Als der DFC Prag den FC Bayern mit 8:0 schlug – Geschichtsträchtiges Fußballspiel vor 125 Jahren
Wer heute den FC Bayern erwähnt, der meint damit einen der erfolgreichsten Fußballvereine der Welt. Doch vor 125 Jahren war das noch anders. Da gehörte der DFC Prag zu den besten Klubs in Kontinentaleuropa. Und am 9. Dezember 1900 empfingen die Prager die Bayern zu einem Kräftemessen in ihrem Stadion. Es war die erste Auswärtsbegegnung der Kicker aus München. Im Folgenden mehr über die Geschichte dieses Spiels.
Am 9. Dezember 1900 kam es zu einer historischen Fußballbegegnung in Prag. Das bestätigt der Historiker Thomas Oellermann am Treffpunkt vor dem heutigen Tschechischen Landwirtschaftsmuseum:
„Hier auf der Letná, auf Deutsch Belveder, im Stadion des DFC Prag, bestritt der FC Bayern München – damals ein ganz junger Verein – sein allererstes Spiel im Ausland. Also jener FC Bayern, der heute durch die Weltgeschichte reist, europäisch spielt sowie international wie bei der Klub-WM, und wirklich eine globale Marke ist. Und diese globale Marke hat eigentlich damals im Jahr 1900 begonnen – also vor 125 Jahren hier auf der Letná.“
Das Ergebnis an dem Dezembertag war eindeutig – und zwar zuungunsten der Bayern...
„Man traf mit dem DFC Prag sicher auf einen der stärksten Klubs in Kontinentaleuropa. Der britische Fußball war natürlich woanders, aber in diesem Teil Europas war der DFC sehr stark und deswegen auch sehr bekannt. Das mag sicher auch ein Grund dafür gewesen sein, dass der FC Bayern auf seiner ersten Auslandsreise diesen Klub ausgewählt hat. Und der DFC Prag machte es dann relativ deutlich und schlug die Bayern mit 8:0“, so der Geschichtswissenschaftler, der beim DFC Prag heute die historischen Aktivitäten leitet.
Auch die damaligen deutschsprachigen Zeitungen der Stadt berichteten über das Spiel. Im Prager Tagblatt hieß es in einem Artikel vom 10. Dezember:
„Ein, wie die Engländer sagen, ‚one sided game‘. Den Gästen selbst dürfte die ihnen die ganze Woche vorher gemachte persönliche Reclame unangenehm gewesen sein, die sie als Mannschaft von ausgezeichneter absoluter Spielstärke hinstellte, eine Voraussetzung, die sie mit bestem Willen nicht erfüllen konnten.“
Des Weiteren schrieb der Sportreporter über die Bayern und die Begegnung:
„Sie sind eine mittelgroße, aber sehr starke und schwere Mannschaft; einige Spieler könnten im Interesse ihrer Condition noch an Gewicht verlieren; ihr Laufen war anfangs gut, so daß sie hiedurch viel halten konnten und in der ersten Zeit nur drei Goale bekamen. Nach der Pause verlegten sie sich auf ein ausgesprochenes Vertheidigungsspiel, wobei sie höchstens 5- oder 6mal die Mittellinie des Spielfeldes passierten, in der übrigen Zeit von den Pragern belagert wurden. Diese hätten ohne besondere Anstrengung noch mehr als 8 Goale erzielen können.“
Der Sportreporter schloss seinen Bericht damit, dass „von einem besonders anregenden Kampf nicht die Rede sein“ konnte.
