U-Boot im Kunstschnee: Usti nad Labem entdeckt sich in Rekorden
Usti nad Labem, zu Deutsch Aussig - eine graue und etwas gesichtslose Industriestadt an der nordböhmischen Elbe, eine Stadt mit zahlreichen Narben. Aber zugleich auch eine Stadt der Superlative, jedenfalls wenn es nach einem Ausstellungsprojekt des örtlichen Stadtmuseums geht. In ungewöhnlicher Weise wird den Bürgern das präsentiert, was Usti im guten wie im schlechten einzigartig macht. Eine Einladung zu einer Entdeckungsreise durch die Stadtgeschichte.
Der Lidicer Platz im Zentrum von Usti nad Labem, zwischen Theater und Stadtverwaltung. Entlang der Bushaltestellen und zwischen den Anlagen stehen Bänke mit Reklametafeln als Rückenlehne: Bausparverträge werden angepriesen, Waschmittel und Nugatpralinen. Aus dem Werbe-Einerlei blitzen aber hie und da gelb-schwarze Plakate des Stadtmuseums hervor, von denen jedes eine andere kleine Geschichte aus der Geschichte der Stadt erzählt:
"In der Ausstellung geht es darum, in welchen Bereichen die Stadt Usti Superlative zu bieten hat, sei es auf Landesebene, europa- oder gar weltweit. Sie unterscheidet sich von normalen Museumsausstellungen vor allem in der Form. Wir haben uns entschieden, den Leuten entgegenzugehen und die Ausstellung gleich auf die Straße zu verlegen, also unmittelbar vor die Augen der Bürger."
Erzählt Kurator Martin Krsek. 30 Plakate mit 30 Aussiger Superlativen sind quer über die Stadt verteilt. Hier am Lidicer Platz lockt das Bild einer selbstbewusst schauenden jungen Frau aus dem Beginn des letzten Jahrhunderts die Passanten zu einem näheren Blick auf den nebenstehenden Text.
"Das ist Martha Schicht, die Ehefrau des Aussiger Industriellen und Besitzers der berühmten Seifenfabrik Heinrich Schicht. Ihr Superlativ kommt aus einer privaten Leidenschaft - sie hat davon geträumt, um die Welt zu reisen, und das hat sie 1931 auch gemacht. Sie war einer der ersten Bürger und überhaupt erst die zweite Frau aus der Tschechoslowakei, die so etwas gewagt hat, und überhaupt die erste, die dabei auch dokumentarische Filmaufnahmen gemacht hat."
An Höchst- und Bestleistungen herrscht in der Stadt offenbar kein Mangel: Aus Usti nad Labem kommen die reinsten Kunst-Saphire der Welt, hier wurde 1955 das erste Tonbandgerät und 1958 die erste Sprühdose der Tschechoslowakei hergestellt, und bereits 1903 war gerade hier die erste Dampfturbine in den böhmischen Ländern zu bewundern. Nicht zufällig stammen viele der Aussiger Superlative aus dem Bereich der Technik, so Ausstellungsmacher Martin Krsek:
"Usti war eine Industriehochburg - die Stadt hat eine enge Verbindung zur Technik und war häufig das Versuchslabor für neue Entwicklungen. Vielleicht hängt es auch ein wenig mit mir als Ausstellungsmacher und meinem technischen Interesse zusammen, dass die Technik hier gut vertreten ist, aber Usti ist einfach eine Stadt, die durch Technik geprägt ist."
Die Parade der lokalhistorischen Superlative geht derzeit bereits in die zweite Runde - zu Jahresbeginn waren den Bürgern schon einmal 30 Bestleistungen ihrer Stadt präsentiert worden; damals als rollendes Museum in den Trolleybussen - ein Konzept, das den Machern unter anderem den renommierten Museumspreis "Gloria musealis" eingetragen hat. Für die Ausstellung hat Martin Krsek den örtlichen Legendenschatz im Archiv überprüft, aber es ihm auch gelungen, bislang kaum bekanntes aufzustöbern:
"Da gibt es zum Beispiel den ersten Kunstschnee-Hang in den sozialistischen Ländern. Davon haben ein paar Leute aus den Skiverbänden gewusst, aber die meisten Menschen hat das sicher überrascht, dass wir 1965 den ersten Kunstschnee im sozialistischen Block ausgerechnet hier in Telnice bei Usti ausprobieren konnten."
