wurde die Abtretung der Sudetengebiete an Deutschland, die Hitler im sogenannten Münchner Abkommen vom 30. September 1938 durchgesetzt hatte.

„Nach dem Münchner Abkommen wurde ihm angeboten, ins Exil zu gehen. Pölzl lehnte es aber ab, die Stadt zu verlassen, die ihm fast sein ganzes Leben lang am Herzen gelegen hatte. Als die Wehrmacht am 6. Oktober 1938 dann Aussig besetzte, wurde Leopold Pölzl von fanatischen Nationalsozialisten auf der Straße fast gelyncht. Absurderweise rettete ihn damals die Gestapo vor einem brutalen Tod. Sie nahm ihn fest und brachte ihn in die U-Haft nach Dresden, wo er monatelang eingesperrt war. Er wurde schließlich freigelassen. Aber während des gesamten Krieges stand er unter der Aufsicht der NS-Behörden. Seine Tochter wurde ins KZ verschleppt. Pölzl starb am 1. September 1944 in einem Krankenhaus in Aussig. Sein Tod geht wohl auf das Konto nationalsozialistischer Ärzte. Diese haben vermutlich keine medizinische Hilfe geleistet, obwohl er diese gebraucht hätte. So haben einige Zeitzeugen behauptet, die Ärzte hätten zu seinem Tod beigetragen.“

Václav Houfek (rechts). Foto: Gabriela Hauptvogelová, Archiv des Tschechischen Rundfunks
Pölzls Begräbnis fand zwar unter der Aufsicht der Gestapo statt. Doch der Trauerzug wurde Houfek zufolge zu einer der größten Demonstrationen gegen das NS-Regime während des Zweiten Weltkriegs in Nazi-Deutschland. Mehrere Hundert Menschen nahmen an der Bestattung teil und überschütteten Pölzls Grab mit Nelken – also dem Symbol der Sozialdemokraten.

„Nach dem Kriegsende, als die deutschsprachigen Bewohner der Stadt massenweise vertrieben wurden, sorgten die österreichischen Sozialdemokraten dafür, dass die Urne in Pölzls Heimatstadt gebracht und dort bestattet wurde. Erst in den 1990er Jahren wurde am Rathaus von Ústí eine Gedenktafel für Pölzl enthüllt. Diese ist eine Replik der Gedenktafel, die die Mitglieder der Seliger-Gemeinde am Aussiger Platz in München installieren ließen. Die Seliger-Gemeinde ist 1951 von sudetendeutschen Sozialdemokraten gegründet worden.“

Sozialreportagen über Wohnungselend

Werbung der Tageszeitung Sozialdemokrat, 1927 (Quelle: Archiv der Seliger Gemeinde Bayern)
Leopold Pölzl war Václav Houfek zufolge ein sehr aufgeschlossener Politiker und ein hervorragender Redner. Aber nicht nur das, wie der Museumsleiter sagt:

„Er war zudem ein begabter Journalist. Sein ganzes Leben lang schrieb er Artikel für sozialdemokratische Zeitungen und Magazine. Wir haben drei seiner Reportagen aus den 1920er Jahren für das Buch ausgesucht. Ihr Thema – der Wohnungsmangel – ist auch heute aktuell. Pölzl beschrieb die dunkle Seite der Ersten Republik, die nicht nur einen Aufschwung bedeutete, sondern auch viel Not in den Industrieregionen. Beim Lesen seiner Reportagen bekommt man den Eindruck, als ob er Slums in einem Entwicklungsland beschrieben hätte. Die Not war in diesen Stadtvierteln allgegenwärtig. Pölzl hatte in den 1920er Jahren große Verdienste um den Bau von Sozialwohnungen und um die Unterstützung des Genossenschaftswohnbaus.“

Die Häuser, die unter Leopold Pölzl von dessen Stadtarchitekt Franz Josef Arnold erbaut wurden, gelten heutzutage als gute Adressen. Sie befinden sich im Stadtteil Klíše und auch am Schreckensteiner Ufer.

„Bis heute werden auch weitere Bauten genutzt, die unter Leopold Pölzl entstanden sind. Dazu gehören beispielsweise die hiesige Beneš-Brücke, viele Schulgebäude, die öffentlichen Bäder in Schreckenstein und in Klíše. Dies alles entstand in den 1920er und 1930er Jahren, als Pölzl die Stadt verwaltete und dabei schwierige Probleme zu lösen hatte wie die Folgen der Weltwirtschaftskrise. Gerade Aussig war stark von der Krise betroffen.“

Klíše / Kleische (Foto: Zaerikk, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)
Zu Ende des Zweiten Weltkriegs benannte sich auch eine Widerstandgruppe nach Leopold Pölzl.

„Dieser Widerstandsgruppe gelang es, mehrere Bauten zu retten, die damals für das Leben in der Stadt wichtig waren und die die Nationalsozialisten in die Luft sprengen wollten. Es handelte sich um die Schleusen unterhalb der Burg Schreckenstein, um die Brücken sowie um einige bedeutende Gebäude im Stadtzentrum.“

Leopold Pölzl ist hierzulande mit den Jahren fast in Vergessenheit geraten. Nur Lokalpatrioten könnten mit dem Namen des mutigen Kommunalpolitikers noch etwas anfangen, meint Václav Houfek. Das neu erschienene Buch erinnert nicht nur an den Bürgermeister und Reporter Pölzl, sondern vermittelt auch eine Vorstellung vom Leben in den damaligen Armenvierteln der Stadt. Die Reportagen sind durch mehrere Fotografien ergänzt.

„Die Fotos sind Kopien von Bildern aus Pölzls Artikeln. Denn die Originalfotos sind nicht erhalten. Aber zu vielen Orten, die er beschrieben, aber nicht bebildert hat, haben wir Fotos aus der Museumssammlung hinzugefügt.“


Das Buch „Die im Dunkeln leben“ ist im vergangenen Jahr vom Stadtmuseum in Ústí nad Labem herausgegeben worden.