Prague City Data Conference: Ohne Daten geht bei Stadtverwaltungen nichts mehr

PCDC 2025

Ohne Daten geht heute nichts mehr. Dies war einer der vielen Sätze, die auf der Prague City Data Conference vergangene Woche gefallen sind. Schon zum fünften Mal kamen Datenexperten, Studierende, Mitarbeiter von Stadtverwaltungen und Vertreter des Privatsektors aus mehreren europäischen Ländern zum Austausch zusammen. Im Mittelpunkt steht dabei immer die Frage, wie verschiedenartige Daten genutzt werden können, um das Leben in einer Stadt zu organisieren und idealerweise auch angenehmer zu machen. Die diesjährige PCDC war eine tschechisch-deutsche Kooperation.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir etwas ohne Daten machen. Das geht halt nicht mehr. Wenn man Verkehr plant oder verschiedene, wie wir sagen, urbane Interventionen plant, muss man das immer mit Daten abstimmen. Wenn diese Evidenz nicht klar gegeben ist, dann sollte man sich fragen, ob es gerade wirklich sinnvoll ist zu investieren.“

Petr Suška | Foto: PCDC

So erläutert Petr Suška, warum die Planung und die Verwaltung von Städten heute nicht mehr ohne breit erhobene Daten auskommen. Suška ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender des städtischen Unternehmens Operátor ICT (OICT), das für Prag unter anderem das Smart-City-Projekt leitet. In einer smarten Stadt ist zum Beispiel der öffentliche Nahverkehr so aufeinander abgestimmt, dass die Fahrgäste beim Umsteigen keine langen Wartezeiten haben. Die Ampelschaltungen ermöglichen einen flüssigen Verkehr, oder es wird die Sonneneinstrahlung auf Gebäudedächern genutzt, um zusätzliche Grünanlagen zu schaffen.

Vor allem die Anpassung an den Klimawandel spielt bei der Prague City Data Conference immer eine wichtige Rolle. Sie wurde vergangene Woche nun schon zum fünften Mal von OICT veranstaltet, und dieses Jahr war das deutsche Daten-Kompetenzzentrum für Städte und Regionen (DKSR) an der Organisierung beteiligt. Das DKSR ist eine Spin-Off-Institution der Fraunhofer-Gesellschaft, mit der OICT wiederum schon vor mehreren Jahren eine Zukunftsstrategie für Prag entwickelt hat. Als eine Folge daraus habe das Team des DKSR im vergangenen Jahr eine ganze Woche lang einen Daten-Workshop in der tschechischen Hauptstadt absolviert, berichtet der Gründer und Direktor der deutschen Einrichtung, Alanus von Radecki:

Debatte mit Alanus von Radecki  (li) und Diana Silvestru  (re) | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

„Es ging um die Fragen, wie wirken sich Hitzewellen auf die Bürger aus, wo wird es besonders warm, und wie muss man als Stadt darauf besser reagieren. Wir haben Daten zusammengezogen, die nicht nur Temperaturmuster über die Stadt legen, sondern sie zum Beispiel auch mit Sozialdaten vermischt. Daran sieht man, wo es in der Stadt besonders heiß wird und wo besonders viele Leute über 60 Jahre leben. Und das konnten wir auch mappen, zum Beispiel auf Notrufe, die an heißen Tagen deutlich häufiger erfolgen. Daraus lassen sich Implikationen und Strategien für die Stadt ableiten: Wo muss man mehr Grün pflanzen und wo entsiegeln? Wo muss man bewässern oder mehr Schatten schaffen? Und wo müssen in Zukunft vielleicht kühle Räume angeboten werden?“

Das Thema Hitzeinseln in der Stadt kam bei der zweitätigen Konferenz immer wieder zur Sprache. Claire Gallacher bot zwischen den Themenblöcken zum Beispiel einen einstündigen Stadtspaziergang im Prager Zentrum an. Er trug den Titel „Feeling the Heat“ (Die Hitze spüren), und obwohl es an dem Tag gerade nicht sehr heiß war, wurde doch deutlich, wie dichte Bebauung, Beton- und Teeroberflächen, Bäume und eventuelle Wasserelemente das Mikroklima an einem bestimmten Ort in der Stadt beeinflussen.

