Erster Bibliotheksbau der Böhmischen Länder: Die Chotek-Sammlung auf Schloss Kačina

Schönes Ausflugsziel, beliebte Filmkulisse, bezauberndes architektonisches Werk: Die Chotek-Bibliothek ist das Herzstück von Schloss Kačina. Dieses liegt nur vier Kilometer nordöstlich von Kutná Hora entfernt und ist umgeben von einem ebenso sehenswerten, weitläufigen Park.

Liest man einen guten Roman, lässt man sich von ihm in eine andere Welt entführen. Diese Wirkung hat auch der Bibliotheksbau von Schloss Kačina. Beim Anblick der Kuppel, die den Büchersaal mit Tageslicht flutet, muss der Besucher einfach ins Staunen kommen.

Foto: NZM Kačina

Und genau das wollte der Bauherr Johann Rudolph Chotek von Chotkow und Wognin auch. Der Adlige ließ die gesamte Schlossanlage im Kolonialstil in den Jahren 1806 bis 1824 errichten, als Sommersitz seiner Familie. Sie sei Choteks Lebenstraum gewesen, erläutert Pavel Douša. Er ist der Leiter der Außenstelle des Nationalen Landwirtschaftsmuseums (NZM), die heute im Schloss untergebracht ist.

„Schon seit Ende des 18. Jahrhunderts kontaktierte Chotek andere Adelsfamilien in Europa und ließ sich die Pläne ihrer Herrschersitze und Parks zuschicken. Er plante einen Sommersitz in der Umgebung des Schlosses in Nové Dvory, das seine Familie Mitte des 18. Jahrhunderts gekauft hatte. Dieses war der Stellung Choteks nun nicht mehr angemessen, denn der Graf war so etwas wie der Finanzminister. Am Wiener Hof diente er als Oberstburggraf und damit als Verwalter von Böhmen, hatte also eine der höchsten politischen Funktionen inne. Deswegen brauchte er einen repräsentativen Sitz.“

Schloss Kačina | Foto: ivabalk,  Pixabay,  Pixabay License

Noch heute ist zu sehen, dass Schloss Kačina diesen Zweck hervorragend erfüllte. An dem Bau waren mehrere europäische Fachleute beteiligt, federführend der Dresdener Hofarchitekt Christian Friedrich Schuricht. Laut Douša hat Graf Chotek die Entwürfe aktiv mitgestaltet und sich vor allem von Schlossanlagen in Irland sowie Sankt Petersburg inspirieren lassen...

Foto: NZM Kačina

„Schloss Kačina sollte seinem Besitzer als Unterkunft für jeweils drei oder auch sechs Wochen dienen. Und dies ebenso für seine Gäste, denn Chotek kam nie allein hierher, sondern immer mit anderen Adligen. Zudem war in seinen Vorstellungen von Anfang an eine Bibliothek enthalten. Seine Pläne sahen zwei Pavillons auf dem Areal vor, die der Wissenschaft und der Kunst geweiht waren. Für die Wissenschaft entstand also der Büchersaal – der erste eigenständige Bibliotheksbau, der zu diesem Zweck auf tschechischem Boden errichtet wurde.“

Etwa 40.000 Bücher sind heute in den Räumen untergebracht. Das Besondere ist, dass die Regale entlang des Rundbaus so platziert wurden, dass sie nicht die Außenmauern berühren. Die Luftzirkulation schütze sie auf diese Weise vor klimatischen Schwankungen, schildert Douša.

Foto: NZM Kačina

Anleitungen zur Schlossverwaltung

Der Büchersaal sei als enzyklopädisches Werk konzipiert, merkt Pavel Douša an. Die Regale seien durchnummeriert und nach Fachbereichen aufgeteilt. Man finde hier etwa Bücher zur Archäologie, Heilkunde, Architektur oder Rechtswissenschaft, aber auch schöne Literaturbände. Der Museumsleiter fährt fort:

Foto: NZM Kačina

„Der Bibliotheksbestand sollte seinem Besitzer bei der Verwaltung seines Anwesen helfen – damit er hier bauen und wirtschaften sowie Landwirtschaft betreiben konnte. Das älteste Buch stammt aus dem 15. Jahrhundert, und es gibt auch eine ganze Reihe von Handschriften. Choteks Persönlichkeit spiegelt sich zudem in dem Bestand zu Theater und Musik wider. Hier finden sich also Bücher über die Theaterkultur, mit der die Choteks erzogen wurden und die sie unterstützten.“

Foto: NZM Kačina

Zum Schloss gehört nämlich auch ein eigenes Theater. Es ist im zweiten der beiden Kunstpavillons untergebracht. Schon im Familiensitz in Nové Dvory habe es ein Gartentheater gegeben, informiert Douša:

