Zehn Wege zu den Deutschen: Tschechische Persönlichkeiten über ihre Beziehungen zu den Nachbarn
Vor kurzem erschien im Lichtung-Verlag ein Buch mit Texten von zehn tschechischen Persönlichkeiten, in denen diese ihre Erfahrungen und Erlebnisse schildern, die sie mit den Deutschen verbinden. Wolfgang Schwarz ist als Kulturreferent für die böhmischen Länder beim Adalbert-Stifter-Verein in München beschäftigt. Er hat den Band zusammengestellt. Martina Schneibergová hat mit ihm über das Buch gesprochen.
Herr Schwarz, vor kurzem erschien das Buch „Mein Weg zu unseren Deutschen II“. Sie sind Herausgeber des Bandes. Er ist eigentlich der zweite Teil des Buchs von 2019. Wie entstand die Idee, weitere tschechische Perspektiven zusammenzufassen, spielte dabei vielleicht das große Interesse am ersten Band eine wichtige Rolle?
„Ganz sicher. Das erste Buch hat sehr gutes Interesse geweckt. Bei dem zweiten Band war es so, dass wir zusammen mit dem Tschechischen Zentrum München unseren entsprechenden Vortragszyklus in der Stadt fortsetzen wollten. Corona kam uns dazwischen, sodass wir entschieden, diese Beiträge zunächst einmal nur online zu drehen und sie schließlich dann auch wieder in einem Buch zusammenzufassen. Außerdem hatte ich bezüglich des zweiten Bandes schon einige Autoren im Auge, die im ersten Band nicht mehr untergekommen sind.“
Haben Sie die Intellektuellen, deren Texte im Buch zusammengefasst sind, zuvor persönlich gekannt?
„Einige von ihnen kannte ich schon, wie zum Beispiel Jiří Havelka, der das Theaterstück ,Dechovka‘ oder dann ,Očitý svědek‘, also ,Augenzeuge‘, produziert hat. ,Dechovka‘ (Blasmusik) wurde auch in München aufgeführt. Pavel Polák war mir bekannt aus seiner Tätigkeit im Fernsehen und Rundfunk. Und natürlich kannte ich Tomáš Kraus, den ehemaligen Generalsekretär der Föderation jüdischer Gemeinden. Es waren Autorinnen und Autoren dabei, wie auch Michaela Škultéty, die ich als Übersetzerin kennengelernt hatte, die ich ansprach und von denen ich erwarten konnte und durfte, dass sie Interessantes über ihre Beziehung zu den Deutschen beziehungsweise den böhmischen Deutschen zu erzählen hatten.“
Wollten Sie, dass da Persönlichkeiten verschiedener Generationen und aus unterschiedlichen Bereichen vertreten sind, wie zum Beispiel der Journalist Pavel Polák, und auf der anderen Seite auch einige bekannte Politikerinnen und Politiker?
„Ja, das spielte auch eine Rolle. Es sollte wieder eine Mischung aus bekannten und vielleicht nicht ganz so bekannten Namen werden. Aber natürlich haben die persönlichen Kontakte, die ich zum Beispiel mit Eva Lustigová, der Tochter von Arnošt Lustig, knüpfte, ebenso eine Rolle gespielt. Eva Lustigová hat auch einen wichtigen Beitrag geschrieben. Die Sammlung ist generationsübergreifend, Männer und Frauen natürlich, aber auch mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und Perspektiven. So ist diesmal bei einigen Beiträgen etwa der jüdische Hintergrund der Autorinnen und Autoren sehr wichtig für den eigenen Blick auf die Deutschen beziehungsweise die Sudetendeutschen.“
Ich fand auch interessant, dass einige der Autoren der Beiträge erst irgendwann später ihre halbdeutschen Wurzeln entdeckt haben. War dies für Sie ebenfalls überraschend, obwohl es hierzulande wahrscheinlich keine so große Besonderheit ist?
„Es war für mich in Teilen auch überraschend. Und ich muss gestehen, dass ich bei den meisten das nicht geahnt habe, als ich sie angesprochen habe. Aber es ist auch nicht verwunderlich, denn viele von uns in Deutschland verfügen wiederum über böhmische Wurzeln. Und in Tschechien stammen vielleicht die Großmutter, der Großvater oder eben auch andere Teile der Familie noch aus bilingualen Familien. Das ist nichts Ungewöhnliches in den Böhmischen Ländern und eben auch nicht auf der anderen Seite in Bayern, wo über eine Million Deutsche nach der Vertreibung 1945 gelandet sind.“
Hat Sie außer dieser halbdeutschen Herkunft sonst noch etwas überrascht, als Sie die Beiträge gelesen oder die Vorträge gehört haben?
