Gegenwartskunst am Rande der Stadt: Galerie DION stellt Josef Hampl vor
Um Werke namhafter Gegenwartskünstler zu bewundern, braucht man nicht nur Ausstellungssäle im historischen Stadtzentrum der tschechischen Hauptstadt zu besuchen. Oft sind interessante Kunstpräsentationen in kleineren Galerien am Stadtrand zu sehen.
„Ich bin nicht auf eine bestimmte Sorte von Galeriebesuchern orientiert. Kunst kann jeder bewundern, egal welchen Beruf der Mensch hat. Wegen der Mietkosten habe ich die Galerie nicht im Zentrum von Prag, sondern hier eingerichtet.“
Der Name der Galerie hat nichts mit der populären Sängerin gleichen Namens zu tun, sondern wurde aus den ersten Silben der Namen des Sohns und des Mannes von Natalia Laru zusammengesetzt.
Natalia Laru stellt vor allem Gegenwartskunst in ihrer Galerie aus. Wie sie einräumt, war es nicht leicht, die neueste Ausstellung zu eröffnen. Denn erstens musste sie den Künstler, der mehr als 80 selbstständige Ausstellungen bereits hatte, zu überreden. Josef Hampl, dessen Collagen in der Galerie DION zu sehen sind, nahm bislang zudem an rund 600 Ausstellungen zusammen mit anderen Künstlern teil, von denen fast 400 im Ausland stattfanden. Unter dem Titel „Dialog“ kann man in der Galerie vor allem Hampls genähte Collagen aus der letzten Zeit bewundern. Wie entdeckte der Künstler diese ungewöhnliche Kunstform?
„Mein Vater war Schneider. Und ich habe immer etwas mit dem Nähen ausprobiert. Einmal hörte ich ihn, wie er zu meiner Mutter sagte: ´Der Junge ist verrückt geworden, er näht mit der Maschine ständig irgendwelche Papiere zusammen.´ Und dies war nur der Anfang. Ich nähte damals Papier aufs Papier, was recht kompliziert war, weil es leicht zerriss. Später entdeckte ich den Leinstoff, der für Hüte benutzt wird. Damals kaufte ich den Stoff in der DDR. Leinen war fürs Nähen besser geeignet. Damit fing ich etwa 1982 an.“Seitdem hat Josef Hampl, wie er selbst sagt, eine riesengroße Menge dieser Collagen geschaffen. An mehrere davon erinnert er sich ganz gut:
„Ich habe inzwischen etwa 120 ganz große Collagen gemacht, die etwa zwei Meter groß sind. Zudem habe ich mehrere Collagen mit Heftklammern zusammengefügt. Es gibt von mir Hunderte von Collagen, die an Briefe erinnern. Davon habe ich viele gemacht. Eigentlich könnte ich mich langsam von dieser Kunstform verabschieden.“
Eine klare Komposition des Kunstwerks bereitet Josef Hampl seinen Worten zufolge bereits vor Beginn der Näharbeiten vor, später kann einiges jedoch noch hinzukommen, sagt er. Josef Hampl war mit dem international berühmten vielseitigen tschechischen Künstler Jiří Kolář befreundet. In einem Ausstellungskatalog wurde sogar behauptet, dass es gerade Kolář war, der dem Freund geraten haben soll, mit der Nähmaschine Collagen zu nähen. Josef Hampl korrigiert diese Behauptung einigermaßen:„Jiří Kolář war mein sehr guter Freund, und er war schon immer ein Initiator des künstlerischen Schaffens. Oft hat er mich gefragt, woran ich arbeite und riet mir, versuche das und das. Aber das da mit dem Nähen war nicht seine Erfindung, dies ist wirklich mein Patent.“
Josef Hampl spricht über seine Collagen wie über einen horizontalen Dialog mit dem Material. Von digital wirkenden Landschaften entwickelten sich die Werke mit der Zeit hin zu abstrakteren Formen. Josef Hampl ist auch in Deutschland nicht ganz unbekannt, einst hatte er gute Verbindungen zur Galerie Walter Storms in München, die ihm mehrere Ausstellungen vermittelte.