„Interessant ist, dass die Choteks selbst in den Stücken spielten. Und sie erdachten und schrieben auch welche. Sogar die Kulissen malten sie selbst und fertigten Plakate an. Dies war eine Art Vorbereitung auf ihr späteres gesellschaftliches Leben, wenn sie in verschiedene Funktionen ernannt werden sollten. Somit übten sie schon in der Kindheit ihr Auftreten.“

Foto: NZM Kačina

Gebildete Bibliothekare

Zu den weiteren Räumlichkeiten im Schloss gehört auch die Bibliothekarswohnung. Sie ist heute nicht mehr im Originalzustand, da sie im 20. Jahrhundert anderweitig genutzt wurde. Man habe sie zu Ansichtszwecken aber wieder so ausgestattet, wie sie zuvor ausgesehen haben könnte, sagt Douša. Er betont, dass sehr gebildete Leute als Bibliothekare auf Schloss Kačina tätig gewesen seien – unter ihnen etwa ein Vertreter des niederen Adels:

Foto: NZM Kačina

„Ihnen wurden noch weitere Funktionen auf dem Anwesen übertragen. Sie waren also nicht nur als Bibliotheksverwalter angestellt, sondern auch als Erzieher, Lehrer oder Pfarrer. Man muss dazusagen, dass der Graf selbst als eigentlicher Bibliothekar fungierte. Er beteiligte sich an der Anschaffung und dem Ankauf von Büchern, ebenso wie an ihrer Erfassung.“

Ein Großteil des Bücherverzeichnisses in Kačina wurde jedoch in der Ära nach den Choteks angelegt. 1911 starb der letzte Besitzer mit dem Namen, und das Anwesen wurde an einen Neffen italienischer Abstammung vererbt. Er hieß Guido von Thun und Hohenstein und war der letzte adelige Schlossherr. Auch er habe noch Anschaffungen für die Bibliothek gemacht, und das vor allem für die Kartensammlung, berichtet Douša. Aber zu dieser Zeit habe man sich vor allem auf die Bestandsinventur konzentriert...

Foto: NZM Kačina

„Denn es gab den Gedanken, einige Bücher zu verkaufen. Das hing mit der Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren zusammen, die auch den letzten Eigentümer hart traf. Schloss Kačina wurde als Pfand bei der Bank eingesetzt. Und darum wurde darüber nachgedacht, wie die hiesigen Reichtümer zu Geld gemacht werden könnten. Dadurch haben wir sehr genaue Listen dessen, was sich alles in Kačina befand und heute noch befindet.“

Denn die Verkaufspläne seien zum Glück nicht umgesetzt worden, fügt Douša hinzu.

Im weiteren Schicksal von Schloss Kačina spiegelt sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Zu Zeiten des sogenannten „Protektorats Böhmen und Mähren“ wurde die Anlage zunächst von der Hitlerjugend genutzt, dann von Truppen der russischen Wlassow-Armee, die auf Seiten der Deutschen kämpften. In dieser Phase habe es glücklicherweise keine Schäden an den Bibliotheksbeständen gegeben, unterstreicht Douša. Und seit 1950 dient das Schloss als Außensitz des nationalen Landwirtschaftsmuseums.

Foto: NZM Kačina

Johnny Depp war schon da

Die Chotek-Bibliothek habe eine besondere Magie, der man sich als Besucher nicht entziehen könne, sagt Pavel Douša nicht ohne Stolz. Kein Wunder, dass hier immer wieder Filmteams arbeiten, sowohl einheimische als auch internationale. Die ersten Dreharbeiten im Schloss fanden bereits 1943 statt. Der Museumsleiter:

„Hier werden nicht nur Filme, Serien und Dokumentarfilme gedreht, sondern auch Konzerte aufgenommen oder Videoclips. Viele Besucher kommen in die Bibliothek, weil sie jenen Ort sehen wollen, an dem auch schon Johnny Depp oder Keanu Reeves waren. In letzter Zeit machten Serien wie ‚Maria Theresia‘ oder ‚Die Kaiserin‘ auf uns aufmerksam. Solche Dinge schaffen den Menschen heutzutage einen Zugang zur Geschichte.“

Zum Thema Kačina als Filmkulisse wird im Schloss sogar eine VIP-Besichtigungstour angeboten, für die aber eine Vorabreservierung notwendig ist. Die Tour durch die Bibliothek, das Theater und die Kapelle ist jedoch ständig und ohne Anmeldung zugänglich.

Foto: NZM Kačina

Wir danken den Mitarbeitern der Außenstelle des Nationalen Landwirtschaftsmuseums in Kačina.

schlüsselwörter:
abspielen

Verbunden