„Bei St. Loretto da brennt ein Licht“ – Rainer Maria Rilke und Prag
Er gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter überhaupt: Rainer Maria Rilke. Am 4. Dezember 1875, also vor 150 Jahren, wurde der Schriftsteller in Prag geboren. Was bedeutete die Moldaumetropole im Leben des Autors? Wie wurde Rilke früher gelesen? Und welche Rolle spielt er heute in Tschechien?
Der österreichisch-tschechische Übersetzer, Verleger und Autor Ondřej Cikán kann sich noch an seine erste literarische Begegnung mit Rilke erinnern:
„Ich war ungefähr 14 oder 15 Jahre alt und in Wien am österreichischen Gymnasium. Im Deutschunterricht haben wir alles Mögliche gelesen, aber nichts, was mich so richtig mitgenommen hätte. Rilkes ‚Cornet‘ jedoch war eines der Bücher, die mich davon überzeugt haben, dass es auf Deutsch auch solche Gedichte gibt, die ich aus dem Tschechischen gewohnt war.“
Abgesehen von der Leidenschaftlichkeit habe Cikán auch die lautmalerische Sprache verzaubert, sagt er heute. Etliche Jahre später war diese Begeisterung immer noch da, weshalb Cikán den „Cornet“ 2019 neu ins Tschechische übersetzte und in seinem Verlag Kētos herausbrachte.
„Es geht um einen sinnlosen Tod, könnte man sagen. Ein junger Mann zieht in den Krieg gegen die Türken und wird zum Kornett befördert. Er verliebt sich in eine Gräfin. Und dann stirbt er – völlig unnötigerweise.“
Diese Geschichte könne auch heute noch junge Menschen begeistern, so wie ihn selbst einst, glaubt Cikán:
„Rilkes ‚Cornet‘ ist ein Buch, das junge Leute besonders gut ansprechen kann. Es wird zwar gegen die Türken gekämpft, und wenn man heutzutage zum Beispiel in Wien eine Schulklasse hat, wird man dort recht viele Türken haben und mit ihnen darüber sprechen und den Entstehungskontext erklären müssen. Aber die Hauptgeschichte – dieser sinnlose Tod, die erste Liebe – das ist, glaube ich, interessant für alle jungen Leute.“
War Rilke ein Prager deutscher Autor?
Rainer Maria Rilke, der in Ondřej Cikán die Liebe zur deutschen Dichtung weckte, wurde am 4. Dezember 1875 in Prag geboren – unter dem recht langen Namen René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke. Aber welche Rolle spielte Prag für Rilke? Und vor allem: Kann man sagen, dass Rilke ein Prager deutscher Dichter war? Štěpán Zbytovský leitet das Institut für germanische Studien der Philosophischen Fakultät der Prager Karlsuniversität und sagt:
„Die kurze Antwort ist: Man kann das auf jeden Fall so sagen. Die etwas längere ist: Aus literaturhistorischer Sicht macht es vollkommen Sinn, Rilke als einen Prager deutschen Autor zu führen. Denn, wie auch immer die Kriterien eingestellt sind: Rilke wurde in Prag geboren, er verbrachte hier mindestens einen wichtigen Teil seiner Schaffenszeit, und er bezog sich in einer bestimmten Phase sehr intensiv auf Prag. Und das macht die Zugehörigkeit eines Literaten zu einem bestimmten Sprachraum aus.“
Allerdings ergebe sich daraus keinesfalls ein Anspruch auf Exklusivität, so Zbytovský, denn Rilke könne sicherlich auch anderswo eingeordnet werden. Zudem sei die Beziehung des Dichters zu Prag von der Literaturgeschichte immer wieder anders betrachtet worden:
„Im ‚Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder‘ wird praktisch nur der frühe Rilke berücksichtigt, derjenige, der noch in Prag lebte. Früher, etwa im literaturhistorischen Werk von Josef Nadler, der aus politischen Gründen berüchtigt war, spielte Rilke hingegen eine ganz zentrale Rolle. Er wird dort auch mit seinem Spätwerk als Prager Autor betrachtet, obwohl dies mit dem frühen Rilke eigentlich nichts zu tun hat.“
Verwöhntes Einzelkind
Wie aber verlief Rilkes Kindheit in Prag? Die Literaturhistorikerin Lucie Merhautová forscht am Masaryk-Institut der tschechischen Akademie der Wissenschaften zu deutsch- und tschechischsprachiger Literatur der Moderne. Der junge Rilke sei in einer kleinbürgerlichen Familie aufgewachsen, sagt sie:
„Er war ein verwöhntes Einzelkind. Die Mutter war mit ihm zu Hause und kümmerte sich sehr viel um ihn.“
Das Geburtshaus Rilkes steht in der Heinrichgasse, der Jindřišská, die Großeltern mütterlicherseits lebten in einem Barockpalais in der Pánská, der Herrengasse. Das Leben des jungen Rilke spielte sich also mitten im Zentrum Prags ab.
