Tschechisches Abgeordnetenhaus wird weiblicher und jünger
Das tschechische Abgeordnetenhaus wird jünger und weiblicher. Nach der Wahl am Freitag und Samstag ziehen zahlreiche Neulinge in die untere Parlamentskammer ein, und die soziologische Zusammensetzung verändert sich.
In etwa einem Monat soll in Prag das neugewählte Abgeordnetenhaus zu seiner konstituierenden Sitzung zusammenkommen. 92 der insgesamt 200 Parlamentarier werden dann zum ersten Mal in den Bankreihen des Verhandlungssaales Platz nehmen. Die Neulinge senken das Durchschnittsalter um ein Jahr auf nun 48,8 Jahre.
Noch deutlicher ist die Veränderung bei der geschlechterspezifischen Zusammensetzung. Der Anteil der Frauen im neuen Abgeordnetenhaus liegt bei 33,5 Prozent. In der gerade zu Ende gehenden Legislaturperiode waren es 25 Prozent, und das war damals schon ein Rekordwert. Eine der 67 Parlamentarierinnen hat zudem historisch das niedrigste Alter, mit dem jemand je ins tschechische Abgeordnetenhaus eingezogen ist. Julie Smejkalová ist im Juli 21 Jahre alt geworden und Mitglied der Bürgermeisterpartei Stan. In der Fraktionsarbeit wolle sie sich Bildungs- und Wohnungsfragen widmen, sagte die Jurastudentin gegenüber den Reportern des Tschechischen Rundfunks. Und weiter:
„Ich bin nicht unerfahren, in der Politik engagiere ich mich seit fast vier Jahren. So habe ich zum Beispiel ein Praktikum im Abgeordnetenhaus gemacht oder war Fachassistentin eines stellvertretenden Bürgermeisters. Als Bürgerin bin ich in der Kommunalpolitik und verschiedenen Kommissionen aktiv. Ich glaube darum, dass ich allem Stand halten und mich bestimmt nicht durch Stärke einschüchtern lassen werde. Ich werde mein Bestes geben.“
Von den sechs Gruppierungen, die nun im Abgeordnetenhaus sind, wird die Fraktion der Piraten den höchsten Frauenanteil haben. Von insgesamt 18 Mitgliedern sind nur drei Männer. Obwohl die vorderen Plätze der Kandidatenlisten bei der Wahl allesamt männlich besetzt waren, haben die Wähler die Frauen doch nach vorne befördert – nämlich durch die Vergabe der Präferenzstimmen, von denen jeder Abstimmende insgesamt vier hat. Diese können, müssen aber nicht an die favorisierten Kandidaten der gewählten Partei vergeben werden.
Welchen Einfluss die Parlamentarierinnen auf das Geschehen im Unterhaus nehmen können, erläutert Olga Richterová von den Piraten:
„Viele der Frauen haben Erfahrungen mit Care-Arbeit, mit der Erziehung von kleinen Kindern oder der Pflege von älteren Menschen – also mit einem ganz normalen Familienleben. Das wird sich logischerweise darauf auswirken, wie sie sich zu asozialen politischen Ideen positionieren, die nun wahrscheinlich auftauchen werden.“
Den niedrigsten Anteil an Parlamentarierinnen hat mit 15 Prozent hingegen die Fraktion der Autofahrerpartei Motoristé sobě. In ihr werden elf Männer und zwei Frauen sitzen.
Für einen höheren Frauenanteil im tschechischen Parlament engagiert sich seit längerem der Verein Zakroužkuj ženu (Kreuze eine Frau an). Deren Sprecher Matouš Turek kommentierte in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:
„Mit der jetzigen Entwicklung nähern wir uns Ländern wie etwa Italien oder Deutschland an, wo der Frauenanteil bei 35 bis 38 Prozent liegt. Wir machen uns hingegen los von Staaten wie Ungarn, Russland, der Türkei oder Griechenland, in denen Frauen nur marginal vertreten sind.“
Weiblich sind auch die beiden Abgeordneten, die die Grüne Partei (Zelení) nach 15 Jahren Pause wieder ins Parlament schicken kann. Zu verdanken hat sie dies den Piraten, die einige Plätze auf ihren Kandidatenlisten den Grünen überlassen hatte. Irena Ferčíková und Vizeparteivorsitzende Gabriela Svárovská werden darum nun zur Piratenfraktion gehören – und dort ökologische Themen einbringen, wie Svárovská ankündigt:
„Ich fühle eine große Verantwortung, eine Wende in der grünen Politik anzustoßen. Denn diese stagniert in Tschechien seit langem. In den Reihen der Politikerinnen und Politiker gibt es immer noch Leugner des Klimawandels. Und das können wir uns nicht weiter erlauben.“
Erneut ins Abgeordnetenhaus gewählt wurde im Übrigen der dienstälteste Parlamentarier Tschechiens. Bürgerdemokrat Marek Benda sitzt seit 35 Jahren in der unteren Kammer. Wenn die beginnende Legislaturperiode wie geplant abläuft, kommen nun weitere vier Jahre hinzu.
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