Vorbild für die Münchner
Der FC Bayern war nur gut neun Monate zuvor gegründet worden. Dennoch hatte er sich bereits einen Namen gemacht und war hoch ambitioniert. Priorität habe der schnelle Aufstieg zur ersten Fußballmacht in München gehabt, sagt Michael Fröhlich von der dem FC Bayern nahestehenden Kurt-Landauer-Stiftung:
„Die Rechnung sollte auch aufgehen, denn nach der Gründung startete man furios. Die ersten Begegnungen wurden allesamt gewonnen und teils auch mit sehr hohen Ergebnissen. Somit war der FC Bayern von Beginn an ein sehr innovativer und moderner Klub, was auch maßgeblich dazu führte, sich schnell die führende Rolle im Münchner Fußball zu erkämpfen.“
Das sprach sich wohl auch bis in die Hauptstadt Böhmens herum.
Der DFC Prag war schon vier Jahre früher entstanden. Filip Bláha ist Historiker und betreibt einen Fußball-Podcast. Er erläutert, dass der Fußball ein junger Sport gewesen sei, aber auch ein Zeichen der Moderne...
„Der DFC spielte für die Anfänge in Prag eine entscheidende Rolle. Er war eigentlich der erste reine Fußballverein überhaupt in Böhmen. Die etwas älteren Prager Klubs wie Slavia und Sparta entstanden zunächst als Vereine für verschiedene Sportarten. Anfangs haben bei beiden die Radfahrer dominiert, der Fußball erst später“, so Bláha.
Und Thomas Oellermann betont, dass Prag damals eine Metropole mehrerer Nationalitäten war. Es gab die große tschechische Mehrheit, eine deutsche Minderheit und eine starke jüdische Gemeinschaft.
„In diesem System konnte sich der DFC Prag ganz gut orientieren, denn er war der Klub der deutschsprachigen Juden – natürlich nicht ausschließlich, aber viele deutschsprachige Juden waren führend bei dem Verein tätig. Das hat auch die Identität des Klubs ganz klar geprägt“, so der Historiker.
Jedenfalls steckte die deutschsprachige jüdische Ober- oder Mittelschicht auch Geld in den neuen Verein – enorm wichtig in den Anfangsjahren des Fußballs, da sich mit den Eintrittsgeldern zu Spielen noch keine richtigen Umsätze machen ließen. Denn von Stadien, wie wir sie heute mit dem Spitzenfußball assoziieren, konnte keine Rede sein, wie Filip Bláha weiß:
„Das waren nur Spielstätten. Das Einzige, was man dort als Bau bezeichnen konnte, war eine Holztribüne. Ansonsten standen die Zuschauer auf einem etwas erhöhtem Grund.“
Einen durchgehenden Ligabetrieb gab es ebenfalls noch nicht, stattdessen waren Begegnungen gegen die Vereine aus anderen Metropolen Europas oder gegen Vereine von den britischen Inseln gang und gäbe. Am selben Tag, an dem der DFC Prag gegen die Bayern antrat, spielte zuvor auch Slavia Prag. Die Spielstätte der Rot-Weißen lag unmittelbar neben der des DFC. Slavia besiegte damals relativ deutlich den First Vienna FC, also den ersten Fußballverein aus Wien. Mehrere Hundert Zuschauer hätten die Begegnung damals verfolgt, sagt Filip Bláha und ergänzt:
„Ich weiß nicht, wie viele Zuschauer zu dem Spiel zwischen dem DFC Prag und den Bayern kamen. Aber ich denke, dass die Zuschauer damals sehr gewandert sind. Und man kann davon ausgehen, dass manche beide Spiele hintereinander verfolgt haben.“
Ähnliche Wappen, dieselben Vereinsfarben
An diesem 9. Dezember 1900 stellte der DFC – wie bereits gesagt – seine Spitzenposition in Europa eindrücklich unter Beweis. Aber die Prager hatten den Bayern noch etwas voraus. Sie gehörten zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Fußballbundes (DFB), der im Januar desselben Jahres in Leipzig entstanden war. Und nicht nur das. Oellermann schildert:
„Der erste Präsident des DFB war der damalige Präsident des DFC Prag, Ferdinand Hueppe. Er übernahm auch eine führende Rolle bei der Gründung des Deutschen Fußballbundes. Deswegen nahm man auch an der ersten deutschen Fußballmeisterschaft 1903 teil, also drei Jahre später. Man stieß über sehr skurrile Begebenheiten und Zufälle – eigentlich kampflos – ins Finale vor und unterlag dann in Hamburg-Altona dem VfB Leipzig mit 2:7.“
Der DFC kann sich damit erster deutscher Vizemeister nennen.