Fortgang und Rückkehr
Im Alter von neun oder zehn Jahren kam es zu einem Bruch im Leben des Jungen. Denn die Ehe der Eltern ging entzwei. Rilke wurde zunächst auf die Militär-Unterrealschule in St. Pölten geschickt, später besuchte er die Militär-Oberrealschule in Mährisch Weißkirchen, der heutigen Stadt Hranice. Eine Karriere bei der Armee sei für die Familie Rilke sehr typisch gewesen, sagt Merhautová:
„Sein Vater sollte ursprünglich auch Offizier werden. Und sein Onkel, Hugo Rilke, war ebenso Offizier. Diese Karriere war in diesen sozialen Kreisen also ziemlich üblich, und ich glaube, die Uniform zog ihn schon an.“
Allerdings kam Rilke mit dem Drill an den Ausbildungsstätten nicht zurecht. Er brach seine militärische Ausbildung ab und ging nach Linz an eine Handelsakademie. 1892 kehrte der junge Mann nach Prag zurück. Rilke bereitete sich auf das Abitur vor, das er 1895 ablegte, und trat dann ein Studium der Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie an. Diese Zeit, in der der angehende Autor bei seiner Tante wohnte, sei für den jungen Rilke eine Periode des Aufbruchs gewesen, sagt Zbytovský:
„Sofort nach dem Abitur wirft er sich in Publikationspläne und in die Schreibtätigkeit. Er möchte die Prager Literaturkreise auffrischen, eine freie Bühne als Form eines experimentellen Theaters gründen und eine Zeitschrift ins Leben rufen, was er auch tut. Er hat große Pläne und stellt bald fest, dass sie nicht so leicht in dem Prager Umfeld realisiert werden können und dass ein frischer Abiturient nicht alle begeistern kann. Aber es ist eine Zeit des Aufbruchs.“
Zeit des Aufbruchs
Rilke verkehrte in Prag etwa im Schriftstellerverein Concordia und im Verein Deutscher Bildender Künstler. Er habe aber ebenso Kontakte zu Tschechen gepflegt, sagt Lucie Merhautová:
„Kurz vor seinem Weggang aus Prag trat er in Beziehungen mit den tschechischen Modernisten, etwa mit dem Umkreis der Zeitschrift ‚Moderní revue‘ um Jiří Karásek und Arnošt Procházka. Zudem traf er die sogenannte ‚Fortschrittliche Bewegung‘ und die Redakteure einer weiteren Zeitung, ‚Rozhledy‘ – Josef Pelcl und František Václav Krejčí. In diesen Zeitschriften erschienen dann auch die meisten Rezensionen seiner Werke.“
Rilke hielt zudem Briefkontakt mit dem bedeutenden tschechischen Schriftsteller Jaroslav Vrchlický. Und über seine Partnerin, Valerie von David-Rhonfeld, lernte er Julius Zeyer kennen:
„Er widmete ihm nicht nur seine Bücher. Es gibt auch ein Gedicht mit dem Titel ‚An Julius Zeyer‘.“
Dieses Gedicht befindet sich im Band „Larenopfer“, der 1895 erschien und Prag gewidmet ist. Welches Bild zeichnet Rilke von seiner Geburtsstadt? Zbytovský meint:
„Das Bild einer Heimat oder vielleicht einer Suche nach einer solchen. Es geht um Heimat als Frage. Und diese Heimat wird nicht wahrgenommen als eine Heimat entweder von den Deutschen oder den Tschechen. Es verkehren dort beide Sprachen. So zitiert Rilke etwa einzelne tschechische Wörter oder Wendungen.“
Merhautová betont zudem, dass Rilke die Moldaumetropole augenscheinlich sehr gut gekannt haben muss:
„Er bezieht sich oft auf sehr bestimmte Orte oder architektonische Dominanten wie etwa Kirchen. Es geht zum Beispiel um den Hradschin oder die Kleinseite.“
So verweist Rilke etwa auch auf das Loreto-Kloster, die Friedhöfe Olšany und Malvazinky oder auf das Arbeiterviertel Smíchov.