Claire Gallacher beim Stadtspaziergang | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Gallacher, die aus Schottland stammt und derzeit am Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung in Dresden ihren Doktor macht, trug während des Spaziergangs ein handliches Gerät mit sich. Der Messstab sei ihre eigene Kreation, mit der sie Daten in zahlreichen Städten erhebe, schildert die Wissenschaftlerin:

„Das Gerät misst verschiedene Größen, die wichtig sind für das Wärmeempfinden eines Menschen. Dazu gehören die Lufttemperatur, die relative Luftfeuchtigkeit, die Erdstrahlung und die Oberflächentemperatur. Die Idee ist, die Messdaten mit unterschiedlicher Software zu verbinden, um einen Wärmekomfortindikator zu erstellen. Er sagt aus, wie eine Person sich an einem bestimmten Ort fühlt.“

Für diesen Indikator waren alle Teilnehmer des Stadtspaziergangs gebeten, an den fünf Haltepunkten jeweils in einem Fragebogen anzugeben, wie sie den Ort empfinden, ob ihnen kalt oder warm ist, was ihnen fehlt oder im Gegenteil gefällt. Denn die technischen Daten seien nicht alles, unterstreicht Gallacher:

„Darum haben wir uns die Unterschiede angeschaut zwischen den objektiv gemessenen Daten und dem individuellen Erleben. Auf der Route rund um den Konferenzort hier in Prag hatten wir fünf Stopps, die sehr unterschiedliche Architektur- und Umweltelemente hatten. So hielten wir an einigen Bäumen an, die Schatten spendeten. Dann kamen wir an einen großen urbanen Platz, auf dem es an heißen Tagen eine hohe Strahlenbelastung gibt. Zudem haben wir diskutiert, wie das Warten an einer Haltestelle das Wärmeempfinden eines Menschen beeinflussen kann und dass sich ganz unterschiedliche Leute an einem Ort bewegen. Thema war, wem die gesammelten Daten eigentlich dienen und wie die Stadtplanung darauf abgestimmt werden kann. Wer wird also einbezogen und wer außenvorgelassen bei der Planung?“

Claire Gallacher beim Stadtspaziergang | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Satellitendaten zur Klimaanpassung nutzen

Daten werden heute ganz alltäglich auf individueller, urbaner oder globaler Ebene gesammelt. Erhebungen im großen Rahmen, die vom Weltall aus gemacht werden, will etwa die Stadt Wien demnächst für sich nutzen. Diana Silvestru von der städtischen Klima- und Innovationsagentur Urban Innovation Vienna stellte bei der Konferenz in Prag ein Projekt vor, das im Oktober gestartet wird:

„Das Ziel ist, unterschiedliche Algorithmen aufzubauen, die Satellitendaten nutzen. Zusammen mit den Daten der öffentlichen Verwaltung soll die Stadt Wien in ihren Klima- und Innovationszielen unterstützt werden.“

Anpassung an den Klimawandel ist also auch hier das Thema. Dafür sollen kostenlos zugängliche Daten aus dem Erdbeobachtungsprogramm Copernicus der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) ausgewertet werden. Diese würden dann in die Entscheidungsprozesse der Stadtverwaltung mit einbezogen, erläutert Silvestru:

„Ein sehr spannendes Anwendungsfeld sind zum Beispiel Hitzedarstellungen der Stadt, wo sich Zonen besonders stark aufheizen. Diese Informationen kann man dann dazu nutzen, um strategische Kühlungsmechanismen umzusetzen – mit der Frage, wo genau man solche Hitzelösungen aufstellen kann, auf welche Areale und mit welcher Infrastruktur. Und es stellt sich überhaupt die Frage, wo die Hitzequellen sind. Denn vielleicht kann man diese einfach auch ein bisschen zurückschrauben.“

Diana Silvestru bei ihrer Präsentation | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Satellitendaten haben Silvestru zufolge den Vorteil, dass sie konsistent sind, da sie regelmäßig und standardisiert erhoben werden. Das heißt, dass ein Satellit zum Beispiel jede Minute die Luft- und Bodentemperatur, die UV-Belastung oder die Luftfeuchtigkeit eines Ortes misst.