Das letzte Beispiel zeigt: auch die nicht-tschechische Geschichte der noch bis zu Kriegsende mehrheitlich deutsch besiedelten Stadt fällt nicht unter den Teppich. An das einzige Werk des preußischen Hofarchitekten Karl Friedrich Schinkel in den böhmischen Ländern wird genauso erinnert wie an den Besuch Richard Wagners in der Elbstadt. Die Menschen in Usti interessieren sich zunehmend auch für den lange verdrängten deutschen Anteil an der Geschichte ihrer Stadt, meint Martin Krsek:
"Das lässt sich schwer verallgemeinern, aber ich würde sagen, das ist eine Sache erst der letzten Jahre, in denen die Leute hier wirklich angefangen haben, mehr in ihrer Stadt zu leben und die Aussiger Geschichte als ihre zu nehmen. Früher gab es unter den normalen Leuten eher einen Abstand zur deutschen Geschichte der Stadt - nicht, dass man diesen Teil direkt unterdrückt hätte, aber man hat ihn ignoriert. Heute haben die Menschen hier Interesse an diesem Teil der Geschichte und daran, ihn mit der Gegenwart in Verbindung zu bringen und das als die eigene Geschichte zu verstehen - und das ist sie ja auch wirklich. Es ist die Geschichte von Usti, von ihrer Stadt."
Die Erinnerung an das deutsche Aussig, die vor Jahren womöglich noch als Provokation empfunden worden wäre, gehört inzwischen immer selbstverständlicher zur städtischen Selbstsicht. Martin Krsek hat es aufmerksam beobachtet - von einem Vandalismus speziell gegen die deutschen Plakate ist nichts zu merken, meint er:
"Das am meisten heruntergerissene Plakat ist das von Josef Hoser, dem freigiebigsten Mäzen der böhmischen Nationalgalerie. Das hat aber wohl weniger mit seiner Person zu tun, als mit den Farben des Plakates. Das ist nämlich in gelb-schwarz gehalten und hing ausgerechnet vor dem Eishockey-Stadion, wo Usti gegen Litvinov gespielt hat. Und das Team aus Litvinov hat nun gerade die Farben gelb-schwarz. Hier ging es also wohl mehr um die Hockey-Emotionen der Fans aus Usti..."
Neben Glanzleistungen und Kuriositäten vergisst die Ausstellung aber auch die wunden Punkte der Stadtgeschichte nicht. Auch die dunklen Seiten gehören zur Geschichte von Usti, meint Martin Krsek:
"Das hätte die Glaubwürdigkeit des ganzen Projektes in Frage gestellt, wenn wir die Stadt nur durch eine rosa Brille präsentiert hätten. Deshalb haben wir uns gesagt, dass auch die traurigen Superlative in die Reihe gehören - der schmutzigste Fluss Tschechiens, die Aussiger Biela, das größte Straßenbahnunglück und sogar das größte Schiffsunglück in Böhmen, denn obwohl wir hier auf dem Festland sind, hat sich gerade hier auch eine Schiffstragödie abgespielt."
52 Pilger sind 1732 bei einem Schiffsuntergang vor Aussig in der Elbe ums Leben gekommen. Aber auch kritische Stellen der Gegenwart kommen vor - etwa die Mauer in der Maticni-Straße, mit der vor acht Jahren ein Roma-Wohnblock vom Rest der Straße abgeteilt werden sollte und die international für Schlagzeilen gesorgt hatte - zu ihrer Zeit wohl tatsächlich die meistdiskutierte Mauer der Welt, wie es in der Ausstellung heißt:
"Ich glaube, dass die Mauer ein so bekanntes Symbol von Usti ist, dass viele Leute es uns angekreidet hätten, wenn die Mauer nicht in der Ausstellung wäre, und man uns vorgeworfen hätte, das wir nicht objektiv sind."
meint Martin Krsek. Mit der Objektivität ist es natürlich immer so eine Sache, zumal auch in die zweite Runde der Aussiger Bestleistungen nicht alles hereingepasst hat, was die Stadt an Rekorden zu bieten hat:
"Zum Beispiel eine etwas kuriose Sache: Eine von den heutigen Aussigerinnen rühmt sich damit, den größten natürlichen Busen der Welt zu haben."
122 Zentimeter, genau gemessen. Sicher ein Grund für eine weitere Fortsetzung der Ausstellung um die Aussiger Superlative.
Fotos:www.nej.muzeumusti.cz








