Denkmalschutz siegt: Eisenbahnbrücke in Prag wird saniert

Die historische Eisenbahnbrücke über der Moldau in Prag wird nicht abgerissen und nicht versetzt. Das tschechische Verkehrsministerium gab am Dienstag die Entscheidung bekannt, dass der unter Denkmalschutz stehende Verkehrsbau saniert wird. Damit geht eine Jahre dauernde Debatte zu Ende.

Die Stahlbrücke aus dem Jahr 1901 verbindet die beiden Moldauufer der Stadtteile Vyšehrad und Smíchov und ist eine wichtige Eisenbahnader in der Hauptstadt. Bedingt durch Korrosion befindet sie sich seit vielen Jahren in einem schlechten Zustand. 2022 gab die tschechische Eisenbahnverwaltung (SŽ) den Gewinner eines architektonischen Wettbewerbs für eine neue Brücke bekannt. Laut diesen Plänen sollte die alte Brücke mehrere hundert Meter nach Süden versetzt werden.

Foto: Zuzana Jarolímková,  iROZHLAS.cz

Im Anschluss daran entfesselte sich ein Streit um die Zukunft des Bauwerks. Die Experten von der Prager Technischen Universität (ČVUT) sowie einer Expertenkommission betonten, eine neue Brücke müsse gebaut werden, da eine Sanierung zu kompliziert und zu teuer wäre. Dagegen stellten sich Denkmalschutzexperten, ein Ausschuss der Unesco und einige Bürgerinitiativen. Am Dienstag gab das Verkehrsministerium nun seinen Beschluss bekannt, die alte Brücke zu renovieren. Minister Martin Kupka (Wahlbündnis Spolu) zu den Gründen:

„Entscheidend waren die Argumente der Unesco sowie der Studie zum Einfluss auf das Kulturerbe. In den beiden Dokumenten wurde eindeutig empfohlen, die ursprüngliche Konstruktion an ihrem Standort zu erhalten.“

Eben der Denkmalschutz war laut dem Minister ausschlaggebend für die Entscheidung:

Martin Kupka | Foto: Regierungsamt der Tschechischen Republik

„Für das tschechische Denkmalschutzinstitut, das Unesco-Komitee und internationale Experten ist die Variante, das Bauwerk an einen anderen Ort in Prag zu versetzen, wo es dann als Fußgänger- und Radfahrerbrücke dienen würde, einfach inakzeptabel. Nach Meinung der Experten vervollständigt die historische Brücke an ihrer jetzigen Stelle die Kulisse der Moldau, die typische Prag-Vedute, die Tektonik und den Rhythmus der Prager Brücken.“

Die 261 Meter lange Überbrückung des Flusses steht seit 2004 unter Denkmalschutz. Die Leiterin des nationalen Denkmalschutzinstituts (NPÚ) Naděžda Goryczková:

Naďa Goryczková | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Obwohl es sich seinerzeit um eine typische und übliche Konstruktion handelte, blieben nur wenige derartige Bauten bis heute erhalten. In Prag und auch in Tschechien ist sie einzigartig.“

Die ursprüngliche Konstruktion soll 2028 abgetragen und am Ufer repariert werden. Auf den Pfeilern wird sie durch eine provisorische Einschienenspur ersetzt. Minister Kupka:

„Derzeit kann jeweils nur ein Zug mit einer Geschwindigkeit von 20 Stundenkilometern über die Brücke fahren. Auf der provisorischen Eingleisschiene wird die Geschwindigkeit auf 40 Stundenkilometer erhöht.“

Die eigentliche Brücke mit ihren zwei Schienen wird künftig durch ein drittes Gleis erweitert. Kupka ergänzt:

Von der Stiftung Vyšehrad-Brücke initiierte Wiederaufbaustudie | Foto: Nadační fond Vyšehradský most

„Die Lösung soll möglichst unauffällig sein und den Blick von der Prager Burg in Richtung Vyšehrad nicht stören. Daraus ergibt sich die Platzierung des neuen Gleises auf der Südseite der bestehenden Brücke. Gleichzeitig müssen wir den Rad- und Fußgängerverkehr barrierefrei machen sowie die Errichtung eines neuen Haltepunktes Výtoň umsetzen, was eine logische Forderung der Stadt Prag ist.“

Pavel Ryjáček | Foto: ČVUT

Die geplante Sanierung werde eine anspruchsvolle Aufgabe sein, meint der Leiter des Instituts für Stahl- und Holzkonstruktionen an der Prager Technischen Universität, Pavel Ryjáček:

„Die Brücke hat zwei Hauptprobleme. Das erste und größte ist die Korrosion, die zwar nur lokal wirkt, aber sehr breit verstreut erkennbar ist. Das zweite Problem ist die Materialermüdung. An Teilen der Brücke gibt es Risse.“

Dementsprechend müssten laut Ryjáčeks Schätzungen etwa 60 Prozent der Brückenteile ausgetauscht werden. Zudem warnt der Bauexperte:

„Diese Brücke wird immer ein Vielfaches an Finanzen für Reparaturen und Instandhaltung erfordern, und die Instandhaltungszyklen werden doppelt so häufig sein wie bei einem neuen Brückenbauwerk.“

Mit der Fertigstellung wird 2032 gerechnet. Danach soll die Brücke weitere 100 Jahre dem Verkehr dienen. Die Kosten für das Projekt wurden vom Verkehrsministerium nicht bekanntgegeben.