Ganz eindeutig waren damals die Prager für die Bayern sportliche Vorbilder und nicht andersherum. Das illustriert auch die Geschichte um das Vereinswappen der Münchner. Michael Fröhlich:
„Kurz nach der Gründung beschloss man beim FC Bayern, ein eigenes Wappen zu schaffen. In einer Festschrift zum 25-jährigen Vereinsjubiläum ist festgehalten, dass man sich damals an die Abzeichen der damals führenden deutschen Vereine anlehnte und auch das Wappen des DFC Prag als Vorbild diente.“
Und der Verein aus der bayerischen Landeshauptstadt hatte bis 1906 dieselben blau-weißen Farben wie der DFC.
„Aus der frühen Vereinsgeschichte existieren bei den Bayern zwei Wappen: einmal ein schildähnliches mit übereinandergelegten Buchstaben, welches erst in diesem Jahr durch ein Mitglied unserer Stiftung bei Recherchen wiederentdeckt wurde. Sowie ein zweites Wappen, das die Form einer blau-weiß-gestreiften Fahne hatte. Der DFC Prag besaß zu dieser Zeit genauso zwei Wappen – ein Schildwappen mit verwobenen Klubinitialen und ein blau-weiß-gestreiftes Fahnenmotiv. Somit ist die Ähnlichkeit der Wappen beider Vereine unübersehbar“, so Fröhlich.
Allerdings ging die weitere Entwicklung beider Vereine dann auseinander. Während die Bayern 1932 erstmals deutscher Meister wurden, blieb es für den DFC Prag bei dem einen Kampf um diese Krone. Denn 1904 entstand der Weltverband Fifa, und ab da durften Mannschaften nur noch an Meisterschaften ihres Landes teilnehmen. Die Prager schlossen sich also dem Österreichischen Fußball-Verband an.
Ausflug in die Allianz-Arena
Der DFC Prag wurde 2016 wiedergegründet und ist heute vor allem ein Jungendverein. Natürlich erinnert er zum 125-jährigen Jubiläum an das denkwürdige Spiel gegen den FC Bayern. Auch eine Film-Doku über die eigene Geschichte stützt sich darauf...
„Diese Dokumentation spielt so ein wenig mit diesem historischen Spiel. Der Film hat acht Kapitel – und der Bezug sind eben die acht Tore aus dem Jahr 1900“, so Thomas Oellermann.
Aber auch beim FC Bayern sei man sich der Beziehungen zwischen beiden Vereinen bewusst, weiß der Historiker – zumindest in jenen Kreisen, die sich mit der Geschichte des deutschen Rekordmeisters beschäftigen:
„Das hier war nicht die letzte Begegnung, die man gegeneinander ausgetragen hat. Und von daher ist der Name DFC Prag als Gegner des FC Bayern relativ bekannt. Die historischen Kreise wissen um uns. Und vor wenigen Jahren haben wir auch Freikarten bekommen haben, um mit unserer Jugendmannschaft zu einem Spiel nach München fahren zu können. Das war eine tolle Angelegenheit, und es war schön, dass wir uns als DFC Prag mal wieder sehen lassen konnten beim FC Bayern.“
Im Übrigen sind Thomas Oellermann insgesamt vier Spiele zwischen beiden Vereinen bekannt – bis der DFC als jüdischer Verein im März 1939 aufgelöst werden musste. Zwei Spiele gewannen die Prager und zwei die Münchner, bei einer Tordifferenz zugunsten des DFC.