Hampl gehört zu Künstlern, die in den sechziger Jahren zu schaffen begannen. Er schloss sich der sehr bedeutenden Künstlergruppe um den Maler und Grafiker Vladimír Boudník an. Boudník war mit dem Schriftsteller Bohumil Hrabal eng befreundet, der ihm in mehreren seiner Texte ein Denkmal gesetzt hat. Boudník brachte eine ganz neue Ästhetik in die tschechische bildende Kunst, sagt der Kurator der Ausstellung von Josef Hampl, Ivo Janoušek.„Es handelte sich um die Ästhetik von Strukturalgraphiken, aber auch um Aktionskunst. Josef Hampl war von dieser neuen Ästhetik beeinflusst. Er ist einer der Künstler, die völlig neue authentische Prinzipien nicht nur von Graphiken, sondern auch von Collagen, Zeichnungen und Malereien geschaffen hat. Die in den Kreisen um Vladimír Boudník entstandene Ästhetik spiegelt sich auch in den neueren Werken von Josef Hampl wieder. Dort sind ihre Strukturen zu finden, und die Werke sind durch Hampls Erinnerungen inspiriert. Man findet darin Spuren seiner Koexistenz mit der Natur. In den siebziger Jahren schuf Hampl die so genannte ´land art´ - er betonte in der Landschaft die tektonischen Schichten. Zuvor befasste er sich kurz mit der geometrischen Kunst. Dies gab ihm das Gefühl, dass die Landschaft aus geometrischen Formen zusammengesetzt ist. Dies alles ist in der neuesten Ausstellung in der Galerie Dion zu sehen. Die Graphiken sind in Collagen übertragen worden. Die Land-art-Werke wurden in genähte Collagen übertragen. Bei den Collagen sind die Tektonik der Landschaft sowie geometrische Formen zu erkennen. Auch die Namen der Werke erinnern an eine Landschaft: Steine, Gedächtnis der Steine oder Erruption. Man kann sagen, dass das gesamte Schaffen von Josef Hampl eine Art Auswahl aus seinem Gedächtnis ist.“
Erinnerungen an die sechziger Jahre, an Vladimír Boudník und seine Freunde, kommen auch in den neueren Werken von Josef Hampl zum Ausdruck, genauso wie die Erinnerungen an das Schaffen aus den siebziger Jahren. Dieses ist durch geometrische Paraphrasen in den Collagen enthalten. In einigen Namen der genähten Collagen ist das gegenwärtige, von den Medien beherrschte Leben präsent. So heißt eine Collage beispielsweise „Die Nachricht“ – aus der Abstraktion treten Zeilen hervor, als ob jemand eine Botschaft notiert hätte. Die Botschaft lässt sich aber nicht entziffern. Dies ist gewollt, denn die Kunst soll in diesem Fall nur auf etwas hinweisen, das sich in unserem Gedächtnis verbirgt. Die Kunst soll unsere Erinnerungen wachrufen, sagt der Kurator.Die Ausstellung aus dem Werk von Josef Hampl, die den Titel „Dialog“ trägt, ist in der Galerie DION bis zum 29. Februar zu sehen. Die Galerie befindet sich in der Straße Na Pokraji Nr. 2 im neunten Prager Stadtbezirk.
Josef Hampl ist, wie bereits gesagt wurde, aus den Künstlerkreisen um den legendären allseitigen Künstler Vladimír Boudník und den nicht weniger legendären Schriftsteller Bohumil Hrabal hervorgegangen. Mehrere von Hrabals Novellen und Romanen wurden verfilmt. Falls Sie wenigstens zwei Namen dieser Filme, die nach Hrabals Motiven entstanden kennen, können Sie sie uns schreiben. Denn so lautet die heutige Quizfrage, für deren richtige Beantwortung Sie ein Buch über Prag gewinnen können. Ihre Zuschriften richten Sie bitte an Radio Prag, Vinohradská 12, PLZ 120 99 Prag 2, Tschechien.
In der letzten Ausgabe des Spaziergangs durch Prag im Januar fragten wir Sie nach dem Frauenorden, der einst im St. Georgkloster auf der Prager Burg wirkte, es waren die Benediktinerinnen. Ein Buch geht diesmal an Maria Kugler aus Hauskirchen in Österreich.
Fotos: Autorin