„Ich war nicht überrascht, aber doch auch durchaus angetan von dem sehr selbstkritischen Ton, der in vielen Beiträgen angeschlagen wurde bezüglich der eigenen Aufarbeitung der Vergangenheit auf der tschechischen Seite. Aber natürlich war ich ebenso überrascht von den so weitgehenden Kenntnissen der deutsch-tschechischen Beziehungen, eben ergänzt durch die persönlichen Erlebnisse. Ein besonderes Erlebnis war das mit Jindřich Mann, von dem ich dann erfahren habe, dass er letztendlich nur zwei Häuserblocks weiter in München gewohnt hat von meinem jetzigen Zuhause und wir uns dann auch über Menschen austauschen konnten, die bis heute hier leben.“
Ich habe beispielsweise Interessantes über die bürgerdemokratische Senatorin Miroslava Němcová aus ihrem Beitrag erfahren. Haben Sie die Politikerin vorher schon einmal getroffen?
„Nein, ich hatte sie vorher tatsächlich nicht getroffen, nur einmal wahrgenommen, als ich das Glück hatte, Mitglied einer Delegation im tschechischen Parlament zu sein, anlässlich des Holocaust-Gedenktages vor einigen Jahren. Da hatte ich sie in einer Ansprache erlebt, ein persönliches Kennenlernen fand indes nicht statt. Aber sie hat mir auch in der tschechischen Politik durch ihr selbstbewusstes und manchmal eben auch interessantes kämpferisches Auftreten imponiert. Sie ist ja nicht frei von Angriffen geblieben aus verschiedensten politischen Ecken. Sie hat in den deutsch-tschechischen Beziehungen durchaus einen sehr kritischen Standpunkt früher vertreten, was die Sudetendeutschen und ihre Aufarbeitung betrifft. Wie sie mit ihrem Beitrag zeigt, ist sie aber eben nicht auf einem Auge blind, sondern beweist eben, dass Defizite auf allen Seiten im Hinblick auf den Umgang mit eigenen Fehlern in der Geschichte bestehen.“
Ich nehme an, den ehemaligen Dissidenten und Philosophen Daniel Kroupa haben Sie bestimmt früher schon persönlich getroffen…
„Dadurch, dass ich bis 2002 beim Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds gearbeitet habe, war er mir natürlich ein Begriff – als einer, der auch immer wieder Stellung ergriffen hat zu den deutsch-tschechischen Beziehungen. Persönlich kannten wir uns nicht. Aber ich war sehr erfreut, und das gilt im Übrigen auch für diejenigen Autorinnen und Autoren, die ich nicht kannte, dass ich eigentlich nur Zusagen erhielt und keine einzige Absage im Hinblick auf das gewählte Thema. Und eben auch der Stil verschiedener Beiträge ist ganz unterschiedlich. Zum Beispiel haben wir bei Karel Hvížďala die Form eines Interviews gewählt, um darauf hinzuweisen, wie stark er sich im Bereich der Gespräche mit prominenten Persönlichkeiten als Journalist engagiert hat.“
Wurden die Beiträge zuerst als Vorträge gehalten, oder wurden sie in schriftlicher Form verfasst. Wie war das konzipiert?
„Einige der Beiträge sind auf unserem Youtube-Kanal abrufbar. Sie sind aufgezeichnet worden. Damals geschah dies noch mit etwas geringeren technischen Möglichkeiten. Aber die Idee mit Karel Hvížďala, das in Form eines Interviews zu machen, sodass er einmal auf der anderen Seite des Mikrofons sitzt, die entstand tatsächlich völlig spontan und war nicht Bestandteil irgendeines groß angelegten Konzeptes für das Buch.“
Sie haben den Regisseur und den Schauspieler Jiří Havelka erwähnt. Seine Stücke sind sehr gefragt, die Vorstellungen waren immer ausverkauft. Das dokumentarische Projekt „Der Augenzeuge“ entstand während der Corona-Zeit und war auf der Website des Prager Nationaltheaters anzusehen. Haben Sie es damals dort aufgerufen?