Rilke erschien auch im Protektorat und unter den Kommunisten
Rainer Maria Rilke verließ Prag 1896 und kam fortan nur noch ab und an in die Stadt, etwa auf der Durchreise oder um seine Mutter zu besuchen. Štěpán Zbytovský sagt:
„In der Korrespondenz sind ab diesem Zeitpunkt schon deutlich distanziertere Einstellungen zu Prag sichtbar. Die Stadt wird als eng, düster und beklemmend geschildert. Das Bild wandelt sich ganz deutlich.“
Dies zeige sich auch in den späteren Werken, in denen sich Rilke noch auf seine Heimatstadt bezieht, etwa in den „Zwei Prager Geschichten“, die 1899 erschienen:
„In diesen Rückblicken zeichnet sich der Wandel und die allmähliche Distanzierung, die Loslösung von der vertrauten Stadt bereits ab.“
Rilke lebte später unter anderem in München, Berlin und Paris, er reiste nach Russland und Italien und starb 1926 als tschechoslowakischer Staatsbürger in der Schweiz. Von diesem Zeitpunkt an sei der Dichter in seiner Heimat mehr rezipiert worden, sagt Merhautová:
„Rilke wurde auf jeden Fall schon zu Lebzeiten gelesen, etwa zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Aber die meisten Übersetzungen und eine wirklich lebendige Auseinandersetzung mit ihm fand erst nach seinem Tod statt – Ende der 1920er Jahre und dann in den 1930er Jahren.“
Gerade dieses Jahrzehnt würde gewissermaßen einen Höhepunkt der Beschäftigung mit Rilke darstellen, sagt die Literaturhistorikerin. Denn zahlreiche tschechische Autoren übersetzten den Dichter und knüpften an ihn an.
„Von den ganz bekannten tschechischen Dichtern und Übersetzern ist etwa Vladimír Holan zu nennen. Er übersetze viel von Rilke – nicht nur die deutsche Lyrik, sondern auch das französische Werk. Zudem gab es zahlreiche katholische Dichter wie Václav Renč oder Jakub Deml, die als Übersetzer agierten. Und auch die jüdischen Vermittler wie etwa Pavel Eisner und Otto Pick waren sehr wichtig.“
Im von Nazi-Deutschland ausgerufenen „Protektorat Böhmen und Mähren“ wurde Rilke ebenso gelesen und zum Heimatdichter ernannt. Der Gedichtband ‚Larenopfer‘ wurde damals gar zum ersten Mal in Gänze in Tschechische übersetzt. Bis heute handele es sich dabei wohl um die auflagenstärkste Ausgabe, sagt Merhautová.
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg erschien in Tschechien Literatur von Rilke, wobei der Fokus – wie auch anderswo – auf dem lyrischen Werk lag. Die Prosa- und Dramentexte seien hingegen ausgeklammert worden, schildert Zbytovský.
„Ich denke, das ist auch teilweise der Grund, warum er in der kommunistischen Zeit intensiver als Kafka rezipiert werden konnte. Denn Lyrik ist immer die Angelegenheit einer schmaleren Gruppe von Lesern, Übersetzern und Autoren. Politisch ist sie weniger anstößig.“
Einige Gedichte wurden 40 Mal übersetzt
Heute ist Rilke einer der meistübersetzten deutschsprachigen Autoren in Tschechien. Einige der Gedichte seien 30 oder 40 Mal übertragen worden, sagt Štěpán Zbytovský. Neben Ondřej Cikán hat sich zuletzt etwa der renommierte Übersetzer Ivan Chvatík den „Duineser Elegien“ angenommen. Und Věra Koubová arbeitet derzeit an einer Übertragung von Rilkes französischen Gedichten.
„Das Interesse ist immer da. Sei es von der akademischen Seite oder von der Seite der Literaturliebhaber. Inwieweit er dann zu Hause gelesen wird, das ist die zweite Frage.“
In Prag steht Rilke heute womöglich ein wenig im Schatten des bekannteren Franz Kafka, der touristisch ausgeschlachtet und vielerorts gewürdigt wird. Aber auch für Rilke gibt es in der tschechischen Hauptstadt zwei kleinere Denkmäler. In der Einkaufsstraße Na Příkopě, dem einstigen „Graben“, wird mit einer Büste an Rilke erinnert, die sich am Gebäude der einstigen Deutschen Piaristen-Volksschule befindet, die Rilke besuchte. Und seit 2015 steht zudem im Stadtteil Holešovice ein Denkmal für Rilke.
Anlässlich des bedeutenden Geburtsjubiläums von Rainer Maria Rilke wird am 8. Dezember eine Ausstellung im Prager Literaturmuseum eröffnet. Sie steht unter dem Titel „Rainer Maria Rilke und Böhmen“. Zu sehen ist sie bis zum 29. März kommenden Jahres.
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