Klimaskeptizismus in Tschechien auf dem Vormarsch

Nach einer aktuellen Umfrage gibt es in Tschechien derzeit mehr Menschen, die den menschengemachten Klimawandel leugnen, als noch vor fünf Jahren. Aber woran liegt das? Und welche Rolle spielt die Klimapolitik bei den Parlamentswahlen, die kommende Woche hierzulande abgehalten werden?

Einer neuen Studie des Meinungsforschungsinstituts Stem zufolge gibt es in Tschechien derzeit mehr Zweifel als früher daran, dass der Klimawandel ein schwerwiegendes Problem ist. So gaben hierzulande vor fünf Jahren noch 34 Prozent der Menschen an, durch die Lage beunruhigt zu sein und Lösungen des Problems zu unterstützen. Derzeit sind es nur noch 28 Prozent. Und auf der anderen Seite steigt der Anteil jener, die den Klimawandel anzweifeln oder sogar überhaupt nicht an einen menschengemachten Klimawandel glauben.

Martin Philipp hat die Studie für Stem mitgestaltet. Wie erklärt er sich den Trend?

Martin Philipp | Foto: STEM

„Diese allmähliche aber doch stetige Entwicklung beobachten wir schon seit fünf Jahren. Wir erklären sie uns damit, dass es 2020, als wir die Studie zum ersten Mal durchgeführt haben, noch keine konkrete Debatte über mögliche Lösungen des Problems gab. Es gab zwar das Ziel, die Treibhausgasemissionen auf null zu senken. In den Augen der Öffentlichkeit war das aber eher eine allgemeine Verpflichtung. Mit der Zeit wurde die Debatte jedoch konkreter. Den Menschen wurden greifbare Lösungen vorgestellt. Und in dem Moment politisierte sich der Diskurs.“

Diese Politisierung meint vor allem eine kritische Betrachtung von Klimaschutzmaßnahmen. Die Umfrageteilnehmer wurden deshalb exemplarisch zum neuen Emissionshandelsystem der Europäischen Union befragt:

„Wir haben uns speziell auf das System ETS 2 konzentriert. Denn wir erklären uns den Wandel vor allem durch einzelne politische Entscheidungen. In der Vergangenheit war das etwa die Entscheidung, bis 2033 die Kohlekraftwerke abzuschalten. Auch das für 2035 geplante Verkaufsverbot von Neuwagen mit Verbrennungsmotoren ist in Tschechien extrem unpopulär. Der Emissionshandel ist nun das neue Schlagwort. Einige Parteien verwenden dieses Wort im aktuellen Wahlkampf.“

Foto: STEM

Und dies spiegeln auch die Antworten der befragten Personen zum Emissionshandel wider:

„Subjektive Kenntnisse dieser Maßnahme nannten am häufigsten die Anhänger der Oppositionsparteien – von den Gruppierungen im Parlament war das die SPD, von den außerparlamentarischen Kräften die Parteien Stačilo! und Motoristé sobě. Diese Parteien verwenden den Begriff ‚ETS 2‘ und die dahinterstehende Politik intensiv in ihrer Kampagne. Und das zeigt sich bei ihrer Wählerschaft, die eben das Gefühl hat, diese Maßnahme zu verstehen, und die Angst vor ihr hat.“

Kritik an klimapolitischen Ansätzen sind laut Philipp für einige der Parteien ein zentraler Pfeiler des aktuellen Wahlkampfes:

„Für manche Parteien ist das ein tragendes Thema, und es scheint, dass sie es ihrer Zielgruppe authentisch als Bedrohung verkaufen können. Die Emissions-Maßnahme wird als typische Politik der Europäischen Union dargestellt, die bei manchen Wählern nicht gut ankommt. Die Regierungsparteien hingegen müssen ETS 2 hierzulande implementieren. Sie sprechen derzeit eher weniger darüber.“

Foto: STEM

Und das hat zur Folge, dass die Wähler der Regierungsparteien weniger Kenntnisse über das System ETS 2 angeben. Ganz allgemein zeigten in der Umfrage die Unterstützer der Piratenpartei und der Grünen (Zelení) das größte Bewusstsein für den Klimawandel. Ihnen folgten die Anhänger der Bürgermeisterpartei Stan und des Wahlbündnisses Spolu. Die Wähler der Partei Ano waren in ihren Ansichten in etwa gespalten.

Politikwissenschaftler Philipp betont allerdings, dass die Klimawandelskeptiker nicht per se die Erderwärmung abstreiten. Sie zweifeln aber an den Lösungsansätzen und stellen deshalb das gesamte Problem in Frage. Zudem gebe es andere Problemfelder, die sie für drängender erachten:

Illustrationsfoto: Gerd Altmann,  Pixabay,  CC0 1.0 DEED

„Sie quält etwa die Lage des Gesundheitssystems, die wirtschaftliche Krise oder der Umgang mit dem Krieg in der Ukraine und den Flüchtlingen von dort. All diese Dinge sind für sie authentischer, dafür fordern sie politische Lösungen. Aber wenn sie jemand dazu auffordert, über grüne Politik auch nur nachzudenken, sind sie verärgert.“

Wie kann man diese Menschen wieder mit ins Boot holen? Laut Philipp muss die Politik vor allem anders kommunizieren als bisher:

„Derzeit scheint es, dass eher die Verbote betont werden und all das, was durch eine grüne Transformation verloren geht. Viel seltener wird hingegen über die Vorteile gesprochen, die dies uns bringen kann.“

Autor: Ferdinand Hauser | Quelle: Český rozhlas
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