Designer Petr Novague: „Tschechen sind sehr langsam.“

Petr Novague (Foto: Eva Dvořáková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Petr Novák ist ein begabter Designer aus Tschechien, der weltweit Erfolge feiert. Inzwischen hat er seinen Markennamen zu seinem eigenen gemacht, und nennt sich Novague wie sein Studio. Schon zweimal wurde er mit einem der prestigeträchtigsten Design-Preise der Welt Red Dot ausgezeichnet, und zwar für seinen Aluminiumstuhl Edge und das Überspannungsschutzgerät Saltek. Er entwarf unter anderem das Design des Smartphones Verzo, das Konzept für den Škoda Erko, das Fahrrad Favorit und das Sodagerät Limobar. Für den letztgenannten Entwurf wurde Novague Ende Februar in München mit dem iF Design Award 2015 geehrt. Kurz danach war er im Tschechischen Rundfunk zu Gast.

Petr Novague  (Foto: Eva Dvořáková,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Ende Februar trafen sich rund 2.000 Gäste aus der internationalen Designszene, aus Medien, Wirtschaft und Politik in München, um die Preisträger des iF DESIGN AWARD 2015 zu feiern. Unter den Laureaten war auch der junge tschechische Designer Petr Novague.

„Ich habe es sehr genossen. Ich liebe solche Gelegenheiten, bei denen meine Arbeitspflichten auf einmal einen neuen Sinn bekommen. Man sieht dort, dass auch andere Menschen nach den gleichen Dingen streben wie ich, und dass es für dieses Streben gewisse Regeln gibt, die objektiv bewertet werden können.“

Der iF Design Award ist ein renommierter europäischer Preis, der in mehreren Kategorien verliehen wird.

„Mehrere tausend Design-Studios haben ihre Produkte für den Wettbewerb gemeldet. Das interessante für mich war, dass ich in eine Gruppe von großen Namen gekommen bin. Ich stand bei der Präsentation neben den Designern von bedeutenden Autoherstellern, von Bosch, von Philips und weiteren Firmen, und zwar mit einem kleinen Team und einem kleinen Produkt. Trotzdem wurde ich ernst genommen, und meine Arbeit wurde unter die Top-Produkte aufgenommen. Meine Freude darüber lässt sich kaum in Worte fassen.“

Konzept für den Škoda Erko  (Foto: Petr Novague)
Petr Novague erklärt Spezifika der einzelnen Kategorien des Design-Wettbewerbs:

„Es gibt mehrere Kategorien, weil an jede Gruppe von Gegenständen andere Ansprüche gestellt werden. In der Automobilindustrie geht es um das Styling, darum, was man im Englischen Design-Language nennt. Damit ist der Ausdruck des Produkts mittels der Form gemeint. Die Funktion ist bei Fahrzeugen eindeutig festgelegt, und der Ausdruck wird wesentlich höher bewertet als die Funktion. Dagegen gibt es zum Beispiel Produkte für medizinische Zwecke, bei denen zum Beispiel eine innovative Ergonomie von großer Bedeutung ist. Der Gegenstand muss überhaupt nicht schön sein, doch man honoriert es, wenn durch die neue Form eine Verbesserung erzielt wird. Deswegen könnte man solche Gegenstände nicht vergleichen und deswegen gibt es mehrere Kategorien.“

Sodagerät Limobar von Petr Novague  (Foto: Archiv Limobar)
Der Begriff Design habe heute eine sehr breite Bedeutung, sagt Petr Novague. Auch ein Innenarchitekt, der Wohnungen entwerfe, nenne sich heute Designer. Jeder betrachte sich heute als Designer, weil dieser Begriff sehr sexy sei. Das führe aber zu Verwirrungen. Novague definiert Design kurz und bündig.

„Um Design geht es bei allen Gegenständen, die in Serie hergestellt werden. Es sind Serienprodukte, für die es eine allgemeine Ästhetik geben muss. Die Schlüsselwörter für das Design sind der Preis, die Marke, das Material, die Technologie, die Form und die Funktion.“

Die Menschen würden durch die Dinge geformt und gebildet, mit denen sie sich umgeben, meint der Designer:

Design des Fahrrads von Petr Novague  (Foto: Archiv von Petr Novague)
„Das gilt zu hundert Prozent. Die Menschen haben keine andere Möglichkeit, als sich durch Gegenstände zu definieren. Sie haben bisher nichts Besseres gefunden. In der Urzeit hat man sich mit Knochen und unterschiedlichen Ledern geschmückt. Heute präsentiert man sich dadurch, was man für ein Handy hat, wo man wohnt, welche Kleidung man trägt, welche Bücher man liest. Das alles sind Produkte. Sie definieren und beeinflussen den Menschen und sind ein Ausdrucksmittel für die Umgebung, eine Anweisung, wie man wahrgenommen werden soll.“

Petr Novague galt seit der Kindheit als Talent. Dazu seien noch weitere erforderliche Voraussetzungen gekommen, dank derer er sich als Designer durchgesetzt habe, meint Novague.

