Leipziger Geschichtsinstitut GWZO eröffnet Zweigstelle in Prag

Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) in Prag

Das Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) mit Sitz in Leipzig hat seit neuestem eine Zweigstelle in Prag. Die Abteilung in der Moldaumetropole beschäftigt sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen akademischer und außerakademischer Wissensproduktion. Der Historiker Michal Frankl leitet die Forschungseinrichtung.

Herr Frankl, wie war der Weg zur Gründung der Abteilung des GWZO in Prag?

Michal Frankl | Foto: Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa - GWZO

„Die Abteilung ist das Ergebnis einer wirklich langen und intensiven Zusammenarbeit zwischen Prag und Leipzig, beziehungsweise zwischen Sachen und Deutschland sowie Tschechien. Diese fand bisher bereits auf vielen Ebenen statt, etwa durch die Kooperation mit dem Philosophischen Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften. Die Verknüpfungen entstanden ganz natürlich aus gemeinsamen Interessen und den Bekanntschaften. Vor einigen Jahren ist es dann zu Überlegungen gekommen, dies auszubauen. Und nun haben wir hier eine volle Forschungsabteilung mit einem eigenständigen Thema, das ich auch für sehr wichtig halte. Unsere hiesige Abteilung ist eine Erweiterung eines Instituts der Leibniz-Gesellschaft – und dass ein solches Institut eine volle Abteilung im Ausland hat, ist die absolute Ausnahme.“

Das heißt, Sie leiten die erste Außenstelle des GWZO im Ausland?

„Ja. Wir sind wirklich eine der vier vollwertigen Abteilungen des GWZO.“

Sie beschäftigen sich hier mit dem Thema „Wissen und Partizipation“. Was kann man sich darunter vorstellen? Wozu forschen Sie?

„Die Abteilung geht von der Frage aus, wie wir die Beziehung zwischen Wissenschaft und Wissenschaftlern auf der einen und der Gesellschaft und den Laien auf der anderen Seite stärken und vielleicht auch neu denken können. Wir leben gerade in einer Zeit, in der diese Beziehung problematisch ist. Wissenschaft wird infrage gestellt, es gibt ein Misstrauen ihr gegenüber. Insofern greift die Abteilung ein wichtiges Thema auf. Ganz konkret geht es auch um die Anwendung und Entwicklung von ‚citizen science‘, also Bürgerwissenschaften. Das halte ich für sehr wichtig. In den letzten Jahren hat man viele derartige Projekte gesehen. Der Großteil fand aber nicht in den Geisteswissenschaften statt. Es handelte sich vielmehr häufig um eine Form der Datensammlung, was natürlich auch wichtig ist. Aber wir wollen mehr. Wir fragen uns, wie Wissen außerhalb der Wissenschaft entsteht und dann in diese einfließt. Wir fokussieren uns dabei auf marginalisiertes Wissen und die Frage, wie man dieses unsichtbare Wissen, das von der Gesellschaft nicht wahrgenommen wird, produktiv nutzen kann. Den Begriff des ‚citizen‘ in den Bürgerwissenschaften sehe ich im doppelten Sinne. Im Amerikanischen ist damit der Laie gemeint. Aber für mich geht es auch um ‚citizenship‘ – also darum, ein aktiver Bürger zu sein. Wir fragen uns, wie wir marginalisierte Gruppen mithilfe von ‚citizen science‘ in ihrer Bürgerschaft stärken können.“

Können Sie Beispiele für solche Citizen-science-Projekte nennen?

„Ich würde vielleicht über unsere Pläne sprechen. Wir haben bereits einen Workshop zu Archiven der Migration abgehalten. Kolleginnen und Kollegen haben dabei über verschiedene tolle Projekte gesprochen, in denen Flüchtlinge engagiert werden, um ihre Flucht zu dokumentieren. Eingebunden werden dabei auch NGOs und humanitäre Organisationen. Und genau solche Projekte wollen wir hier entwickeln. Wir beschäftigen uns mit dem feministischen Wissen in Ost- und Mitteleuropa in Vergangenheit und Gegenwart. Außerdem soll es um Zeitzeugenberichte in Bezug auf die Geschichte des Holocaust gehen. Und vielleicht kommen noch andere Themen hinzu.“

Es soll auch um die Nutzung von Technologien und Künstlicher Intelligenz gehen. Wie hängt das mit Wissen und Partizipation zusammen? Was genau wollen Sie untersuchen?

„Das ist ein Themenbereich, den wir bisher noch nicht so stark entwickelt haben, der mir aber sehr wichtig ist. Denn wir befinden uns in einer Welt, in der wir ständig mit Technologie konfrontiert sind. Das bietet uns viele Vorteile. Aber es schafft auch neue Wissenshierarchien. In der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz ist das gut sichtbar. Welche Daten fließen in diese Blackbox der großen Sprachmodelle ein? Welches Wissen gilt dort? Und was wird statistisch übersehen? Wir sollten uns eben auch fragen, was diese digitale Revolution mit den Bürgerwissenschaften macht. Bisher haben Laien oft etwa Daten sortiert. Vielleicht werden sie dafür künftig aber nicht mehr nötig sein, weil ein Chat dies schneller und besser erledigen kann. Womöglich müssen wir die Rolle des ‚citizen scientist‘ deshalb neu denken – als jemand, der mit der KI interagiert und sie kontrolliert. Um ein Beispiel zu geben: Vor einigen Monaten haben wir in Budapest im Rahmen der European Holocaust Research Infrastructure einen Workshop organisiert. Laien, meistens Studentinnen und Studenten, haben dabei Zeitzeugenberichte über die Schoa annotiert, damit daraus neue Sprachmodelle entwickelt werden können. Ich muss sagen, dass es mich positiv überrascht hat, wie groß das Interesse war und wie intensiv die Teilnehmer dabei waren.“

Wie groß ist Ihr Team hier in Prag?

„Wir sind zu viert. Neben mir sind hier noch zwei Postdocs und eine Doktorandin. Wir haben unsere Tätigkeit erst vor einigen Wochen aufgenommen. Also entwickelt sich alles erst noch.“

Und zu welchen Themen forschen Ihre Mitarbeiter?

„Es gibt eine Promotion und ein Postdoc-Projekt, die sich beide mit Feminismus befassen. Die Projekte sind aber sehr unterschiedlich. Einmal geht es um die Tschechische Republik und Facebook und einmal um russische feministische Akteurinnen und Akteure, von denen die meisten aufgrund der Situation in ihrem Heimatland zu Flüchtlingen geworden sind. In beiden Fällen forschen wir nicht nur über diese Gruppen, sondern mit ihnen. In dem zweiten Postdoc-Projekt geht es um Zeitzeugenberichte über den Holocaust der Juden sowie der Sinti und Roma. Konkret stehen Zeitzeugenaussagen anhand von Landkarten im Fokus. Das ist eine ganz neue Richtung.“