Bewerbung läuft: Wird in Tschechien eine KI-Gigafabrik errichtet?
In Tschechien soll eine der fünf europäischen Gigafabriken für Künstliche Intelligenz (KI) entstehen. So wollen es die hiesige Regierung und führende Industrievertreter.
Die Europäische Union will fit werden in Sachen Künstlicher Intelligenz. Die Konkurrenz aus Asien und den USA ist groß, und darum sollen in den nächsten Jahren fünf große KI-Fabriken auf europäischem Boden entstehen, gefördert durch EU-Gelder aus dem Programm „AI Continent“. Das tschechische Telekommunikationsunternehmen Česká Radiokomunikace (ČRa) hat sein Projekt für ein solches Datenzentrum am 20. Juni bei der Europäischen Kommission eingereicht.
Die riesige Anlage soll im Süden von Prag, im Außenbezirk Zbraslav entstehen. Der Regierungsbeauftragte für KI und stellvertretende Minister für Industrie und Handel, Jan Kavalírek (Top 09), bezeichnet die Pläne als große Chance für die tschechische Wirtschaft. In den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks sagte er weiter:
„Wir sind der Ansicht, dass wenigstens eines dieser exzellenten Supercomputerzentren auf dem Gebiet von Mittel- und Osteuropa stehen sollte. Darum haben wir diese Ambition und verhandeln auch schon mit Investoren, die das Projekt finanzieren könnten. Denn das Maß an Kapitalaufkommen ist wirklich unglaublich hoch.“
Die konkrete Summe für den Bau einer solchen Gigafabrik steht zwar noch nicht endgültig fest. Aber Kavalírek gibt eine Schätzung ab:
„Die Gesamtinvestitionen könnten bei drei bis vier Milliarden Euro liegen. Das hängt von der tatsächlichen Größe der Fabrik ab. Wir haben bereits die Information von der EU, dass 65 Prozent der Summe mit Privatkapital bezahlt werden sollen. Das heißt, dass wir uns bei etwa 50 Milliarden tschechischen Kronen bewegen.“
50 Milliarden Kronen sind etwa zwei Milliarden Euro, für die ein Investor aufkommen muss. Der Rest, also das öffentliche Geld, kommt dann nicht nur von der EU. Auch die tschechische Regierung müsste einen Beitrag leisten. Wie hoch dieser sein wird, ist ebenfalls noch nicht klar. Denn die gerade abgegebene Bewerbung sei zunächst eine Interessensäußerung, schildert Kavalírek. Sind alle Bewerber bekannt, beginne mit jedem einzelnen der sogenannte strukturierte Dialog, in dem die finanziellen Möglichkeiten des einzelnen Landes ermittelt werden.
Bisher ist bekannt, dass auch Deutschland, Dänemark oder Frankreich Interesse haben, eine der KI-Gigafabriken in ihrem Land zu errichten. Das tschechische Projekt sieht für die Anlage in Zbraslav bisher eine Jahresleistung von 26 Megawatt vor. In den EU-Vorgaben ist allerdings von bis zu 100 Megawatt die Rede. Warum Tschechien trotzdem gute Chancen haben könnte, als Standort ausgewählt zu werden, begründet Milena Jabůrková, Vizepräsidentin des Verbandes für Industrie und Verkehr:
„Tschechien hat eine starke Industriebasis, ein wachsendes KI-Ökosystem und Forschungskapazitäten von hoher Qualität. Zudem sind wir Mitglied in EU und Nato.“
Aufgabe der tschechischen Regierung sei es allerdings noch, einen passenden gesetzlichen Rahmen für die Weiterentwicklung von KI im Lande zu schaffen, fügt Jabůrková hinzu.
Denn auch hierzulande ist die Nutzung von Künstlicher Intelligenz bereits weit verbreitet. Und vor allem im Business-Bereich werde sie für Arbeitszwecke immer öfter herangezogen, sagt Lukáš Benzl, Direktor des tschechischen KI-Verbandes:
„Wir beobachten, dass praktisch jede Firma, die mit Routineaufgaben zu tun hat, auch anfängt, KI zu nutzen. Die Instrumente finden Anwendung in kreativen Berufen und beim Marketing. Zudem bin ich sehr froh zu sehen, dass KI auch in Bereichen wie etwa Finanzen, Gesundheitswesen, Automobilherstellung oder Maschinenbau auftaucht.“
Das betreffende Grundstück in Zbraslav ist Eigentum von Česká Radiokomunikace. Seit drei Jahren laufen bereits Vorbereitungen, dort ein Datenzentrum zu errichten, und die Bauarbeiten beginnen auch schon. Das ganze Konzept sei nun zusätzlich an das EU-Projekt AI Continent angepasst worden, um sich dafür bewerben zu können, teilte ČRa-Generaldirektor Miloš Mastník der Presse mit. Die verbindliche Bewerbungsphase will die Europäische Kommission nach aktuellem Stand im vierten Quartal dieses Jahres eröffnen.
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