Aluminiumstuhl Edge von Petr Novague  (Foto: Archiv von Petr Novague)
„Dank meiner Fähigkeit, die Probleme schnell zu analysieren und das Wesentliche zu erfassen, war ich bereits im zweiten oder dritten Jahr an der Hochschule selbst unternehmerisch tätig. Ich wusste schon damals ganz genau, was ich will und wem ich nicht unbedingt zuhören muss. Man muss fähig sein, zu unterscheiden, wer bremst und aufhält und wer nicht. Das ist für einen Designer von grundlegender Bedeutung, denn an den Schulen gibt es viele Einflüsse, die einen vom Weg abbringen können. Ich habe eine Theorie: Wenn jemand im dritten Jahr an der Hochschule noch kein Geld verdient und für seinen Lebensunterhalt nicht selbst sorgt, dann kann er nach dem Studium auch kaum erfolgreich sein. Er wird kein eigenes Studio haben und wird es schwer haben, die Familie zu versorgen.“

Für Novague bleiben nach der Ausbildung genau zwei Wege zum Erfolg.

Design des Überspannungsschutzgeräts Saltek  (Foto: Archiv Saltek)
„Der eine Weg ist, sich bei einer guten Firma anstellen zu lassen und dort Erfahrungen zu sammeln. Die zweite Möglichkeit ist, ein eigenes Studio zu eröffnen. Beide Wege sind schwierig. Bis man wirklich so weit ist, muss man auch Sachen machen, mit denen man nicht ganz einverstanden ist. Also zum Beispiel für schlechtere Firmen arbeiten oder unbezahlte Praktika absolvieren.“

Petr Novague hat selbst Erfahrungen im Ausland gesammelt. Heute betreibt er sein eigenes Studio Novague, das weltweit tätig ist. Seinen üblichen Arbeitsprozess beschreibt er folgendermaßen:

„Es kommt eine E-Mail, in der mich jemand anspricht und seinen Wunsch äußert. Entweder ist es eine Firma, die bereits Produkte herstellt und diese durch eine neue, modernere oder interessantere Reihe ersetzen will. Oder ist es eine Firma, die erst vorhat, etwas zu produzieren. Wir treffen uns und es folgen weitere Treffen, bei denen ich mich mit den Vorstellungen des Kunden bekannt mache. Diese Treffen sind unentgeltlich und von größter Bedeutung. Dabei zeigt sich, ob der Kunde weiß, was er will oder nicht.“

Design des Smartphones Verzo von Petr Novague  (Foto: Archiv Certus Mercatus)
Petr Novague ist 34 Jahre alt. Er hat sich bereits weltweit durchgesetzt und zählt zu den erfolgreichsten tschechischen Designern. Dies sei vor allem zwei Dingen zu verdanken, sagte er:

„Erstens die Fähigkeit, mich schnell zu orientieren, das Problem zu analysieren und den Kern zu finden. Und zweitens die Fähigkeit, schnell zu lernen. Ich bin fähig, schnell herauszufinden, was auf dem Markt fehlt, worin die Stärke eines neuen Produkts beruhen kann. Ich bin imstande, neue Technologien zu bewältigen und mir die Fähigkeiten anzueignen, über die auch der Auftraggeber verfügt.“

Die Arbeit am Entwurf beginnt mit der technischen Seite und den Funktionen des jeweiligen Produkts. Erst danach kommt die ästhetische Seite hinzu. Petr Novague beschreibt seine Arbeit an seinem erfolgreichen Smartphone Verzo:

„Ich lege die Einzelteile, aus denen das Handy besteht, zunächst auf den Tisch. Ich spreche mit einem Experten darüber, was es bedeutet, wenn man zwei Teile verwechselt, wieviel teurer das Produkt dadurch wird, ob es funktioniert und so weiter. Daraus ergibt sich, wie breit und lang das Handy sein soll, wo sein Schwerpunkt liegt, wo sich die Konnektoren befinden sollen. Erst dann erwägt man, wie die Flächen aussehen sollen, die diese Bestandteile umhüllen. Man weiß, wo eine Spalte verlaufen muss und bemüht sich, dort eine Linie zu führen.“

Soweit der Designer Petr Novague über seine Arbeit. Und wie betrachtet er die Beziehung der Tschechen zum Design? Ist es überhaupt möglich, dafür eine allgemeine Beschreibung zu finden?

„Ich fahre 60.000 Kilometer pro Jahr durch das Land und würde sagen, dass ich viele Winkel der Tschechischen Republik kenne. Ich weiß ganz genau, welche Städte progressiv sind, wo es langweilig ist, wo man gut speist, wo es schöne Mädchen gibt. Was aber allgemein und überall gilt: die Tschechen sind sehr langsam. Das spiegelt sich auch im Design wider.“