Am Ende des Lebens, aber ohne Angst: Umschlag mit Vermächtnis Tomáš Garrigue Masaryks geöffnet
Ein Stück Geschichte wurde am Freitag enthüllt: „Versiegelt bis 19.09.2025“ stand auf einem Umschlag, der im Nationalarchiv in Prag aufbewahrt wurde und die vermutlichen letzten Worte des ersten tschechoslowakischen Staatspräsidenten Tomáš Garrigue Masaryk enthalten sollte. Nun wurde der Umschlag im Präsidentenschloss in Lány geöffnet.
„Ich bin krank, es ist vorbei, aber ich mache mir keine Sorgen. Ihr werdet weiterarbeiten. Ihr wisst wie, müsst aber vorsichtig sein. Aber ihr wisst, wie ihr Euch zu verhalten habt.“
Unter anderem diese Worte des tschechoslowakischen Staatsgründers Tomáš Garrigue Masaryk wurden am Freitagvormittag in Schloss Lány vorgelesen. Das Dokument wurde 2005 von Antonín Sum, einem Sekretär von Jan Masaryk, an das Nationalarchiv übergeben, mit dem Hinweis, es erst in zwanzig Jahren zu öffnen. Als erste bekam bei der Feier in Lány nun die Historikerin und Masaryk-Forscherin Dagmar Hájková die Papiere in die Hand. Sie las sich das Schriftstück durch und fasste nach etwa zehn Minuten die Hauptgedanken für die Öffentlichkeit zusammen. Laut ihrer Aussage handelt es sich um Aufzeichnungen, die Jan Masaryk, der Sohn des Präsidenten, mit einem Bleistift notierte. Der schwer lesbare Text umfasst etwa fünf Seiten und ist überwiegend auf Englisch verfasst.
Die Experten bestätigten vorerst, dass das Dokument echt ist. Wahrscheinlich sei es aber nicht im September 1937 entstanden, als Masaryk im Schloss Lány starb, sondern schon einige Jahre früher, als Masaryk sehr krank war und bereits mit seinem Tod rechnete. Gegenüber Radio Prag International sagte Dagmar Hájková:
„Der Text hat mehrere Ebenen: Es geht um sein Ableben, um die Organisation eines Begräbnisses, das er als ein großes Ereignis für die Nation betrachtete. Und er hatte auch eine multiethnische Tschechoslowakei im Sinn, in der er viele Probleme mit nationalen Minderheiten sah. Deshalb erwähnte er die Slowaken, die in gewisser Weise ein unerwünschter Teil der tschechoslowakischen Nation waren, aber vor allem auch die Deutschen.“
Masaryk äußert in dem Text seinen Wunsch, dass die Deutschen mit den Tschechoslowaken zusammenbleiben sollen.
„Gebt ihnen, was sie verdienen, aber nicht mehr.“
Sonst enthält das Dokument weitere gesellschaftspolitische Überlegungen und Ratschläge. Es heißt darin etwa, wenn die Leute ungebildet und dumm seien, könne man damit nichts tun. Man dürfe es ihnen aber nicht einfach machen und müsse mit ihnen streiten, mahnte Masaryk.
Die Öffnung des Umschlags verlief in einer feierlichen Atmosphäre, unter anderem das gegenwärtige Staatsoberhaupt Petr Pavel und Masaryks Ur-Ur-Enkel Tomáš Kotík nahmen daran teil. Das Programm wurde vom Tschechischen Rundfunk live übertragen und auch etwa in Schulen mitverfolgt. Unter den Gästen in Lány war auch der Stuttgarter Archivar Christian Keitel. Seine Eindrücke beschrieb er wie folgt:
„Ich bin ja Archivar, und für uns Archivare war das sensationell. Normalerweise kommen Leute alleine in den Lesesaal, lesen die Dokumente alleine, gehen heim und schreiben Jahre später einen Artikel oder ein Buch. Jetzt hat die ganze Nation zugeschaut, wie vorne drei Leute sich den Kopf zerbrochen haben. Was bedeutet dieses Wort? Wie können wir jenes Wort lesen? Wunderbar. Es war wie ein Krimi mit Cliffhanger.“
Der Inhalt wurde auf Tschechisch präsentiert. Doch die Kollegen erläuterten Keitel, was in dem Text steht. Was sagt er also dazu?
„Naja, dass 1934 vor den Deutschen gewarnt wurde, war nur richtig.“
Jan Kahuda vom tschechischen Nationalarchiv stand in Lány bereit, beim Entziffern des unbekannten Manuskripts zu helfen. Nach der Veranstaltung sagte er im Interview für Radio Prag International:
„Wir hatten viele Spuren, was das Dokument enthalten kann, denn es gibt schon eine mehrjährige Forschung und Vorbereitung auf die Öffnung dieses Umschlags. Ich war also bereit, aber es war nicht nötig, weil der Text auf Englisch geschrieben ist und auch inhaltlich meiner Meinung nach sehr positiv ausfiel. Ich denke, dass das Ergebnis dem entsprach, was wir von Tomáš Garrigue Masaryk erwartet haben und wie wir seine Persönlichkeit verstehen.“
Wie verstehen Sie die Persönlichkeit von Masaryk, und was in diesem Text bestätigt diese Vorstellung?
„Es war sehr beeindruckend für mich persönlich, diese Persönlichkeit zu hören, praktisch am Ende ihres Lebens oder als sie dachte, dass das Ende käme. Die Ideen, die ausgedruckt wurden, waren nicht nur die persönlichsten, sondern es waren seine Ideen für die Zukunft aus philosophischer Sicht, aus politischer oder politologischer Sicht - und selbstverständlich auch aus der praktischen. Das fand ich sehr beeindruckend.“
Und welche Botschaft tragen Ihrer Meinung nach diese Worte?
„Dazu habe ich noch zu wenige Informationen. Es handelt sich um einen langen Text, man muss ihn genau lesen, man muss über ihn nachdenken, ihn interpretieren. Aber anhand dessen, was wir gehört haben, lässt sich sagen, dass das Ideen zu den Beziehungen zwischen den Nationen sind, zur Friedenspolitik und auch zur guten Verwaltung des Staates. Das habe ich persönlich in diesen Worten gehört.“
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