„Orchester im Herzen von Prag“: Chefdirigent Popelka über die Pläne der Rundfunksymphoniker
Das Symphonieorchester des Tschechischen Rundfunks hat diese Woche sein Programm für die nächste Spielzeit vorgestellt. Der Chefdirigent und künstlerische Leiter Petr Popelka im Interview.
Herr Popelka, das Symphonieorchester des Tschechischen Rundfunks ist vermutlich das einzige Orchester in Prag oder sogar in Tschechien, das Konzerte an so vielen verschiedenen Orten gibt – und dazu noch im Herzen von Prag. Gibt es einen Vergleich?
„Das Orchester im Herzen von Prag ist unser Slogan, und wir sind stolz auf ihn. Wenn man die Tschechische Philharmonie hören will, muss man ins Rudolfinum gehen. Wenn man das Symphonieorchester FOK hören möchte, muss man den Smetana-Saal im Gemeindehaus besuchen. Aber wir haben Konzerte in beiden Konzerthäusern und sind im Rudolfinum genauso wie im Gemeindehaus zu Hause. Wir treten zudem im Studio 1 im Rundfunkgebäude auf, wo wir unsere Kammermusikreihe und unsere offenen Proben haben. Wir spielen aber ebenso in der Betlehem-Kapelle. Zudem gibt es Crossover- und Jazz-Projekte im DOX oder im Forum Karlín. Kein Orchester in Prag und vermutlich in Tschechien hat Konzerte an so vielen Orten. Deswegen sind wir so stolz auf unseren Slogan.“
War das Ihre Idee, auch im Gemeindehaus zu spielen? Denn zuvor wurden die großen Konzerte fast nur im Rudolfinum organisiert.
„Ja schon, denn ich wollte das stärken, worin wir einzigartig sind. Und das ist nicht nur die Vielfalt im Repertoire, sondern auch was die Konzertsäle betrifft.“
Für das Eröffnungskonzert der kommenden Saison ist es Ihnen gelungen, Tomáš Hanus als Dirigenten zu gewinnen. War das schwierig? Denn er ist sehr beschäftigt.
„Tomáš Hanus hat wirklich einen großen Namen in der Welt. Er ist sehr beschäftigt als Operndirigent, denn er leitet die Vorstellungen von der Mailänder La Scala bis zur Metropolitan Opera in New York. In Tschechien tritt er sehr selten auf. Deswegen bin ich sehr froh, dass es uns gelungen ist, ihn für zwei Konzerte nach Prag zu holen – für Mahlers 2. Sinfonie und für das Eröffnungsprogramm im Rudolfinum.“
In der kommenden Saison werden auch weitere Dirigenten und Dirigentinnen das Orchester leiten. Zu ihnen gehört Omer Meir Wellber aus Israel, der hier in Prag schon ein Konzert dirigierte. Er ist zweifelsohne ebenfalls ein viel gefragter Dirigent. Diesmal stellt er sich jedoch auch als Musiker vor. Wie ist diese Idee entstanden?
„Omer Meir Wellber ist ein Dirigent, den ich sehr gut aus Dresden kenne, weil ich Kontrabassist in der dortigen Staatskapelle war. Ich fand ihn unglaublich inspirierend, deswegen wollte ich, dass er nach Prag kommt, auch wenn er sehr beschäftigt ist. Einmal hat er schon unser Orchester schon geleitet, und das Orchester war begeistert. Nach der ersten Probe hörte ich von den Musikern, dass wir ihn wieder einladen sollen. Er wird seine Bearbeitung von Beethovens Konzert für Geige, Cello und Klavier präsentieren. Es wird eine Bearbeitung für Mandoline, Klavier und Akkordeon sein, und er wird Akkordeon spielen. Wir haben auch zwei junge Dirigentinnen. Aleftina Ioffe ist sehr begabt und bekleidet bald den Posten der Chefdirigentin beim Symphonieorchester Bern. Die zweite Dirigentin ist Erina Yashima. Wir sind froh, die beiden Künstlerinnen hier begrüßen zu können.“
Ein etwas spezielles Konzert ist zweifelsohne die konzertante Aufführung von Bartóks Oper „Herzog Blaubarts Burg“. Wer hat sie initiiert?
„Robert Jindra, unser erster Gastdirigent und unglaublich kreativer Kopf, wollte dieses Stück von Bartók unbedingt aufführen. Es wäre nicht so schwierig, das Konzert zu planen, wenn die beiden Gesangspartien nicht so anspruchsvoll wären – es sind Sopran und Bass. Singen werden Szilvia Vörös und Günther Groissböck. Wenn ich zu der Zeit in Prag sein werde, möchte ich das Konzert mit Robert und den beiden hervorragenden Solisten erleben.“
Nicht zu vergessen, dass Sie das Orchester natürlich auch einige Mal selbst leiten werden…
„Wir haben einen Brahms-Zyklus, bei dem wir an zwei Abenden alle Symphonien des Komponisten spielen. Und im Rudolfinum führen wir das Klavierkonzert Nr. 3 von Rachmaninow und ‚Oedipus Rex‘ von Strawinsky auf. Das ist ein fantastisches Stück. Der tschechische Schauspieler Igor Bareš tritt als Erzähler auf. Auf beide Konzerte freue ich mich sehr.“
Bei einem der Konzerte erklingt Musik von einem eher wenig bekannten tschechischen Komponisten: Jindřich Feld. Hat dies einen besonderen Grund?
„Feld ist in meinen Augen ein Genie. Ich kenne seine Werke sehr gut und halte sie wirklich für Meisterwerke. In diesem Jahr hätte er seinen 100. Geburtstag begangen. Ich wollte ihn mit dem Konzert wieder in Erinnerung bringen. Wir spielen sein Cellokonzert. Ich halte Feld für einen zu Unrecht selten gespielten Komponisten.“
In wie weit haben Sie als künstlerischer Leiter und Chefdirigent des Orchesters freie Hand bei der Zusammenstellung des Programms?
„Das ist eine Arbeit, in der viele Faktoren eine Rolle spielen. Natürlich gibt es eine Vision, die man als Chefdirigent hat, und man denkt auch an die Gäste, die man einladen will – Dirigenten und Solisten. Das Programm muss zudem für unser Publikum spannend sein. Und mit dem Programm soll auch die Qualität des Orchesters wachsen. Es sind wirklich sehr viele Faktoren, die im Spiel sind. Man muss etwa zwei, drei Jahre im Voraus planen. Denn Künstler wie beispielsweise Günther Groissböck sind für vier Jahre ausgebucht.“
Haben Sie einen Traum, den Sie sich mit dem Orchester erfüllen möchten?
„Dazu kommt es in der bevorstehenden Spielzeit – ich wollte den Brahms-Zyklus unbedingt aufführen. Und der zweite Wunsch war ,Oedipus Rex‘ von Igor Strawinsky.“
Das Eröffnungskonzert des Symphonieorchesters des Tschechischen Rundfunks findet am 10. Oktober dieses Jahres im Prager Rudolfinum statt. Der Verkauf von Abonnements für die nächste Saison hat bereits am 15. April begonnen. Einzelne Karten für die Konzerte werden ab Montag, 28. April, verkauft.