Auch Alanus von Radecki kommt im Interview auf die breite Perspektive zu sprechen. Je größer eine Stadt sei, desto mehr Daten brauche sie, um Maßnahmen umzusetzen, so der Chef des DKSR:

„Wenn es uns ernst ist damit, dass eine Stadt bis 2050 klimaneutral sein und durch erneuerbare Energien laufen soll, dann brauchen wir Echtzeitsteuerung von Energien. Denn die Sonne scheint nicht immer, und der Wind weht auch nicht immer. Da braucht es Speichertechnologien und Elektroautos. Das alles muss in Echtzeit aufeinander abgestimmt werden, damit das gesamte System überhaupt funktioniert. Und solche Systeme sehen wir nicht nur im Energiebereich, sondern auch im Verkehr oder im Bereich Wasser und Abwasser.“

Flüssiger Verkehr dank Datenerhebung

Verkehr ist ein Schwerpunktbereich bei der Planung und Verwaltung von Städten und damit auch bei der Datennutzung. Petr Suška vom OICT schätzt, dass sich etwa 60 Prozent des Datenbedarfs von Prag auf den öffentlichen Nahverkehr beziehen. Aber auch der immer weiter zunehmende Strom an Autos muss reguliert werden. Darüber sprach Filip Kadeřábek auf der Prague City Data Conference. Er arbeitet in der Geschäftsfeldentwicklung des Unternehmens Data from Sky. Dieses entwickelt eine Software, die anhand von Kameraaufnahmen an Straßen und Kreuzungen die aktuelle Verkehrslage analysiert…

„Zunächst registriert die Software ein ankommendes Fahrzeug und kategorisiert es je nach Typ, also als Pkw, Lkw, Fahrrad oder auch Fußgänger. Dann überträgt sie den Bewegungsverlauf im Blickfeld der Kamera in eine Datenkurve. Es wird also ein mathematisches Modell der Bewegung des jeweiligen Fahrzeugs erstellt.“

Mit solchen Kameras, die Kadeřábek lieber Sensoren nennt, laufe in Prag gerade ein Pilotprojekt. Die Software sei dabei direkt mit der Ampelschaltung verbunden. Diese werde dem Fahrzeugaufkommen angepasst, um einen flüssigeren Verkehr zu gewährleisten, so der Entwickler. Erfahrung damit sammle man auch in Tschechiens zweitgrößter Stadt:

Filip Kadeřábek | Foto: PCDC

„In Brünn haben wir ein interessantes Projekt, bei dem etwa 160 Verkehrskameras in der ganzen Stadt an unser System angeschlossen sind. Derzeit werden vor allem statistische Daten gesammelt, wie die Lage an den Kreuzungen ist und wie viele Durchfahrten es dort gibt. In einer nächsten Projektphase soll dann so etwas wie eine Durchfahrtskarte der Stadt erstellt werden. Dafür wird beobachtet, aus welcher Richtung ein Auto kommt, in welche Richtung es weiterfährt und wie viel Zeit es in der Stadt verbracht hat.“

Progressive Nutzung von Daten

Individueller Autoverkehr, dichte Bebauung, Bildung von Hitzeinseln – in Prag gibt es eine Menge Herausforderungen bei der Anpassung an den Klimawandel. Konferenzgast Claire Gallacher formuliert ihren Eindruck von außen:

Claire Gallacher beim Stadtspaziergang | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

„Prag ist eine sehr historische Stadt. Wenn man Veränderungen einführen will, dann kann ich mir das hier als sehr schwierig vorstellen. Es gibt eine Menge alter Bauten und Materialien, bei denen es kompliziert ist einzugreifen – sie stehen ja auch unter Schutz. Ansonsten finde ich, dass Prag viele Grünflächen hat. Und ich habe einige Sprühnebelanlagen gesehen, die sehr innovativ sind. In Wien zum Beispiel gibt es auch eine Menge davon. Trotzdem denke ich, dass es an den Touristenorten Prags im Sommer zu wenige Schattenplätze gibt. Dies sollte vielleicht verbessert werden – mit permanenten oder auch temporären Schattenspendern.“

Gallacher erwähnt noch lobend, dass breit erhobene Daten in Prag schon sehr progressiv eingesetzt würden, anders als dies etwa in anderen europäischen Städten der Fall sei. Und Petr Suška vom OICT gibt eine allgemeine Einschätzung zum Umgang mit Zahlen, Messgrößen und Statistiken in Tschechien:

„Als Tscheche kann ich sagen, dass wir sehr weit sind bei der Akzeptanz von neuen Technologien. Das ist etwas Besonderes. Zum Beispiel wurde die bargeldlose Zahlung im ÖPNV hier entwickelt, und nun gibt es sie schon in 80 anderen Städten. Wir akzeptieren also die neuen Technologien und stellen weniger Fragen. Datenschutz ist ein Thema, aber es ist hier nicht so groß wie in Deutschland. Da sieht man wirklich einen Unterschied. Ich denke, wo Tschechien wachsen kann, das ist der Klimaschutz und Klimaanpassung. Klima ist generell ein Thema, das keine Top-Priorität für die Verwaltungen und die Menschen hier hat.“

PCDC 2025 | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International