„Ja, ich habe es mir tatsächlich auf der Website angesehen und fand es sehr, sehr beeindruckend. Es war eben auch interessant, wie man in dieser Zeit des Kontaktverbots und der Stilllegung der Kultur eigentlich völlig neue und interessante Formate wählen kann. Havelka war zudem 2016 mit ,Dechovka‘bei uns in München zu Gast. Er beschreibt das auch in seinem Beitrag, wie unterschiedlich die Atmosphäre im Publikum war in Deutschland und in Tschechien. Und für mich – und ich denke auch für ihn – war dieser Auftritt in München im Sudetendeutschen Haus mit diesem Thema der Nachkriegsgewalt an Deutschen in Dobrenz (Dobronín, Anm. d. Red.) wirklich ein besonderer Augenblick.“
Ich fand sehr interessant, wie er in seinem Beitrag im Buch erzählt, dass er eigentlich diesen Ort sehr gut kannte, dass er vielmals da vorbeiging und vorher nichts darüber erfahren hat. Regisseur Havelka stammt aus Jihlava. Auch Sie haben erwähnt, dass auf der Website der Stadt noch vor ein paar Jahren praktisch nichts über die deutschen Bewohner der Gegend stand…
„Es war tatsächlich damals so, zu dem Zeitpunkt, als wir das Interview geführt haben, dass auf der Website die Rede von belgischen Einwanderern war. Nicht erwähnt wurden aber die Deutschen aus den deutschsprachigen Gebieten, die einst als Kolonisatoren oder Einwanderer in dieses Gebiet kamen und natürlich die Region auch mitprägten. Daher diskutierten wir die Frage, ob dahinter Absicht steht oder einfach nur eine gewisse Angst, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Mich hat das auch überrascht, aber gleichzeitig hat mir sein Wille, sein Drang einfach imponiert, diesem Thema auch noch in weiteren Theaterstücken nachzugehen. Er hat sich mit den Vorkommnissen auf der Schwedenschanze bei Přerov / Prerau beschäftigt, er hat einfach nicht locker gelassen. Und ich vermute, dass wir auch in der Zukunft von ihm noch das eine oder andere dazu erwarten können.“
Das Buch ist vor kurzem erschienen, aber es gibt bestimmt sehr viele weitere Persönlichkeiten, die sich zu ihrer Beziehung zu den Deutschen äußern könnten. Denken Sie daran, in der Zukunft noch weitere zehn Perspektiven zusammenzufassen und herauszugeben?
„Im Moment ist die Planung noch nicht so konkret, weil mir tatsächlich noch die Inspiration fehlt, einen weiteren Kreis an Leuten anzusprechen. Aber es ist durchaus möglich. Unsere Priorität ist jetzt erstmal die tschechische Ausgabe, die wir wieder, wie beim ersten Teil, zusammen mit der Agentura pro rozvoj Broumovska, also der Agentur für die Entwicklung des Braunauer Ländchens, realisieren. Wenn alles gut geht, dann wird der Band im ersten Quartal 2026 auf Tschechisch erscheinen. Und wir möchten das Buch dann auch an mehreren Orten der Tschechischen Republik präsentieren.“
Haben alle diese Autoren die Beiträge zuerst Tschechisch verfasst, und dann sind sie übersetzt worden?
„Ein Teil der Beiträge ist tatsächlich übersetzt worden. Aber zum Beispiel die Beiträge von Pavel Polák oder Tomáš Kraus wurden auf Deutsch verfasst. Auch der Text von Michaela Škultéty war auf Deutsch, so dass wir nun vor der interessanten Frage stehen, die ich ihr noch stellen werde, ob sie diesen Text selbst übersetzen kann. Es ist ja auch interessant, wie Übersetzer mit so etwas umgehen, mit eigenen Texten. Ich weiß es noch nicht, ich bin gespannt auf die Antwort. Ansonsten ist die Mehrheit der Texte auf Tschechisch verfasst, sodass wir mit der tschechischen Ausgabe nicht mehr so viel Arbeit haben werden.“
Sie arbeiten schon länger mit dem Lichtung-Verlag zusammen. Wie finden Sie die Kooperation?
„Der Lichtung-Verlag ist für mich wieder ein ganz wichtiger Ansprechpartner gewesen. Und ich habe mich sehr gefreut, dass nach dem ersten Band auch der zweite dort zur Veröffentlichung gekommen ist. Der Lichtung-Verlag ist eben eine der wenigen Institutionen oder Verlage im bayerisch-böhmischen Grenzgebiet und in der weiteren Region, die keine Scheuklappen aufhaben, sondern eben auch auf die andere Seite der Grenze nach Böhmen hineinsehen. Das beweisen sie durch ihr Magazin und eben auch durch die Verlegung weiterer Autoren, wie zum Beispiel Bernhard Setzwein. Ich bin sehr froh, dass es gelungen ist, mit diesem sehr verdienstvollen Verlag wieder zusammenzuarbeiten.“
Der Band „Mein Weg zu unseren Deutschen 2“, herausgegeben von Wolfgang Schwarz, ist im April dieses Jahres im Lichtung-Verlag erschienen. Das Buch hat 191 Seiten und kostet 14,90 Euro.
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